Vorsprung durch Innovation Heinrich v. Pierer über den ganzheitlichen Ansatz zur Wohlstandssicherung

Archiv: Vorsprung durch Innovation Heinrich v. Pierer über den ganzheitlichen Ansatz zur Wohlstandssicherung

Hohe Preise kann im Markt nur durchsetzen, wer Besseres zu bieten hat als die Konkurrenz. Das gilt auch im Wettbewerb der Standorte – egal, ob man dafür das Schlagwort Globalisierung bemüht oder vermeidet. Nur wenn wir Deutsche um so viel besser sind, wie wir teurer sind, sichern wir uns weiterhin am Weltmarkt den Vorsprung, auf dem unser Wohlstand basiert. 

Wohlstandssicherung in diesem umfassenden Sinn darf man nicht auf die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen verkürzen, auch wenn die selbstverständlich zu einem stimmigen Gesamtbild gehören. Aber wer nur nach der Innovationskraft von Unternehmen ruft und nach Produkten, die natürlich in Deutschland hergestellt sind und auf Vorprodukten ebenfalls aus dem eigenen Land basieren, der macht es sich zu einfach. Hinter Endprodukten stehen internationale und oft sogar globale Wertschöpfungsketten. Autos, Kühlschränke oder Software tragen zwar auch dann zu Recht den Namen deutscher Hersteller und sind „Made in Germany“. Aber sie beruhen längst nicht nur auf Arbeitsplätzen in Deutschland. Es ist eben ein großer Irrtum, aus dem Spitzenplatz Deutschlands in der globalen Exportstatistik zurückzuschließen auf hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands für Wertschöpfung und Arbeitsplätze. 

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Die ganzheitliche Betrachtung verlangt einen sorgfältigeren Blick auf das Ganze. Man muss den Bogen schlagen von der Ausbildung in Kindergärten und Schulen bis zu Forschung und Innovationen, von der Einstellung zu Eigenverantwortung und unternehmerischer Selbstständigkeit bis zu den Rahmenbedingungen für Unternehmensgründungen etwa im Umfeld technischer Universitäten und staatlicher Forschungseinrichtungen. Wenn nicht alles täuscht, wächst inzwischen die Einsicht in ein breit angelegtes Verständnis und damit in die Differenziertheit anstehender Hausaufgaben am Standort Deutschland. Notwendig ist das allemal. Denn die Herausforderungen sind gewaltig. 

Mit Blick auf die vorwärts drängende Konkurrenz aus Asien, insbesondere aus China und Indien, gilt das allein schon für die große Zahl der Menschen dort. In China sind über 30 Millionen Menschen in Wissenschaft und Forschung tätig. Auch die jährlich rund 400 000 Absolventen eines Ingenieur-Studienganges – bei uns sind es gerade mal ein Zehntel dessen – geben eine Ahnung vom technischen Potenzial im Reich der Mitte. 

Beim rauen Wind, der uns von dort entgegenweht, geht es schon längst nicht mehr nur um billige Arbeitskräfte, sondern um die Kombination aus Low Cost, High Tech und einer enormen Motivation und Angriffsfreude, getrieben von dem starken individuellen Willen, sich vorzuarbeiten in bessere Lebensverhältnisse und eigenen (bescheidenen) Wohlstand. 

Chinesische Ingenieure und Wissenschaftler sind, anders als oft vermutet wird, nicht in erster Linie mit dem Kopieren von Blaupausen beschäftigt, sondern mit der Entwicklung eigener Technologien. Das neue strategische Ziel im Fünfjahresplan Chinas heißt „independent innovation“. Dabei denken die Chinesen an dreierlei: Erstens unabhängiger zu werden von Know-how-Transfer aus dem Ausland durch Schaffen einer starken eigenen Technologiebasis, zweitens ihr Land mit selbst entwickelter High Tech in eine Führungsposition zu bringen und drittens sich im Weltmarkt mit High-Tech-Exporten durchzusetzen. Dabei geht es zum Beispiel um Automobiltechnik, Luft- und Raumfahrt, IT- und Kommunikationstechnik, Halbleitertechnik, Nano-, Gesundheits- und Biotechnologie sowie Energietechnik einschließlich Kernenergieforschung. 

Das zeigt: Die westlichen Industrieländer werden genau da herausgefordert, wo heute ihre größten Vorsprünge liegen. Deshalb ist es nur konsequent, dass Regierungen und Unternehmen Strategien und Aktivitäten entwickeln, die eigenen Stärken zu sichern und sich erfolgreich zu behaupten. Die US-Regierung hat das mit der so genannten Palmisano-Kommission getan und nutzt nicht zuletzt den Hebel des 400-Milliarden-Dollar-Verteidigungsbudgets für umfassende staatlich finanzierte F&E-Aktivitäten. 

Auch wir müssen den Vorsprung durch Innovation suchen auf Basis einer Verbesserung und Leistungssteigerung unseres Bildungssystems. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag und fortgesetzt mit einer ganzen Reihe von Aktivitäten – von der Steigerung des F&E-Budgets über die Föderalismusreform mit ihrer klaren Zuordnung von Zuständigkeiten im Bildungsbereich bis jüngst zum Energiegipfel – Entschlossenheit gezeigt. Bei Konzentration der Kräfte auf die richtigen Themen und einem verbesserten Zusammenspiel aller relevanten Akteure auf der öffentlichen und privaten Seite soll der neu gegründete Rat für Innovation und Wachstum die Bundeskanzlerin unterstützen. Er wird sich in Kürze konstituieren und seine Arbeit starten. Erste Themenfelder zeichnen sich bereits ab: 

Verbesserung der Rahmenbedingungen für Venture Capital und Firmengründungen. Intensivierung der Zusammenarbeit von Forschungsinstituten und Universitäten mit Unternehmen, damit Forschungsergebnisse schneller am Markt Ertrag bringen. Dafür gibt es Vorbilder zum Beispiel aus den USA, Israel und Singapur. 

Systematischer Ausbau wichtiger Innovationsfelder durch konkrete Aktivitäten. Selbstverständlich möchte der Rat dabei die erfolgreiche Projektarbeit von „Partner für Innovation“ aufgreifen. 

Der Rat soll ein Impulsgeber sein – Impulsgeber in einem Mannschaftsspiel. In einem schlüssigen Gesamtansatz muss an vielen Stellen das Richtige passieren. Die Potenziale Deutschlands stehen außer Frage. Heben lassen sie sich nur, wenn viele mitmachen. 

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