Wärmendes Fingerkleid

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Für die meisten sind Handschuhe ein Kälteschutz.Doch nun erlebensie ein Comebackals Modeaccessoire. 

Es ist frostig geworden draußen und damit wieder Zeit für Handschuhe. Für die meisten Deutschen sind Handschuhe vor allem ein wärmendes Zweckbekleidungsstück. Den Markt dominieren dementsprechend einfache Strickhandschuhe aus Baumwolle oder Synthetik, die schon für wenige Euro zu haben sind. Mehr als 100 Millionen Paar wurden im letzten Jahr nach Deutschland eingeführt, Lederhandschuhe dagegen nur knapp sieben Millionen. 

Nun beobachten Modehersteller jedoch eine Trendwende: „Der Handschuh wird als Accessoire und Stylingelement wiederentdeckt“, sagt Annette Roeckl. Die Geschäftsführerin leitet das gleichnamige Münchner Familienunternehmen in der sechsten Generation. In den vergangenen Jahren konnte sie eine anziehende Nachfrage modischer Handschuhe beobachten. Die Verkaufszahlen stiegen bei Roeckl im vergangenen Jahr um über 20 Prozent. 

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Mehr als eine Million Handschuhpaare verkauftRoeckl pro Jahr. 2005 erzielte der europäische Marktführer 20 Millionen Euro Umsatz. Das Modell „Eastern Folk“ aus der neuen Kollektion zeigt, dass es bei Roeckl wahrlich nicht nur um Kälteschutz geht: Der Damenhandschuh aus Nappaleder ist mit Swarovski-Steinen und Brokatstickereien verziert und kostet 139 Euro. 

In der Vergangenheit erfüllte der Handschuh verschiedene Funktionen. Lange diente er als Herrschafts- und Rechtssymbol. So durften im Mittelalter die niederen Stände nur Fäustlinge tragen. Friedrich Schiller setzte dem Bekleidungsstück gar ein lyrisches Denkmal: Ritter Delorges soll den Handschuh des schönen Fräuleins Kunigunde aus einem Zwinger voller Löwen und Leoparden holen, um ihr seine Liebe zu beweisen. Er besteht die Prüfung. Mit den Worten „den Dank, Dame, begehr ich nicht“ wirft er jedoch der Edeldame den Handschuh ins Gesicht – und verlässt sie. 

Tradition und Geschichte kennzeichnen auch das Geschäft von Roeckl. Die 1839 gegründete Firma belieferte den bayrischen Hof, und selbst die Finger von Kaiserin Sissi schmückten und schützten Roeckl-Handschuhe. Die Macher des Films „Das Parfum“ wollten sich Originalstücke aus der Firmensammlung als Vorlagen für die Requisite ansehen. Daraus entstand dann eine besondere Kooperation: Roeckl produzierte Handschuhe für Tom Tykwers Kinohit, die nun auch als Sonderedition erhältlich sind. 

Ein längeres Modell aus hellem Nappaleder mit drei besonders aufwendigen Ziernähten bringt Geschäftsführerin Roeckl ins Schwärmen: „Das ist ein wahres Kunstwerk.“ Eigentlich seien Handschuhmacher mehr Künstler als Handwerker, sagt sie. Doch in Deutschland ist das eine brotlose Kunst: Der Traditionsberuf ist fast ausgestorben. Auch Roeckl lässt ihre Stücke seit zehn Jahren in Rumänien fertigen. 

oliver voß | unternehmen@wiwo.de 

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