Archiv: Weiteres Relikt

Geld+Börse I Spezial Zertifikate Mit Anlagezertifikaten lässt sich breit gestreut in  alternative Märkte investieren. Oft sind jedoch die Klassiker besser. 

Sie sind in Autotanks, auf der Haut und auf dem Teller. Doch erst seit Chinas Hunger die Preise für Öl, Erz oder Kupfer treibt und seit vom Handel mit Baumwolle und Weizen auch Anleger profitieren können, haben die Banken das Thema Rohstoffe für sich und den privaten Investor entdeckt. 

Wieder einmal spät – seit dreieinhalb Jahren streben Rohstoffindizes Jahr für Jahr mit zweistelligen Raten in die Höhe. „Inzwischen werden sehr viel mehr Rohstoffe als Basis von Zertifikaten angeboten: neben Rohöl, das Gold als führenden Basiswert abgelöst hat, Agrarprodukte wie Kakao, Kaffee oder Schweinebäuche“, sagt Harald Schnabel, Chef der Stuttgarter Börse Euwax. Neben spekulativen Einzelinvestments auf Gold, Öl oder Orangensaft gibt es nun auch interessante Angebote auf Indizes, die mehrere Basiswerte enthalten. 

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Der Goldman Sachs Commodity Index (GSCI) hält häufig als Messlatte her. Er gilt als wichtigster Rohstoff-Indikator weltweit – auch weil er auf den ersten Blick breit gestreut ist. Er bündelt 24 Rohstoffe von Baumwolle über Sojabohnen, von Kaffee bis hin zu Silber, Gold, Öl und Gas. Seit Jahresbeginn kletterte der Index um rund 15 Prozent. Das lag allerdings weniger am gestiegenen Kaffeepreis als vielmehr an den hohen Energiepreisen. Denn Energierohstoffe machen fast drei Viertel der GSCI-Gewichtung aus. Bei einem Investment in einen Rohstoffbasket sollten Investoren beim GSCI und anderen Indizes also nicht nur die Ingredienzen unter die Lupe nehmen, sondern wie bei einem guten Gericht auch das Gewicht der Zutaten sorgsam abwiegen. So besteht ein Industrial Metalls Basket Zertifikat von ABN Amro zu je 35 Prozent aus Werten auf Aluminium und Kupfer, zu 15 Prozent aus Zink, zu zehn Prozent aus Nickel und zu fünf Prozent aus Blei. Ein Preissprung bei Blei beispielsweise hilft dem Zertifikate-Investor kaum. Haussiert Kupfer, profitiert der Anleger schon deutlich. 

Zudem sollten Investoren prüfen, auf welcher Basis die Rohstoffe berechnet werden. So war für die hervorragende Performance des GSCI in diesem Jahr äußerst hilfreich, dass der Index sich auf künftige Preise bezieht, die über so genannte Futures an den Terminbörsen dieser Welt an den Mann gebracht werden. 

In Erwartung höherer Ölpreise liegen beispielsweise schon seit längerem die Öl-Futures über den aktuellen Tageskursen für Rohöl in Rotterdam oder New York. Das muss aber nicht so bleiben. Denn Futures können durchaus auch eine niedrigere Preiserwartung widerspiegeln. Investoren, die den Wert eines GSCI-Zertifikats mit den aktuellen Marktpreisen und nicht mit den Kursen der Futures messen, vergleichen also Äpfel mit Birnen. Zumal auch spekulatives Geld an die Rohstoffterminbörsen fließt, das bei einem schnellen Abzug oft zu deutlichen Preisverwerfungen führt. So müssen sich Anleger selbst bei einem Basket wie dem GSCI, auf den beispielsweise ABN Amro Endloszertifikate anbietet, auf stärkere Schwankungen einstellen. 

So wie im Jahr 2001, da brach der GSCI im Jahresverlauf um ein Drittel ein. Vom diesjährigen Hoch verlor der Index bisher zehn Prozent. Insgesamt waren 2004 und 2005 jedoch hervorragende Jahre für die noch rar gesäten Rohstoff-Basket-Zerti- » fikate. Knapp 15 Prozent schafften sie vergangenes Jahr im Durchschnitt. Und auch in diesem Jahr ist die Rendite trotz des Einbruchs immer noch zweistellig. 

Allerdings kostet der Einstieg in die Rohstoffwelt einiges. Denn neben Ausgabeaufschlägen und jährlichen Gebühren kommen die ständigen Wechsel der Terminkontrakte und die damit verbundenen Kosten dazu. Das gilt bei Metall- oder Energiebaskets ebenso wie bei Agrarzertifikaten (siehe Kasten). Auch das nicht seltene Umschichten der Rohstoffgewichte innerhalb des Index kostet Rendite. 

Hedgefonds-Zertikate können von Gewinnen wie bei Rohstoffen nur träumen. Die hochfliegenden Hoffnungen auf zweistellige Renditen unabhängig von der Lage an den Finanzmärkten weckte die Zertifikate-Industrie passgenau, als es mit den Aktienkursen bergab ging. Schlaflose Nächte mussten Hedgefonds-Anleger zwar nicht erleben. Aber die Erträge tendieren faktisch gegen null: 2004 waren es gerade 3,6 Prozent – das kostet schon der Ausgabeaufschlag. Auch über Jahre betrachtet bleibt das Ergebnis ernüchternd. So schafften 20 in Deutschland erhältliche Hedge-Zertikate gerade mal 4,5 Prozent Ertrag pro Jahr. Aktien hätten zurselben Zeit den selben Ertrag gebracht, simple Staatsanleihen mit überschaubarerem Risiko brachten bessere Renditen (siehe Tabelle Seite 110). 

Der beste Ausreißer nach oben – ein Merrill-Lynch-Zertifikat – brachte immerhin sieben Prozent. Am schlechtesten lief ein Zertifikat der HypoVereinsbank, das in den vier Jahren seit Auflegung 0,01 Prozent jährliche Rendite abwarf – abzüglich Depotgebühr. Kein Wunder, dass Anleger statt erhoffter zehn Milliarden Euro 2004 in Hedge-Zertifikate und -fonds mit einer Milliarde Euro gerade einmal ein Zehntel der Traumsumme investierten. 

Nicht nur wegen mickriger Renditen. Es mangelt auch an Transparenz. Was mit seinem Geld genau geschieht? Da kann der Anleger nur rätseln. Die Manager der unterlegten Indizes verkaufen beispielsweise geliehene Aktien, in der Hoffnung, sie später billiger zurückkaufen zu können. Sie nutzen kleine Preisdifferenzen am Rentenmarkt, setzen auf Rohstoffe wie Öl oder spekulieren mit Währungen und hoffen auf Gewinne bei Übernahmenschlachten. 

Die Zertifikate-Köche servieren ihren Investoren häufig Produkte auf eigenwillig kreierte Sonderindizes. „Es fehlt an nachvollziehbaren Standards“, beklagt Ralf Fix, Manager beim Luxemburger Aegis Fund. 

Die meist geringen Gewinne dieser Zertifikate lohnen kaum die Mühe, sich als Anleger im eigenen Interesse mit den intransparenten Produkten zu befassen. Investoren sollten sich vorher erklären lassen, in welche Strategien, Märkte oder Indizes ihr Hedge-Zertifikat investiert. Zudem sind angesichts der schwachen Performance der vergangenen Jahre Ausgabeaufschläge von mehr als zwei Prozent nicht akzeptabel. Verlangt das Management zudem mehr als 0,75 Prozent Gebühren pro Jahr, ist der Prospekt reif für den Papierkorb. 

Auch in Private Equity – also die Finanzierung junger und bereits etablierter Unternehmen – lässt sich über Zertifikate investieren. Ähnlich wie bei Rohstoffen sollte ein breiter Index mit gleich 10 oder 20 Beteiligungsgesellschaften einen Risikopuffer garantieren. Theoretisch. Die Realität sieht anders aus. Obwohl die Branche dank der von SPD-Chef Franz Müntefering angezettelten „Heuschrecken“-Diskussion derzeit die Schlagzeilen beherrscht, bringt sie keine neuen Produkte auf den Markt. Der Grund: Renditen von 20 bis 30 Prozent, die die Investoren angeblich pro Jahr verdienen, kommen beim Anleger nicht an. 

So vernichteten seit dem Jahr 2000 aufgelegte Zertifikate auf Beteiligungsgesellschaften durchschnittlich gut elf Prozent des Kapitals – pro Jahr. Zeitweise rutschten Erstzeichner bis zu 80 Prozent in den Keller. Das Problem: Zwar ist bekannt, welche Beteiligungsunternehmen im Zertifikat gebündelt sind. Doch die Berechnung ihres Wertes bleibt dem Anleger verborgen. 

Das Schattendasein der verbliebenen Zertifikate am Markt wird spätestens im Jahr 2010 beendet sein. Dann läuft mit dem P3-Zertifikat der Dresdner Bank das letzte Papier aus – und ein weiteres Relikt der New Economy wird vom Markt verschwinden. 

christof.schuermann@wiwo.de 

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