Archiv: Wellness-Maschine

Die Sportgeräte-Schmiede Technogym baut stylische Kraftmaschinen, an denen sich Muskeln und Augen weiden. 

Ein Zeitreisender aus vergangenen Jahrhunderten würde über viele Erfindungen unserer Tage staunen, aber kaum eine käme ihm so merkwürdig vor wie das Fitness-Studio. Da bedienen Menschen unter physischen Strapazen allerlei Geräte und produzieren unter höchster Anstrengung das absolute Nichts. In einer ironischen Wendung des Schicksals konstruieren wir heute Maschinen, die künstliche Belastungen herstellen, radeln auf der Stelle, rudern auf dem Fleck, steigen Treppen ins Nirgendwo. 

Vertical Traction. Meine Rückenmuskulatur und mein Bizeps spielen Kran und liften Stahlplatten. 20-mal ziehe ich 60 Kilogramm langsam nach oben, um sie in Zeitlupe wieder herabzulassen. 20 mal 60 macht 1200 Kilogramm, das Leergewicht eines Volkswagen Golf. Wer hätte je gedacht, dass solche Muskelspiele einmal zur Volksbewegung werden? Nerio Alessandri, ein technischer Zeichner aus dem italienischen Gambettola, hat es rechtzeitig geahnt. 1983 kündigt der damals 22-Jährige seinen krisenfesten Job in einem Verpackungsunternehmen baut in der Garage seines Vaters Trainingsmaschinen für Bodybuilder – zuversichtlich, eine lukrative Marktlücke entdeckt zu haben. „Die Leute sitzen einfach zu viel auf ihrem Hintern, aber der menschliche Körper ist nicht zum Herumsitzen gemacht.“ Er nennt seine Firma „Technogym“, Technik für die Sporthalle. 

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Das Geschäft geht blendend, es platzt aus allen Nähten, in wenigen Jahren wächst es auf Weltmarktformat. 1400 Mitarbeiter zählt das Unternehmen heute und exportiert seine Produktion in 100 Länder. Umsatz im vergangenen Jahr: 275 Millionen Euro. Damit ist Alessandri der Marktführer in Europa und steht weltweit an Nummer drei. 

Upper Back. Kennen Sie Ihren Rautenmuskel? Hier kommt er zum Einsatz, und zwar in einer mächtigen Allianz mit dem Dreieckigen Schultermuskel, dem Großen Rückenmuskel, mit Bizeps und Trapezmuskel. Meine zweite Disziplin ist wie Rudern, nur schwerer. Der Rautenmuskel brennt. Die Qual fällt leichter, wenn man sich vorstellt, dass auf unserem Planeten in diesem Moment Tausende von Rautenmuskeln gegen den ergonomisch optimierten Widerstand der Marke Technogym kämpfen. 

Alessandris Muskelmaschinen stehen in 35 000 Fitness-Studios und außerdem bei 20 000 Privatleuten. Madonna stählt ihren Körper in einer eigenen Technogym, dito Style-Guru Tom Ford. Michael Schumacher hatte bei jedem Grand Prix der Formel 1 seinen fahrbaren Kraftraum dabei. Die Squadra Azzurra sowie die Teams von Juventus Turin, Inter Mailand und die Segler der America’s-Cup-Crew von Prada, allesamt trainieren sie mit den Muskelmaschinen der Sportgeräte-Schmiede in Gambettola, ein paar Autominuten von Rimini. 

Abdominal Crunch. Zugegeben, es klingt eher nach einer schmerzhaften Verletzung als nach einer Wohltat, aber der Gerade Bauchmuskel wird es Ihnen danken. 40 Kilogramm und so oft wiederholen, bis der Bauch zittert. Und dann noch zehnmal. 

Nerio Alessandri vermeidet jede Anspielung auf die Marter, die von seinen Geräten ausgehen kann. Stattdessen setzt er ganz auf die sanfte Tour. 1990 ergänzt er den Namen seines Unternehmens um die Zauberformel „The Wellness Company“. Fitness steht für Schinderei, Schweiß und Muskelkater, Wellness verspricht das genaue Gegenteil, pures, unverfälschtes Wohlbehagen. „In gewisser Weise fühlen wir uns als Missionare“, sagt Alessandri. Ziel seines Unternehmens sei es, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. 

Chest Press. Beschäftigung für Brustmuskel, Trizeps und den Dreieckigen Schultermuskel, sie schieben zwei Hebel nach vorn, die über Seilzüge und Rollen Gewichte wuchten. 20 mal 50 Kilogramm, eine Tonne. Ausatmen im Drücken, einatmen beim Schieben. Ommm. 

Der Unterschied zwischen „fit“ und „well“ liegt nicht allein in der Funktion, sondern auch in der Form. Technogym ist nicht allein clevere Mechanik, an der Ingenieure und Informatiker zusammen mit Biologen, Orthopäden und Sportmedizinern gefeilt haben, die Maschinen haben auch eine stylische Design-Optik. „Fitnessgeräte“, sagt der Firmengründer, „stehen im Keller. Unsere Wellness-Maschinen passen ins Wohnzimmer.“ 

Für die Gestaltung seiner jüngsten Erfindung Kinesis hat Alessandri Italiens Stararchitekt Antonio Citterio engagiert. Wer das Konzept nicht kennt, weiß es nicht zu deuten: Eine Kombination von Streben und Haken an der Wand, wahlweise in blitzblankem Edelstahl oder monochromer Lackierung, dazu ein Sortiment von Kabeln und Griffen, an denen sich 300 verschiedene Übungen absolvieren lassen, Tai-Chi gegen den Widerstand der Seile, ein athletischer Tanz, Wellness für die eigenen vier Wände. Innovation ist alles in diesem Geschäft, Training darf nie langweilig werden. 

Cardio Wave. Eine neue Art Stepper, die Pedale gehen nicht auf und ab, sie gleiten seitwärts, simulieren den Bewegungsablauf vom Inline-Skaten. „Maximale Wirkung auf die Po-Muskulatur“ verspricht Technogym. Ich spüre es schon nach zehn Minuten, ungewohnt, mein Puls steigt auf 140 Umdrehungen. Das Gerät ist mit einem Bildschirm ausgestattet, ich könnte jetzt beim Gleiten das TV-Programm einschalten oder den DVD-Player. Aber ich schalte auch die Gedanken lieber auf Leerlauf. Und genieße die völlig unsinnige, garantiert ziellose Anstrengung. 

Olaf Kanter 

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