Archiv: Wichtigste Lektion

Stefan Baron über den Kampf gegen die Vogelgrippe 

Jedem Anfang, so schreibt Hermann Hesse in seinem berühmten Gedicht „Stufen“, wohne ein Zauber inne. Es gilt als das Lieblingsgedicht von Angela Merkel. 

Leider ließ der Anfang der Amtszeit unserer neuen Bundeskanzlerin jeden Zauber vermissen. Mit ihren Besuchen in Paris, Brüssel und London fing Merkel doch arg konventionell an und verpasste damit ihre erste große Chance, der großen Koalition gleich zu Beginn ihren Stempel aufzudrücken und ein eigenes Gepräge zu geben. 

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Dafür hätte Merkel nach Peking fliegen müssen. Denn dort wächst in diesen Wochen die größte Gefahr für Wohlstand und Wohlergehen unseres Volkes, ja, der gesamten Menschheit, heran: der Ausbruch einer Vogelgrippe-Pandemie. 

Wir haben schon vor einigen Wochen über Hinweise darauf berichtet, dass die chinesische Regierung das wahre Ausmaß der Vogelgrippe in ihrem Land verschweige (Heft 44/2005). Jetzt verdichten sich die Hinweise: Anfang der Woche legte der angesehene Virologe Masato Tashiro vom Nationalen Institut für Infektionsforschung in Tokio einen inoffiziellen, unveröffentlichten Bericht vor, der ihm „von einer zuverlässigen Quelle“ auf seiner soeben beendeten China-Reise zugesteckt worden sei. 

Das Dokument beschreibt eine schockierende Seuchen-Lage in China. Von „mindestens 300 Toten“ infolge der Vogelgrippe in dem Lande ist da die Rede. Bei sieben von ihnen sei eine „Übertragung von Mensch zu Mensch wahrscheinlich“. Die offizielle Statistik der Weltgesundheitsorganisation weist dagegen weltweit bisher nur rund 150 mit dem Virus infizierte Menschen und 71 Tote aus. Peking hat bisher ganze drei infizierte Menschen und einen Toten gemeldet. Tashiros Kommentar: „Wir werden systematisch belogen.“ 

Es könnte die folgenschwerste Lüge der Weltgeschichte werden. Wenn das Dokument des Dr. Tashiro tatsächlich die wahre Lage wiedergibt, ist das tödliche Vogelgrippe-Virus in China gerade dabei, die letzte Hürde vor einer Pandemie zu überwin-den, die leichte Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch: Über 300 Tote, das wären bei einer Sterblichkeitsrate von bisher mindestens 40 Prozent über 1000 infizierte Menschen – und ebenso viele Chancen, zum Killer-Virus für die Menschheit zu mutieren. 

In dem Bestseller „The great influenza“ hat der amerikanische Buchautor John Barry die bisher verheerendste Plage in der Menschheitsgeschichte, die Grippe-Pandemie von 1918 beschrieben, die weltweit schätzungsweise 50 Millionen Menschenleben forderte. „Die vielleicht wichtigste Lektion“ daraus, so Barry, sei, „dass die Regierungen die Wahrheit sagen“. Diese Lektion habe die Welt bisher jedoch „noch nicht gelernt“. Mit Blick auf die Vogelgrippe fordert der Autor denn auch „ernsthafte diplomatische Anstrengungen“ der Weltgemeinschaft – gerade in Richtung China. 

Mit einem Besuch in Peking könnte die Bundeskanzlerin sich an die Spitze solcher Anstrengungen stellen und sich womöglich unsterbliche Verdienste erwerben – um unser Land, um China und die ganze Welt: Der Exportweltmeister Deutschland wäre von einer Grippe-Pandemie besonders stark betroffen. Zugleich würde der Wiederaufstieg Chinas brutal gestoppt, und das Ansehen des Landes in der Welt nähme wohl auf ewig Schaden. 

Eine Vogelgrippe-Pandemie ist die größte terroristische Gefahr, die uns derzeit droht. Selbst der fundamentalistisch-islamistische Terror nimmt sich im Vergleich dazu harmlos aus. Die „Soft Power“ Deutschland sollte die Chance nutzen, bei der Bekämpfung dieser terroristischen Gefahr die Führung zu übernehmen. Eine noblere (und wichtigere) Aufgabe in der Weltpolitik lässt sich für ein Land wie das unsere – und eine christlich-soziale Koalition – kaum denken. 

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