Archiv: Wie ein Geschenk

Stefan Biskamp über Patriotismus 

Viel ist seit der Fußball-WM über einen neu erwachten Patriotismus in Deutschland geredet und geschrieben worden. Über einen fröhlichen, unverkrampften Stolz auf das eigene Land. Gepaart mit warmherziger Gastfreundschaft. 

An anderer, entscheidender Stelle ist die unverkrampfte Balance zwischen Gastlichkeit und Patriotismus in Deutschland leider noch nicht in Sicht: in der Wirtschaftspolitik. Amerikaner und Briten, Franzosen, Italiener und Spanier schützen Unternehmen aus ihren Kernbranchen vor dem Zugriff ausländischer Investoren. So blockiert Spanien seit Monaten den Einstieg des deutschen Energiekonzerns E.On beim Versorger Endesa. Vielleicht kommt E.On in wenigen Tagen, wenn sich die spanische Energiekommission zu einer Entscheidung durchringt, doch noch zum Zug. Aber unter welchen Bedingungen? 

Anzeige

Das ist nur ein Beispiel von vielen. Wie hier gibt es stets innenpolitische Gründe für die Intervention – und immer wieder vor allem einen: weil mit der Kontrolle über die Unternehmen am Ende auch Arbeitsplätze ins Ausland wandern. 

Eine selbstverständliche Erkenntnis für die Regierenden in Washington, London, Paris, Rom und Madrid. Aber nicht in Berlin. Dass Siemens vor wenigen Wochen die Netzwerksparte in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Handy-Konzern Nokia ausgliederte, empfand Bundeskanzlerin Angela Merkel „fast wie ein Geschenk“. Wohlgemerkt: Das Joint Venture, das einen der wichtigsten Technologiemärkte besetzt, wird von Helsinki und nicht von München aus gesteuert. Es heißt Nokia Siemens Networks und nicht Siemens Nokia Networks. Deutschland bewundere vieles, was Finnland in Vorbereitung auf die Globalisierung gelungen sei, sagte Merkel noch. 

Wäre einem französischen High-Tech-Konzern eingefallen, sich – wie nun Siemens – Schritt für Schritt aus einer Zukunftstechnik zu verabschieden, hielte sich im Élysée-Palast niemand lange mit Bewunderungen auf. Jemand würde zum Hörer greifen: Wie können wir helfen? 

Sicher, die Interventionen französischer Regierungen sind extrem, in vielen Unternehmen richten sie Schaden an, wie der Abstieg des unter nationalen Eitelkeiten und Intrigen leidenden Flugzeugkonzerns EADS und seiner Tochter Airbus belegt. Und dass Frankreich per direkter oder versteckter Beihilfen immer noch das IT-Unternehmen Bull am Leben hält – das einst IBM Paroli bieten sollte –, ist eine Posse. 

Aber es wäre ein Fehler, das Bemühen, zukunftsträchtige Unternehmen und Arbeitsplätze im Land zu halten, mit dem Verweis auf wirtschaftspolitische Auswüchse zu diskreditieren. Der Wiedergänger Bull taugt nicht zum Vorbild, sehr wohl jedoch der boomende Technologiepark, den Frankreich in Sofia Antipolis an der Côte d’Azur hochgezogen hat. Alles, was in der internationalen Computer-, Software- und Telekomszene Rang und Namen hat, ist in dieser Keimzelle eines europäischen Silicon Valley vertreten – blendende Karrierechancen für junge französische Wissenschaftler. 

So etwas ist in Deutschland allein aufgrund der zersplitterten Forschungslandschaft kaum möglich. Schwer vorstellbar, dass der von Merkel ins Leben gerufene Innovationsrat dieses Dickicht durchbricht. 

Doch vielleicht würde schon eine Prise Patriotismus hier und da helfen. So hatte der US-Beratungskonzern Accenture von der Bundesagentur für Arbeit den Millionenauftrag zum Bau des Virtuellen Arbeitsmarkts bekommen. Und im Windschatten Accentures profitierten kleine amerikanische Technologiefirmen von dem Deal. 

Das Geschenk hätte nicht sein müssen. Es gab doch auch deutsche IT-Dienstleister – T-Systems gibt es sogar immer noch. Oder die Siemens-Tochter SBS. Aber die wird gerade in ihre Einzelteile zerlegt. 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%