„Wir sind keine Sozialstation“

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Unternehmen+Märkte Der ZF -Chef Siegfried Goll über mögliche Zukäufe, die Konzentrationswelle in der Branche und die Vorteile eines Stiftungsunternehmens. 

Herr Goll, der insolvente US-Autozulieferer Delphi hat Ende März angekündigt, 21 seiner insgesamt 29 Fabriken zu verkaufen oder zu schließen. Ihre Wettbewerber Continental und Bosch haben schon Interesse bekundet. Und Sie? 

Auch wir werden uns das eine oder andere Werk anschauen. 

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Und wenn Volkswagen doch seine Komponentenwerke verkaufen sollte, wollen Sie da mitbieten? 

Wir halten uns mit einer Stellungnahme zurück, solange nicht klar ist, was Volkswagen eigentlich beabsichtigt. Aber wie andere Autozulieferer haben auch wir immer ein grundsätzliches Interesse, wenn es um Fahrwerk- und Antriebstechnik geht. 

Ob VW, DaimlerChrysler oder Opel – viele Autokonzerne fahren Sparprogramme und fordern von ihren Zulieferern einen Beitrag. Wie geht ZF damit um? 

Der Druck auf uns Zulieferer lässt nicht nach, die Forderungen nach Preisnachlässen gehören zu unserem Geschäft. Ich habe aber den Eindruck, dass das Thema Partnerschaft in den Beziehungen zwischen Hersteller und Zulieferer wieder an Bedeutung gewinnt. Das hängt auch davon ab, wie wichtig der Zulieferer für den Automobilhersteller ist. Die ZF ist ein attraktiver Partner, wir sind weltweit aufgestellt und haben innovative Produkte. 

Dennoch leiden auch Sie im US-Geschäft unter den Problemen der Autoriesen General Motors und Ford. 

Dass wir im vergangenen Jahr in den USA rote Zahlen geschrieben haben, hängt im Wesentlichen mit diesen beiden Kunden zusammen. Wir hatten rückläufige Umsätze, starken Preisdruck und keine ausreichende Möglichkeit, die gestiegenen Rohstoffpreise wie beim Stahl weiterzugeben. Zudem haben wir mehrere neue Produkte wie zum Beispiel die Vorder- und Hinterachse für die M- und R-Klasse von Mercedes mit hohen Vorleistungen wie etwa Investitionen in Werkshallen und Maschinen zu verarbeiten. Aber es gibt die klare Vorgabe, 2006 im US-Markt wieder positiv abzuschließen. 

Die Schwierigkeiten der amerikanischen Autobauer trieben US-Zulieferer wie Delphi oder Dana in die Insolvenz. Andere Wettbewerber werden übernommen. Wer bleibt übrig? 

Die Konzentrationswelle geht weiter, da wird es keinen Stillstand geben. An diesem Prozess beteiligen sich auch Finanzinvestoren aktiv. Aber ich betrachte weniger andere Unternehmen als unser Haus und über unsere Stiftung... 

...die ZF gehört über die Zeppelin-Stiftung mehrheitlich der Stadt Friedrichshafen... 

...haben wir eine stabile Situation und sind kein Übernahmekandidat. Diese Konstruktion hat Vor- und Nachteile im Vergleich zu börsennotierten Unternehmen: Wir können langfristig planen. Wir haben hohe Quoten bei Investitionen sowie Forschung und Entwicklung. Beide liegen über fünf Prozent des Umsatzes, damit liegen wir am oberen Rand der Branche. Und das Management muss keine Zeit aufwenden für die Kontakte zu Analysten, Banken und Investoren. Auf der anderen Seite können wir uns kein Geld am Kapitalmarkt beschaffen, auch deshalb müssen wir profitabel sein. 

Sind bei einem Stiftungsunternehmen die Arbeitsplätze sicherer? 

Wir haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Mitarbeitern und der Gesellschaft. Unser Ziel ist es, die Beschäftigung in Deutschland annähernd stabil zu halten. Dabei wird es Standorte mit Reduzierungen geben, andere werden noch ausgebaut. Dennoch betone ich immer wieder: Trotz Stiftungsmodell sind wir keine Sozialstation und müssen Geld verdienen; nur dann sind die Arbeitsplätze sicher. 

Sie sollen schon mal mit der Verlagerung von Jobs nach Osteuropa gedroht haben. 

Nochmals: Wir bekennen uns zum Standort Deutschland. Aber wir müssen auf der Personalkostenseite und bei der Arbeitszeitflexibilisierung weitere Fortschritte machen. Das diskutieren wir mit den Betriebsräten in unseren deutschen Werken. Zusätzlich brauchen wir Standorte in Billiglohnländern. Wir sind bereits in Ungarn, der Slowakei und mit einem Joint Venture in Russland. Und in den kommenden Jahren werden wir in Osteuropa ein weiteres Werk aufbauen. Vor allem bei den Standardprodukten sind wir in Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig. 

Das sieht die IG Metall anders und versucht derzeit mit Warnstreiks, fünf Prozent mehr Lohn durchzusetzen. Was wäre für Sie ein annehmbarer Kompromiss in der Tarifrunde der Metallindustrie? 

Eine solche Forderung ist völlig überzogen. Eine tragbare Lösung wäre aus meiner Sicht eine Kombination aus einer vernünftigen geringen Erhöhung der Gehälter und einer Erfolgsbeteiligung für die Belegschaft. Bei uns partizipieren die Mitarbeiter schon seit Jahren am Erfolg des Unternehmens. Die Höhe der Beteiligung orientiert sich dabei am Ergebnis des Konzerns und des jeweiligen Standortes. 

annette.ruess@wiwo.de 

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