Archiv: Wu Yi, 67

Vize-Premierministerin, China 

„Sie bringt Farbe in unsere Runde“, sagte Chinas Premierminister Wen Jiabao, als er seine Stellvertreterin Wu Yi erstmals der Öffentlichkeit vorstellte. Er meinte ihr Kostüm. Sie lachte zurück. Sie meinte ihre Politik. 

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Die Vize-Premierministerin ist die mächtigste Frau Chinas. Sie ist der Kopf der chinesischen Außenhandelspolitik. Es ist vor allem ihr Verdienst, dass Handelssanktionen der USA gegen China ausblieben. Sie bewegte US-Finanzminister Henry Paulson dazu, sich gegen solche Sanktionen auszusprechen. Im April brachte sie Ruhe in die Handelsstreitigkeiten, indem sie mit einer Delegation chinesischer Manager durch 13 US-Staaten reiste, um Großaufträge zu vergeben. 

Durchsetzungskraft ist das Leitmotiv ihrer Karriere. Im zentralchinesischen Wuhan am Jangtse geboren, wurde sie Mitte der Fünfzigerjahre zur Erdölspezialistin ausgebildet. Gut 30 Jahre stieg sie in der Hierarchie des staatlichen Ölsektors auf und kam in den Achtzigern als Raffinerieleiterin nach Peking. 1988 wurde Wu Vize-Bürgermeisterin von Peking. Nach dem Massaker vom 4. Juni 1989 sorgte sie für Stabilität. Da sie im Umgang mit ausländischen Delegationen den richtigen Ton traf, wurde sie 1991 ins mächtige Ministerium für Außenhandel und wirtschaftliche Zusammenarbeit berufen. Zwei Jahre später leitete sie das Ministerium. „Sie ist eine hervorragende Verhandlerin“, sagt Joseph ChengYu-shek, Politologe an der City University in Hongkong. „Sie versteht die Mentalität und Interessen des Westens – und nutzt sie für sich.“ 

Wu kultiviert das Image der Asketin, die noch Akten studiert, wenn ihre männlichen Kollegen in schnapsseligen Runden sozialisieren. Lange war ihr einziger Schmuck im Büro ein Wandschirm. Dahinter ein Feldbett. Wu wurde so schnell die Leitfigur der chinesischen Emanzipationsbewegung – und das Objekt hartnäckiger Gerüchte über männliche Gönner. Wu reagiert darauf unwirsch: „Warum wird bei einer erfolgreichen Chinesin immer gleich nach ihrem männlichen Förderer gesucht? Keiner glaubt, dass ich mir meine Position mit meiner eigenen Professionalität erarbeitet habe.“ » 

frank.sieren@wiwo.de | Peking 

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