Zerstörerische Kreativität

Archiv: Zerstörerische Kreativität

Im Oktober kommt bei Sotheby's in Paris eine der erlesensten Büchersammlungen Europasunter den Hammer. 

Nichts ist beständig. Nichts. Alles vergeht. Alles. Die Erkenntnis dieser Wahrheit gehört zu den Tröstungen der späteren Lebensjahre. Sogar das urgewaltige Feuer der Leidenschaft ist vergänglich: Aus dem Funken geboren, schwelt es begierig zu voller Intensität, blüht lodernd auf, verbraucht sich mit verschwenderischer Flamme, brennt langsam herunter, zehrt noch eine Zeit lang von der Gluthitze und verglimmt irgendwann ermattend in der Asche. 

Fred Feinsilber, 66, gehört zu den Glücklichen, denen diese befreiende Einsicht zuteil wurde. Da infiziert sich im Paris der späten Fünfzigerjahre also ein aus Rumänien emigrierter Student russischer Abstammung mit dem Virus der Bibliophilie, beginnt mit wachsender Begierde, schöne Bücher zu sammeln, spezialisiert sich auf kostbar illustrierte Werke, gewinnt mit jedem Kauf an Expertise, investiert später den größten Teil des als Unternehmer verdienten Reichtums in seine Passion, baut über die Jahrzehnte eine der erlesensten und kostbarsten Privatbibliotheken Europas auf – und das alles, um die Sammlerwelt jetzt mit der Ankündigung zu schockieren, dass er sich von den geliebten Büchern trennen wird. 

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Fini les livres. Im Oktober ist es so weit. Am 11. und 12. wird das Auktionshaus Sotheby's in Paris die Kollektion Fred Feinsilber versteigern. Die 550 zur Auktion aufzurufenden Lose im Gesamtschätzwert von mehr als fünf Millionen Euro (neben den Büchern auch Originalmanuskripte, Fotografien, Stiche) bilden einen seltenen Einblick in die Geschichte des illustrierten Buchs seit dem 15. Jahrhundert und in die Literaturgeschichte – von einem Band aus Charles Baudelaires Privatausgabe der „Fleurs du Mal“ (Schätzpreis: 100 000 bis 150 000 Euro) bis zum Originalmanuskript von Albert Camus' „Le Mythe de Sisyphe“ (200 000 bis 300 000 Euro). 

„Verrat!“, zetern die Bibliophilen. Wie kann man sich von diesen Kostbarkeiten trennen, eine ganze Sammlung verschleudern und – schlimmer noch – zulassen, dass so ein einmaliger Schatz auseinandergerissen, atomisiert, in alle Winde zerstreut wird? Fühlt sich der Bücherfreund da nicht an die Wahnsinnstat des Peter Kien aus Elias Canettis Roman „Die Blendung“ erinnert, jenes Bibliophilen, der sich in einem Anflug verrückter Autodestruktion, inmitten seiner Bücher selbst verbrennt? Hatte nicht Erasmus von Rotterdam schon davor gewarnt, dass zu viel Umgang mit den Büchern die Verrücktheit fördert? 

Doch die Weisheit kommt nicht selten im Kleid der Verrücktheit daher. Vielleicht erinnerte sich der Sammler Feinsilber ja einfach des Ratschlags, den der Philosoph Seneca vor fast 2000 Jahren seinem Freund und Schüler Lucilius mit auf den Weg gab – dass der Weise nie mehr Bücher besitzen sollte als er lesen kann. Fred Feinsilber selbst sagt: 

Es gibt so etwas wie die bibliophile Bulimie. Das ist ein typisches Syndrom der Büchersammler. Bücher können einen tatsächlich verrückt machen, wenn man dem Trugschluss erliegt, dass sie die Mitmenschen ersetzen können. 

Und dann war da noch etwas anderes, was dem Feingeist in den letzten Jahren zu denken gab. Das Sammeln, so erschien es dem Bücherfreund, nahm mit der Zeit eine unbehagliche Eigendynamik an; die Leidenschaft geriet außer Kontrolle: 

Ich war zwischendurch schockiert, wenn mir bewusst wurde, dass ich die Bücher nur noch um des Sammelns willen kaufte, nicht um sie zu lesen. Mehr noch: Eines Tages musste ich feststellen, dass meine Sammlerei zum Machtspiel geworden war. Ich berauschte mich am Gefühl, ein einmaliges Buch zu besitzen und begann, unterbewusst, die Machtposition auszukosten, die mir das als Sammler verlieh. Da wurde mir klar, dass die wunderbare Entdeckerphase vorbei war, und ich beim reinen Powerplay angelangt war. Es war so etwas wie eine Regression zum albernen Wettpinkeln meiner Bubenjahre. 

An diesem Punkt reifte in Fred Feinsilber der Entschluss, sich von den Büchern zu trennen, um den Kopf wieder für neue Entdeckungen freizubekommen. Heute sammelt er primitive Kunst. Vor allem aber widmet er sich einem parkähnlichen Garten, den er bei Avignon, zu Füßen des Mont Ventoux, mit derselben Hingabe anlegt wie einst seine Büchersammlung. 

Von einer Bibliothek , in der das Herzblut von mehr als einem halben Leben steckt, verabschiedet man sich gleichwohl nicht im Handumdrehen: 

Wenn man so eine Kollektion aufgebaut hat und sich zum Verkauf entschließt, dann ist der Auktionskatalog das Einzige, was einem später als Erinnerung bleibt. Deshalb wollte ich also einen besonders schönen Katalog machen. Er ist gleichsam das letzte Buch, der Schlusspunkt meiner Sammlung. 

Was dabei herauskam, ist ein üppig ausgestatteter, elegant gestalteter, schwergewichtiger Prachtband im eindrucksvollen Quart-Format, der in jeder Hinsicht den Rahmen der üblichen Auktionskataloge sprengt. Feinsilber ließ dem Katalog fast so viel bibliophile Liebe und Fürsorge angedeihen wie seinen Büchern. Was seine Sammlung so einmalig macht, ist in der Tat die Akribie, mit welcher der Sammler seine Schätzchen nach dem Erwerb bei den renommiertesten Künstlern der Buchbindekunst aufarbeiten und binden ließ: 

Die Buchbinderei, eine typisch französische Kunst, hat mich immer fasziniert. Ich stürzte mich mit einem ans Manische grenzenden Interesse auf die Buchbinderei. Ich wollte alles, aber auch alles, über Bucheinbände wissen und betrieb meine Recherchen mit wissenschaftlichen Methoden. Im Labor meiner chemischen Fabrik entwickelte ich in Zusammenarbeit mit meinem Freund, dem berühmten Buchbinder Jean de Gonet, sogar neue Materialien für Bucheinbände. 

Den kunstvollen Einband – die meisten seiner Bücher ließ er in feinstem Leder, manche mit Elfenbein- andere mit Edelsteineinlagen binden – begriff der passionierte Bibliophile stets als Reverenz vor dem Genie des Schriftstellers: 

Ich bin ein großer Verehrer von Jack London; und so beauftragte ich den Buchbinder, mir die denkbar schönsten Einbände zu machen. Der Preis stand nicht eine Sekunde lang zur Debatte. Das Gleiche gilt für Herman Melville. Es war mir klar, dass ich diesem bedeutenden Autor und seinem zutiefst philosophischen „Moby Dick“ den feinsten aller denkbaren Einbände geben musste – gerade so, wie die Mönche früher ihre Evangeliare in Gold banden und mit Edelsteinen besetzten. 

Die Huldigung an den Autor, sie zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Kollektion Feinsilber. Nehmen wir Albert Camus, den der Student im Alter von 17 entdeckte, und der ihm nach eigenem Bekunden fast das Leben rettete. Er wurde zu einer enormen Lebenshilfe für den jungen Emigranten: 

Camus' Begegnung mit dem Absurden und wie er diese Begegnung verarbeitete, begleitete mich durchs ganze weitere Leben. 

Der „Mythos von Sisyphos“ war dem jungen Mann letztlich eine tröstlichere Lektüre als die der Bibel: 

In meinen Augen ist dieser Mythos die treffendsteMetapher der menschlichen Existenz. Wir sind alle in der Rolle des Sisyphos. 

Kein Wunder, dass der Sammler nicht zögerte, als sich ihm in den Achtzigerjahren die Chance bot, das Originalmanuskript des „Mythos“ aus einer Nachlassversteigerung zu erwerben: 

Mehrere Jahre nach der Scheidung von seiner drogenabhängigen Frau in Algerien hatte Albert Camus das Manuskript des berühmt gewordenen Buches seiner Ex-Schwiegermutter geschickt und ihr vorgeschlagen, aus dem Verkaufserlös eine Entziehungskur für die immer noch heroin-süchtige Tochter zu finanzieren. Sie verkaufte das Manuskript tatsächlich; dann verlor sich die Spur jahrzehntelang, bis es in den Achtziger-jahren wieder auftauchte. 

Damals zahlte Feinsilber nach heutiger Währung rund 60 000 Euro. Bei der Sotheby's-Versteigerung könnte es jetzt zum fünffachen Preis den Besitzer wechseln. 

Die Aussicht auf Spekulationsgewinn sei es nie gewesen, die ihn bei solchen Käufen umtrieb, sagt der Bücherfreund: 

Ich glaube nicht ans Sammeln als Kapitalanlage; natürlich gibt es Sammler, die so ticken. Aber diese Leute würde ich eher als Händler einstufen. Man kann schlechthin nicht mit rein ökonomischen Motiven sammeln. 

Er hätte damals schon jeden noch so ruinösen Preis bezahlt, um das Manuskript des Camus-Kultbuchs wenigstens ein paar Jahre lang zu besitzen. So erging es ihm auch mit Baudelaires rarer, für den engsten Freundeskreis des Dichters bestimmten Privatauflage von „Les Fleurs du Mal“, nur 20 Exemplare auf erlesenem Japanpapier: 

Baudelaires Gedichte haben mir so viel fürs Leben gegeben, dass ich das Buch unbedingt erstehen musste, um dem Dichter rein physisch näherzukommen. Nennen Sie es meinetwegen Fetischismus; aber nicht das Buch, sondern der Dichter war das Objekt meines Fetischismus. 

Fetisch oder Lustobjekt, emotionsfrei war die Beziehung des Sammlers zu seinen Büchern nie. Kaum weniger als die Persönlichkeit des Autors faszinierten den Bibliophilen die Buchillustrationen. Nach und nach spezialisierte er sich denn auch immer mehr auf die illustrierten Bücher. 

Meine Liebe zu den illustrierten Büchern entbrannte, als ich auf die „Malerbücher“ des 20. Jahrhunderts stieß. Damals kam es in Mode, bekannten Malern literarische Texte vorzulegen und sie für künstlerische Textinterpretationen in Form von Illustrationen zu gewinnen. Der Dichter Paul Eluard ließ zum Beispiel seine Gedichte von Picasso illustrieren. Als ich mit dem Sammeln solcher Bücher anfing, wurde mir bewusst, dass die Illustration dem Text eine völlig neue Dimension verleiht – ganz ähnlich wie das Theater eine zusätzliche Dimension erhielt, als der Gesang ins Drama Einzug hielt und die Oper erfunden wurde. 

Von spätmittelalterlichen Stundenbüchern, über Sebastian Brandts „Narrenschiff“, Hans Holbeins „Totentanz“ und Andrea Palladios „I Quattro Libri dell' Architettura“ reicht das Spektrum illustrierter bibliophiler Kostbarkeiten in der Kollektion Feinsilber bis zu den modernen Buchillustrationen von Pablo Picasso, Jean Dubuffet, Henri Matisse und Marcel Duchamp. Und je mehr sich der Sammler den Illustrationen widmete, desto mehr forderten sie ihn heraus. Das ging ihm so mit dem Amerikaner Mark Rothko und einem seiner minimalistischen Bilder: 

Ich ahnte dumpf, dass ich ein Meisterwerk vor mir hatte, aber ich begriff einfach nicht, warum. Ich wollte es verstehen. Dass ich es nicht verstand, ließ mir keine Ruhe mehr. Das Gefühl war schlimmer als ein physischer Schmerz. Zehn Jahre brauchte ich, um zu begreifen, was es mit dem künstlerischen Wert eines dicken senkrechten Strichs auf einer hellen Leinwand auf sich hat. Und sogar 20 Jahre brauchte ich, um das Kap Picasso zu umschiffen. 

So viele tiefe Emotionen stecken in dieser Büchersammlung. Fällt es dann nicht schwer, sich von diesen Büchern, die über die Jahre zu Freunden wurden, wieder zu trennen? 

Nein, und nochmals nein. Ich finde, dass der Sammler kein Recht hat, der Allgemeinheit seine Schätze ewig vorzuenthalten. Die edelste Aufgabe des Sammlers ist es, seine Kollektion rechtzeitig an die nächste Generation weiterzugeben. Ich persönlich wünsche mir, dass meine Bücher in die Hände von 40- oder 45-jährigen Privatsammlern kommen. Sie sollten an Leute gehen, die etwas im Leben erreicht haben und die genug Geld besitzen, um bedeutendere Kollektionen aufzubauen. Jetzt sind jüngere Sammler am Zuge. 

Und ist es nicht schmerzhaft, die Sammlung sich in alle Winde zerstreuen zu sehen? 

Im Gegenteil, ich sehe darin einen Prozess kreativer Zerstörung. Die besten aus der nächsten Sammlergeneration werden meine Stücke erwerben und ihrerseits wieder ganz neue Kollektionen aufbauen. Das ist ein stetiger Regenerierungsprozess – ganz wie in der Natur. 

Spricht' s und verabschiedet sich freudig in Richtung Provence, wo der geliebte Garten wartet. Genug der Bücher! Wie sagte doch Monsieur Voltaire: „Das ist alles wohl gesprochen, aber jetzt müssen wir unseren Garten bestellen.“ 

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