Archiv: Zu HausebeiNarziss

Mit exzentrischen Entwürfen macht Roberto Cavalli die Mode – und sein Mailänder Appartement zur kreativen Spielwiese. 

Roberto Cavalli will spielen. Mit Farben, Formen. Und mit Frauen. Dazu gewandet er sie gern in Tierfelle, wild bedruckte Hüllen, bunte Stoffe und prunkvolle Pelze, bis sie so sind, wie der italienische Mann sie liebt: glamourös und hinreißend sexy. 

Ganz ähnlich verfährt der gefeierte Designer mit seinen diversen Residenzen. Den Familiensitz, eine antike, toskanische Villa bei Florenz, hat er mit Kissen, Wandbehängen, Fellen, Teppichen, Gold und Silber üppig ausgestattet. Das Haus glitzert, funkelt und wirkt doch apart wie eine Diva. 

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Die Wohnung in Mailand dagegen kommt eher daher wie ein frecher Teenager im knappen Bikini. Über den Dächern der Stadt hat sich Roberto Cavalli auf ein stattliches Haus aus den Dreißigerjahren ein schickes Appartement setzen lassen. Mitten im Zentrum, direkt an der Via Spiga, einer der exklusivsten Einkaufsstraßen der Welt. Es ist äußerst spärlich möbliert. Wände und Möbel sind weiß. Auf den ersten Blick lenkt nichts von den Linien und geometrischen Formen der loftähnlichen Räume ab. Sobald das Auge des Besuchers die Weite und Großzügigkeit erfasst hat, wandert es jedoch unwillkürlich zu den kleinen Frivolitäten: zu den mit Zebramustern bedruckten Kissen, den Hussen im Leopardenlook und zu den echten Ozelotdecken. 

„Ich liebe die Natur“, sagt der Modemacher. Und es ist ihm ernst. „Die Farbenpracht von Blumen und die Maserungen von wilden Tieren inspirieren mich.“ Auf Streifzügen durch Flora und Fauna, durch Zoos und Städte hält er mit der Digitalkamera fest, was ihm gefällt. 

Die Vorliebe für Tierfelle und deren Imitation machte Roberto Cavalli in den Sechzigerjahren als Modeschöpfer in Italien bekannt. Im Laufe der Jahrzehnte wurden sie zu seinem Markenzeichen, und er avancierte zum Lieblingsdesigner der Schönen, Reichen und Prominenten. 

Längst liefert er seiner Anhängerschaft weit mehr als eine Frühjahrs- und eine Herbstkollektion. Cavalli erschafft Welten. Seine Flagship Stores ähneln Erlebnisparks. Wände und Decken sind verspiegelt. Sie vervielfältigen die Wirklichkeit, bis man alles für eine optische Täuschung hält. Aufzüge und Verkaufstresen sind mittels lederbezogener, geschwunger Polsterungen zu organähnlichen Objekten verfremdet. In den von Cavalli gestylten Cafés und Restaurants in Mailand und Florenz tauchen echte Muränen in meterlangen Aquarien. „Das habe ich mir alles selber ausgedacht“, sagt Cavalli und lächelt wie ein Junge, der stolz auf seine Legoburg blickt. 

„Design ist Kunst“, erläutert er, pafft an seiner Zigarre, lässt die eigenen Worte in einer dicken Rauchwolke nachwirken und fügt nach einer nachdenklichen Pause hinzu: „Nicht alle Designer sind Künstler, ich jedoch bin einer.“ Spricht's, pafft, kneift die braunen, schweren Augen leicht zusammen und bestätigt sich noch einmal selber: „Sicuro!“ Gewiss! Der Meister sitzt in seinem Arbeitszimmer über den Dächern Mailands. Das Appartement benutzt er als Erweiterung der Firmenzentrale, die sich nur einen Steinwurf entfernt befindet. Gleichzeitig sind dem 66-jährigen Kreativen die weitläufigen, weißen Räume auch ein Refugium nach energiezehrenden Modeschauen und stressigen Geschäftsterminen in der Modemetropole. 

„Ich brauche keine Architekten und keine Ausstatter, es ist alles in meinem Kopf“, versichert der Designer und deutet mit ausladender Handbewegung Richtung Salon. „Wenn ich etwas erschaffe, einrichte oder gestalte, dann geschieht das immer spontan – es ist Ausdruck meiner Persönlichkeit, meiner Gefühle. Das kann ich doch nicht jemand anderen machen lassen!“ 

Auch die kleinsten Details hat er persönlich ausgearbeitet: Die extragroßen, mit weißem Leder bezogenen Diwane, die Sessel und Tische aus Stein hat er alle nach seinen Wünschen fertigen lassen. Auf andere Möbel hat Cavalli bewusst verzichtet. „Wer braucht schon Schränke und Anrichten, die stören nur.“ Stattdessen verschwinden Alltagsgegenstände in unauffälligen Einbauelementen. 

Bei der Planung interpretierte der Designer das eigene Appartement freizügig als Container, der ihm Platz bietet und eine Kulisse für die Objekte abgibt. Darunter versteht Cavalli vor allem das, was er selbst entworfen hat, also auch Kissen- und Stuhlbezüge mit typischen Tiermustern bedruckt. Eine ausgeprägte Vorliebe hegt der Designer außerdem fürs eigene Konterfei. Das beste Stück in der Sammlung malte Julian Schnabel, der renommierte New Yorker Maler und Cavalli-Freund. „Julian hat mich gefragt, ich habe zwei Stunden Modell gesessen, und fertig war es.“ Cavalli bewegt sich auf das Werk zu, ein großformatiges Ölbild auf gebrochenen Tellern, und stellt sich daneben. „Es sieht mir wirklich sehr ähnlich“, freut sich der Narziss und schaut sein Gegenüber erwartungsfroh an. „Julian Schnabel“, erklärt er, „das ist der neue… – ach, wie hieß der doch noch? – ja, der neue Andy Warhol.“ 

Andere Objekte wie die Rieseneier aus Porzellan oder die vergoldeten großen Kugeln auf der raumlangen Fensterbank hat seine Frau Eva vom Florentiner zum Mailänder Wohnsitz transferiert. Wie ihr Mann ist die aus Österreich stammende einstige Miss Universe eine leidenschaftliche Sammlerin. Vor Jahren begann sie, ihrem Gatten Pferdedarstellungen aus allen erdenklichen Materialien zu schenken – eine Anspielung auf den Familiennamen Cavalli (zu Deutsch: Pferde). Über 100 Rassepferde hält der Modemacher in seinem Gestüt. 

Ein mannshohes antikes Holzpferd steht zwischen Säulen in dem Mailänder Loft. Diese Säulen trennen den Salon von einem etwa 30 Meter langen Gang, der zur Küche, zu den Gästezimmern und ins Bad führt. Im Zentrum des elegant gestylten Bads stehen eine transparente Duschkabine und eine selbst entworfene Waschzeile. Die kühlen, edlen Einbauten hat Cavalli mit großen Muscheln, Perlenketten, Orchideen, Spiegeln und großen Parfumflakons aus der eigenen Kollektion dekoriert. 

Hinter einer Wand aus Milchglas schließt sich das Schlafgemach an. Darin zieht sich der Hausherr manchmal tagsüber zur Siesta zurück oder macht sich fit für das nächste lange Fest, für die nächste lange Nacht. Wie alle Räume ist auch das Schlafzimmer minimalistisch eingerichtet. Das TV-Zubehör verschwindet in einem lackierten, weißen Sockel. Ein echtes Zebrafell ziert den französischen Kalksteinboden, mit dem das gesamte Appartement ausgelegt ist. An einer Seite des Bettes, auf dem eine kostbare Pelzdecke liegt, steht eine ebenfalls lackierte Ablage. Die braucht der Dauersmoker für den Glasaschenbecher, die Fernbedingungen und einige Modemagazine. 

Das reduzierte, kühle Ambiente mit dem erotischen Touch scheint der Frauenliebhaber mit Familiensinn nicht durchgehend aushalten zu können. Gegenüber dem Bett hat er sich einekleine Spielecke gegönnt. Auf alten Koffern hocken Plüschtiere – Bärchen, Löwen, Zebras. „Die bringe ich von meinen Reisen als Erinnerung mit.“ Wann immer er in New York ist und von der FifthAvenue zur Madison unterwegs ist, zieht es ihn zu FAO Schwarz, dem fashio-nablen Spielwarenladen an der Fifth Avenue. 

Groß, nicht klein. Bunt, nicht grau. Klotzen, nicht kleckern. Das ist Robertos Welt. Deshalb kauft er sich nicht einfach eine Yacht, sondern eine 41 Meter lange, die dank einer ausgetüftelten Technik 15-mal am Tag ihre Farbe wechselt. Spektakulärer geht es kaum. Mit seiner Frau Eva, nicht selten in Begleitung des Glamourpaars Victoria und David Beckham, wirft er im Sommer Anker vor Ibiza oder Saint-Tropez. Selbstverständlich gut sichtbar, schon von Wweitem. 

Wie aber passt die reduzierte, geradezu spartanische Ausstattung des Appartements in Mailand zu solcher Üppigkeit? – Alles nur eine Frage der Stimmung, erläutert der Bauchmensch Cavalli. Stets ist er auf Entdeckungsreise, liebt es, Neues zu erschaffen. 

„Wer weiß, in vier, fünf Monaten sieht das hier vielleicht wieder anders aus.“ Und doch typisch. Just Cavalli eben: glamourös und sexy. 

Kerstin Rose 

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