Ackermann: Der Kontakt

Ackermann: Der Kontakt

Wie Josef Ackermann einen erbitterten Machtkampf in der Schweiz verlor und zur Deutschen Bank stieß. Eine exklusive Serie: Teil 2.

Es ist Anfang Juli 1996. Hilmar Kopper, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, überfliegt die Wirtschaftsberichterstattung in den Medien. Bei einer Meldung bleibt er hängen: Die damalige Großbank Schweizerische Kreditanstalt (SKA), heute Credit Suisse (CS), gibt am 2. Juli bekannt, dass sie sich von ihrem CEO Josef Ackermann trennt. Neuer Chef der Bank soll Lukas Mühlemann werden, bisher CEO des Rückversicherungskonzerns Swiss Re. Kopper wundert sich. Diesen Josef Ackermann kennt er gut. Rund ein Jahr ist es her, seit der gesamte Vorstand der Deutschen Bank von der CS-Führung zum informellen Meinungsaustausch eingeladen worden ist – eine Zusammenkunft, wie sie zwischen den Spitzen der deutschen und der schweizerischen Bank des Öfteren schon stattgefunden hat. Das Treffen im Ausbildungszentrum Bocken in Horgen außerhalb von Zürich ist Kopper in guter Erinnerung. Josef Ackermann, der junge CEO, hat bei ihm mit seiner Kompetenz in Bankfragen Eindruck gemacht. Ähnliches ist Kopper bereits im Aufsichtsrat des Chemieunternehmens Bayer aufgefallen, wo der Deutsche seit einiger Zeit zusammen mit dem Schweizer im obersten Kontrollgremium sitzt. Kopper ist sich sofort bewusst, dass die Demission Ackermanns für die Deutsche Bank die Chance darstellt, einen kompetenten Topmanager an das eigene Haus zu binden. Das trifft sich gut: Kopper, seit sieben Jahren Chef des Bankvorstandes, macht sich seit einiger Zeit Gedanken darüber, wie er dereinst seine eigene Nachfolge lösen soll. Im Vorstand sitzt mit Rolf-E. Breuer zwar ein Mann, der durchaus in seine Fußstapfen treten könnte, doch nachteilig ist, dass Breuer bereits 58 Jahre ist. Mehr als eine Übergangslösung könnte dieser also nicht sein. Kopper indes denkt bereits weiter in die Zukunft: Die Bank braucht eine Blutauffrischung von außen. Und dieser Josef Ackermann könnte hervorragend zur Deutschen Bank passen. Hilmar Kopper beschließt, den Schweizer in dieser Sache zu kontaktieren. Dies jedoch gestaltet sich gar nicht so einfach, denn Josef Ackermann hat sein Büro nach der Demission umgehend räumen müssen, und Kopper hat keine Privatnummer des Schweizers. In dieser Zeit trifft sich Kopper mit Breuer. Auch Breuer hat die Meldung über den Abgang Ackermanns gelesen, und er spricht seinen Chef darauf an. Es gäbe eine Möglichkeit, wie Ackermann kontaktiert werden könnte, meint Breuer. Er sitze zusammen mit einem ehemaligen Generaldirektor der Schweizerischen Kreditanstalt, William Wirth, im Verwaltungsrat der Deutschen Bank (Schweiz) AG. Und Wirth besorgt für Breuer die gewünschte Telefonnummer. Der erste Kontaktversuch scheitert: Ackermann weilt nicht zu Hause. Er hat sich, kaum hatte er sein Büro am Paradeplatz geräumt, aus Zürich abgesetzt und sich für eine Abmagerungskur nach der Heilfasten-Methode in die Buchinger-Klinik an den Bodensee begeben. In der Klinik erreicht ihn der Telefonanruf von Rolf-E. Breuer. Er fragt, ob Ackermann sich vorstellen könne, für ein Gespräch nach Frankfurt zu kommen. Er solle sich doch bitte mit Hilmar Kopper in Verbindung setzen. Das tut Josef Ackermann, und der Vorstandschef der Deutschen Bank freut sich über den Rückruf. Nach Begrüßungsfloskeln kommt Hilmar Kopper zur Sache: „Joe, it’s time to move over“, und wenn er Langeweile habe, könne er jederzeit bei der Deutschen Bank einsteigen. Er, Kopper, könne ihm zwar nicht den Posten des Vorstandschefs versprechen, denn den wolle er selber noch eine Weile ausfüllen, aber er sei an kompetenten Managern für das Vorstandsgremium der Bank immer interessiert. Falls er, Josef Ackermann, sich eine Tätigkeit bei der Deutschen Bank vorstellen könne, würde er ihn jedenfalls gerne nach Frankfurt für ein weiterführendes Gespräch einladen. Ackermann entgegnet, er brauche etwas Bedenkzeit.

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Es ist eher eine taktisch motivierte Antwort, denn das Angebot Koppers passt durchaus in Ackermanns Zukunftspläne. So reist Ackermann nur wenige Tage nach seinem Telefonat mit Kopper nach Frankfurt, um den Vorstandschef der Deutschen Bank zu treffen. Auf einer Urlaubsreise mit seiner Familie nach Finnland legt er einen Zwischenstopp in der Main-Metropole ein. Beim gemeinsamen Essen in der Frankfurter Bankzentrale ist nebst Kopper auch Breuer anwesend. Beim Essen werden potenzielle Verantwortungsbereiche für Ackermann im Vorstand der Deutschen Bank skizziert. Der Schweizer könnte beispielsweise den Bereich Kreditrisiken übernehmen. Ackermann verspricht, es sich durch den Kopf gehen zu lassen – und fährt wie geplant in den Urlaub. Auf dem Rückweg aus Finnland in die Schweiz kommt es zu einem zweiten Zwischenhalt in Frankfurt. Kopper lässt es sich nicht nehmen, die Familie Ackermann persönlich am Flughafen abzuholen, und trägt die Koffer eigenhändig zum Wagen. Ackermann und seine Gattin Pirkko sind im Privatdomizil der Koppers zum Nachtessen geladen. Beim Dinner mit den Koppers sind natürlich die beruflichen Perspektiven Ackermanns bei der Deutschen Bank ein Thema. Versprechungen, die über den Job eines gewöhnlichen Vorstandsmitglieds hinausgehen, will und kann Kopper dem Schweizer freilich nicht geben. Und das mit gutem Grund: Bei den Deutschen ist es Usus, dass der Vorstand der Bank seinen Sprecher aus dem eigenen Kreis zu wählen hat. Kopper schildert dem Schweizer detailliert die personelle Situation im Vorstand, und aus diesen Worten kann Josef Ackermann bei einiger Fantasie für seine berufliche Zukunft im deutschen Finanzkonzern durchaus lukrative Perspektiven ableiten. Nach den Worten des Deutsche-Bank-Chefs sind einzelne Persönlichkeiten im Gremium noch zu unerfahren, andere zu einseitig ausgerichtet, um in absehbarer Zeit eine weiterführende tragende Rolle spielen zu können, und bei wiederum anderen stünden dem Alters- oder gesundheitliche Gründe entgegen. Kopper selber wälzt Pläne, in absehbarer Zeit vom Vorstand ins Aufsichtsratspräsidium der Deutschen Bank zu wechseln, und in dieser Personalkonstellation wäre Breuer wohl der natürliche Nachfolger als Sprecher. Aber bereits im Jahre 2002 stelle sich mit großer Wahrscheinlichkeit die Frage des Vorstandssprechers erneut, dann nämlich, wenn Breuer 65 Jahre alt werde. Ackermann ist sich bewusst, dass sich angesichts dieser Personalkonstellation für ihn selber lukrative Perspektiven auftun, sofern er sich in seinem ersten Job bei der Deutschen Bank bewähren sollte. Kopper schwebt vor, dass Ackermann die Brücke schlagen soll zwischen dem stets wichtiger werdenden Investmentbanking und dem traditionellen Kommerzbanking. Am 30. Oktober 1996 findet in Frankfurt eine Sitzung des Aufsichtsrats der Deutschen Bank statt. Es geht vor allem um personelle Fragen. Vorstandschef Hilmar Kopper sowie die Vorstandsmitglieder Ulrich Cartellieri und Ellen-Ruth Schneider-Lenné verlassen die operative Führung der Bank. Kopper und Cartellieri treten per Mai 1997 in den Aufsichtsrat der Bank über, und Kopper wird Präsident des Gremiums. Als Koppers Nachfolger ist Breuer gesetzt, und als Ersatz für die Abgänge im operativen Management wird ein neues Mitglied für den Vorstand vorgeschlagen: Josef Ackermann. Dieser soll zunächst den Stabsbereich Kreditrisiken von Schneider-Lenné übernehmen und später, im Mai 1997, von Cartellieri die Bereiche Marktrisiken, Treasury und Volkswirtschaft. Nun ist die Sache offiziell: Am Freitag, 1. November 1996, tritt Ackermann seinen neuen Job bei der Deutschen Bank an.

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