Aktienmarkt: Kurse auf die Hörner genommen

KommentarAktienmarkt: Kurse auf die Hörner genommen

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Wertpapierhändler am 14.10.10 an der Frankfurter Börse. Der Leitindex DAX kletterte zum Handelsstart stieg auf ein neues Jahreshoch bei 6.459 Zählern

Aufgewacht! Die Finanzkrise war nur ein böser Traum. Puh! Glück gehabt. Vorige Woche erreichte der Deutsche Aktienindex ein neues Zwei-Jahres-Hoch von 6486 Punkten – und damit den Stand vor dem Zusammenbruch des größten Finanzkrisengründers Lehman Brothers im September 2008. Das zumindest schrieben Nachrichtenagenturen. Als wäre zwischenzeitlich nichts passiert!

Lehman ist – man erinnere sich – die US-Bank, der besonders smarte, deutsche Banker noch kurz vor der Insolvenz 300 Millionen Euro überwiesen und deren Türschild nun Christie's für fast 50.000 Euro versteigerte. Tagesmedien stürzten sich sogleich auf die Nachricht vom Vorkrisenhoch - eine Falschmeldung. Sie sprangen sozusagen auf den Zug auf. Was bekanntlich an der Börse nie gut ist, ebenso wie in ein fallendes Messer zu greifen. Doch unter Aktionären und denen, die es mal nach längerer Abstinenz und T-Aktien-Pleite wieder werden wollen, herrscht Feierstimmung. Die Rally ist intakt, wie Börsianer zu sagen pflegen, und was Anlegermagazine garniert mit einer 100-Prozent-Gewinnchance zu gern auf ihre Titelseite schreiben. Da passte eben auch diese Meldung. Obwohl der Dax seine Verluste eigentlich schon am 1. April aufgeholt hatte, also vor rund einem halben Jahr. Und das ist kein Aprilscherz. Aber damals war auch die Stimmung nicht so euphorisch.

Gute Stimmung

Der V-Dax, der die Schwankungen an der Börse misst, liegt bei beruhigenden 18 Prozent. Beim mysteriösen Blitzcrash im Mai waren es noch rund 33. Der Bull-Bear-Index von Cognitrend etwa signalisiert gar einen wahren Kaufrausch. Anleger nehmen wie ein Bulle die Kurse auf die Hörner. Andere Signale wie niedrige Anleihezinsen und die Saisonalität stehen auch auf grün für den Aktienmarkt. Einzig der Zuversichtlichkeitsindex aus dem Hause State Street fällt aus dem Rahmen. Er meldet ein Zwölf-Monatstief – aber er misst ja auch die Stimmung unter den amerikanischen Anlegern. Und denen geht es eh viel schlechter, die mit ihrem schwachen Dollar, ihrem riesigen Defizit, ihrem Mr. Prrsident No-we-can’t, sorry und Alternativen wie Sarah Palin. 

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Bessere Investoren

Behavorial Finance nennt sich die Wissenschaft, die sich mit dem irrationalen Verhalten an der Börse beschäftigt. Der Volksmund nennt es Herdentrieb. Auch Journalisten sind zuweilen instinktive Herdentiere, die sich von Stimmungen leiten lassen. Erfolgreiche Investoren wie das Orakel Warren Buffett und der Weltmeister der Fondsmanager Peter Lynch oder auch die hierzulande weniger bekannten David Dreman und Anthony Gallea sind dagegen schwarze Schafe, die der Herde entgegen laufen. Solange bis die Herde ihren Weg einschlägt – dem Zahltag für Querdenker. Gallea etwa sucht Standardaktien die kein Anleger derzeit auch nur im Tickerband im Fernsehen sehen will, weil ihre Zahlen immer rot eingefärbt sind. Er wählt dabei Aktien, deren Kurs zu Unrecht in einem Jahr um 50 Prozent gefallen sind und bei denen Insider - also Aufsichtsräte oder Vorstandsmitglieder - kräftig Papiere gekauft haben. Lynch liebt Unternehmen mit merkwürdigen Namen, die noch kein Analyst oder Fondsmanager je gehört hat. Oder er wählt Unternehmen, mit denen akut niemand etwas zu tun haben will, weil sie etwa die Umwelt verschmutzt haben. Einen Nachteil als Querdenker gibt es aber, Aktiengewinne hin oder her: Gallea gibt denn auch zu, dass er bei einer Party immer allein steht, wenn er vom Aktienkauf redet, weil alle anderen gerade gar keine Wertpapiere besitzen. Seinen Cocktail in geselliger Runde schlürft er, wenn alle von ihm Aktientipps möchten, er aber längst seine Papiere verkauft hat. 

Der (nächste) Crash kommt, heißt es da triumphal und final nach dem Lehman-Kollaps in einem Buch, das sich super verkauft hat – ja, richtig, vor allem während der stimmungsgeladenen Krisenzeit. Und wo der Buchtitel recht hat, hat er recht. Der nächste Crash kommt sicher, das kann der Journalist immer schreiben, ohne damit falsch zu liegen. Ob der Aktienmarkt weiter steigen könnte, lesen Sie wie immer am Montag in unserem Dax-Radar.

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