Bei einer Podiumsdiskussion der lit.Cologne: Wallraffs Lektionen

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Kolumne

Neulich bei einer Podiumsdiskussion der lit.Cologne in der ausverkauften großen Aula der Uni Kölner. Auf dem Podium: die Berliner Rechtsanwältin Keiyra Ates und die Schriftsteller Sherko Fatah, Navid Kermani und Günter Wallraff. Es ging um den Kölner Moscheenstreit, in den sich Wallraff schon mehrfach eingeschaltet hat, am spektakulärsten mit seinem Vorschlag, in einer Moschee aus Rushdies „Satanischen Versen“ zu lesen.

Das Projekt laufe immer noch, erklärte Wallraff, allerdings werde die Lesung nicht in Köln, sondern in einem muslimischen Gemeindesaal einer anderen Stadt stattfinden. Was auffiel, war die Selbstgewissheit, mit der er den Muslimen – und den Christen – vorschreiben wollte, wie sie ihre Religion angemessen zu verstehen hätten. Wallraff gab den Gläubigen Nachhilfe, um sie auf den zeitgemäßen Stand der Säkularisierung zu bringen: Wer eine Schrift als sakrosankt betrachte oder seinen Glauben als Wahrheit verkünde, so Wallraff sinngemäß, mache sich der Intoleranz schuldig, er sei geistig im Mittelalter steckengeblieben (mittelalterlich heißt nach dieser Lesart einfältig, rückständig, obskur).

Sollten die Muslime – und Christen – der Wallraffschen Lektion folgen, könnten sie einpacken. Denn eine Religion, die auf ihren Wahrheitsanspruch verzichtete, wäre keine mehr. Gott sei Dank waren es die Podiumsgäste Sherko Fatah und Navid Kermani, die Wallraff behutsam daran erinnerten, dass Religionen anderen Regeln folgen als unsere säkularisierte Kultur. Um Religionen zu verstehen, so Fatah, müsse man allererst zur Kenntnis nehmen, dass es das Phänomen der Heiligkeit gibt. Man könnte auch sagen: der Unverfügbarkeit oder Unantastbarkeit. Auch fragte Fatah zu Recht, was sich Wallraff davon verspreche, aus einem Buch in einer Moschee lesen zu lassen, das inzwischen zu einem bloßen Symbol im Kulturkampf geworden sei. Fatah sprach vom „Kapriolenschlagen der Symbole“, die sich längst von allen Inhalten entfernt hätten. Und Kermani verwies auf die pragmatischen Diskussionen im betroffenen Stadtteil Köln-Ehrenfeld, die weit entfernt seien von kulturkämpferischen Attitüden. (Die wichtigsten Beiträge zur Debatte um die Kölner Moschee jetzt in: Der Moscheestreit, hg. Franz Sommerfeld, Kiepenheuer & Witsch, Februar 2008)

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P. S.: Während der Veranstaltung fingerte die Studentin rechts neben mir immer wieder auf ihrem Handy und verschickte unter dem Pult SMS, und nach einiger Zeit holte der auf einer Treppenstufe sitzende Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow seinen Blackberry hervor und ließ seine beiden Daumen auf der Tastatur tanzen. Merkwürdig: Der Daumen galt früher als der Handwerker unter den Fingern, während der kleine Finger der Künstler war (der Ringfinger der Moralist, der Zeigefinger der Lehrer und der Mittelfinger der Pornograph). Dieses Verhältnis hat sich um gekehrt. Durch das Handy ist der einst plumpe Daumen zum Virtuosen geworden - eine Revolution in der Entwicklung der Fingerfertigkeit.

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