Blog Schall und Rausch: Neue Stimmen (Damrau, Florez, Jaroussky; Piau)

kolumneBlog Schall und Rausch: Neue Stimmen (Damrau, Florez, Jaroussky; Piau)

Kolumne

Von der „guten alte Zeit“ der großen Sänger ist in Musikkreisen so verlässlich oft die Rede wie im Fußball von Güntern Netzers Selbsteinwechslung und Siegestreffer im DFB-Pokalendspiel 1973 zwischen Gladbach und Köln. Maria Callas und Tito Gobbi, Elisabeth Schwarzkopf und Giuseppe di Stefano, Christa Ludwig und Luciano Pavarotti – kaum etwas wird in unserer aufgeklärten Welt so pseudoreligiös verklärt wie die magischen Momente, die uns die die großen Primadonnen und prächtigen Heldentenöre in Scala und Met beschert haben.

Neue Stimmen (Damrau, Florez, Jaroussky; Piau) Von der „guten alte Zeit“ der großen Sänger ist in Musikkreisen so verlässlich oft die Rede wie im Fußball von Güntern Netzers Selbsteinwechslung und Siegestreffer im DFB-Pokalendspiel 1973 zwischen Gladbach und Köln. Maria Callas und Tito Gobbi, Elisabeth Schwarzkopf und Giuseppe di Stefano, Christa Ludwig und Luciano Pavarotti – kaum etwas  wird in unserer aufgeklärten Welt so pseudoreligiös verklärt wie die magischen Momente, die uns die die großen Primadonnen und prächtigen Heldentenöre in Scala und Met beschert haben. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn es nicht auch die heutigen Spitzenkräfte der Branche beträfe: Sie leiden nicht nur unter einem Business, das in immer schnelleren Zyklen neue Gesichter, Stimmen (und einige Stimmchen) produziert, sondern auch unter einer Vergangenheit, die nicht vergehen will: Es darf einfach nicht sein, dass sie genauso gut sind wie die großen Namen. Einige, die in jüngster Zeit gute CDs aufgenommen haben, sind es tatsächlich (noch) nicht ganz - Jonas Kaufmann, Nicole Cabell, Annette Dasch. Andere schon. Vier stimmlich wie repertoirebezogen sehr unterschiedliche Beispiele: Superstars von heute:

Diana Damrau, Arie di bravura Die aus Günzburg an der Donau gebürtige Diana Damrau hat sich mit ihrem Debutalbum für das Label Virgin gleich an die Weltspitze des hohen Sopranfachs katapultiert. Eine Übertreibung? Eher eine Untertreibung, denn Damrau, die sich seit einigen Monaten bayerische Kammersängerin nennen darf und 2007 ihre Lied-Debuts in der Carnegie Hall und an der Scala gab, ist nicht nur „die“ Entdeckung der Saison, sondern sie hat diese Saison auch mit einem sensationellen Album gekrönt. Damrau präsentiert darauf Bravourarien von Mozart (1756 – 1791) und dessen Zeitgenossen Antonio Salieri (1750 – 1825) und Vincenzo Righini (1756 – 1812), darunter selbstverständlich „Der Hölle Rache“ der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“ - eine Arie, die Damrau uns Gott sei dank nicht noch einmal als virtuoses Schaustück vorführt, sondern die sie im Gegenteil (höchst textverständlich!) mit einer rücksichtslos entfesselten Leidenschaft inszeniert, die der vielgespielten Musik (seltenes Glück!) ihren ursprünglichen Sinn – und ihre überwältigende Kraft  - zurückgibt. Die Arien Salieris sind aus vier seiner Opern zusammengestellt und durch Damraus leuchtend-seelenvollen, mühelos klackernden Koloratursopran fast allesamt der Entdeckung wert; zu den Höhepunkten aber geraten fraglos Righinis kontrastkräftige Arien, vor allem „Ombra dolente“ – eine wundervoll träumerisches, ausdrucksstarkes Stück, in der Damraus famose Singstimme von Oboe, Bass und zwei Fagotten stimmungsvoll begleitet wird.

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Weitere Informationen zu Künstler und Album im Internet: http://www.diana-damrau.com/

Juan Diego Florez – Arias for Rubini Und noch ein Schwergewicht der leichten Stimme: Juan Diego Florez, tenoraler Höhenwanderer aus Peru, hat seine bisher beste CD mit teilweise sehr unbekannten Arien von Gioachino Rossini (1792 – 1868), Gaetano Donizetti (1797 – 1848) und Vincenzo Bellini (1801 – 1835) vorgelegt: müheloses Klettern ganz ohne künstliche Beatmung, ein Fest der hochgebirgigen Stimme, eine Gipfelstürmerei im Himalaya der Klassik. Tatsächlich kennt Juan Diego Florez innerhalb seiner vermutlich engen vokalen Grenzen (zur Zeit singt er den „Rigoletto“) – keine Grenzen. Was bei Florez vor allem besticht, ist die totale Bruchlosigkeit seiner Stimme und ihre enorme Beschleunigungskraft: Florez muss nicht pumpend Anlauf nehmen, um sich in die Höhe zu schwingen, die Dynamik und Dramatik seiner Stimme kann sich ganz im Gegenteil organisch und spektakulär zugleich, aus dem Stand heraus oder in voller Fahrt, mühelos bis zum hohen F steigern oder über eine Hohe-C-Kette wandern. Ihr unverwechselbarer, kräftiger Kern geht ihr dabei nie verloren. Großes Kino für die Ohren - auch im Zeitreisenvergleich mit historischen Größen!

Weitere Informationen zu Künstler und Album im Internet:  http://www.juandiegoflorez.com/index.htm

Philippe Jaroussky – Carestini, The Story of a Castrato

Carestini, geboren 1700, gehörte zur umjubelten Schar von Kastraten, den Popstars des Barockzeitalters, die die affekthaltige Opernwelt von Händel bis Gluck verzauberten: als  Virtuosen der hohen Stimme, die mit der Stimme eines Knaben und dem Lungenvolumen eines Mannes ausgestattet waren - und die mit halsbrecherischen Koloraturen (und garantiert folgenloser Lendenkraft) vor allem die Damenwelt des 18. Jahrhunderts zur Raserei brachten. Die Aufnahme des jungen Franzosen ist eine Art musikalische Kurzbiografie Carestinis: Sie zeichnet (beinahe chronologisch) dessen Lebensweg von Mailand über Rom nach Wien, Neapel, London und Dresden nach und versammelt Arien, die Carestini entweder auf den Leib geschrieben waren oder mit denen er reüssierte - Stücke von Porpora, Capelli, Händel, Leo, Hasse, Gluck und Graun. Typisch fürs gesamte Album singt Jaroussky, der anders als die meisten seiner Kollegen nicht mit einer Alt- oder Mezzo-, sondern eher mit einer Sopranstimme (!)  ausgestattet ist, Händels Evergreen „Scherza infida“ ohne herzzerreißende Tiefe und kunstvolles „mezza voce“, dafür mit berückend unverwechselbarer, feminin-knabenhafter Klarheit. Möglich, dass Jaroussky der geheimnisumwitterten Kastraten-Stimme des 18. Jahrhunderts (wie mag sie wohl geklungen haben?) näher ist als die meisten seiner Countertenor-Kollegen.

Weitere Informationen zu Künstler und Album im Internet:  http://www.emiclassics.de/philippejaroussky

Sandrine Piau - Évocation, Lieder von Chausson, Debussy, Strauss etc. Sandrine Piau gehört seit Jahren zu den beeindruckendsten leichten Sopranstimmen der Gegenwart: Ihr purer, vibratoarmer Ton - in der Mitte kräftig, in der Höhe immateriell, im Piano von enormer Ausdrucksstärke - prädestiniert sie für Barockopern, Oratorien – und den Liedgesang. Nach einem wundervollen Debussy-Album gelingt der ausgebildeten Harfenistin diesmal ein Meisterwerk der filigranen, zartgliedrigen Gesangskunst: Frauenlieder von sechs sehr spätromantischen Komponisten an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert (Chausson, Strauss, Debussy, Zemlinsky, Koechlin, Schönberg), die meisten betörend lyrisch, luftig, floral - und harmonisch wundervoll verhangen. Vor allem die  narkotisierenden   Chausson- und Strauss-Lieder besprüht Piau mit libidinösem Parfum: erotische Musik… - zum Niederknien!

Weitere Informationen zu Künstler und Album im Internet: http://www.naiveclassique.com/

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