Blog: Schall und Rausch: Sensationelle Beethoven-Aufnahmen

kolumneBlog: Schall und Rausch: Sensationelle Beethoven-Aufnahmen

Kolumne

Liebe Musikfreunde, nach langen Wochen melde ich mich aus der Sommerpause zurück. Mit frischen Aufnahmen und toller Musik. Zum Auftakt zwei sensationelle Beethoven-Aufnahmen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Beethoven, Sinfonien 1 und 5 (Paavo Järvi)

Der estnische Dirigent Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen bereiten uns Hörern auch in der dritten Folge ihrer Gesamtschau der Sinfonien Ludwig van Beethovens ein geradezu erotisches Hörvergnügen: Messerscharf die forcierte Rhythmik, stimulierend die extreme Dynamik, fesselnd die flotten Tempi, lüstern die züngelnden Instrumente… - doch wäre das alles wäre nur halb so schön, wenn sich Järvi und die 40 Bremer Weltmusikanten nicht gleichzeitig auch der melodiösen Romantik Beethovens hingeben würden wie jungfräulich-wild Verliebte.

Anzeige

Dieser Beethoven weckt - wie seine beiden Vorgänger (siehe Besprechungen vom 31.08.2007/Sinfonien 4 und 7 sowie 19.01.2007/Sinfonien 3 und 8) - Erinnerungen ans leidenschaftlich erste Mal - kaum auszudenken, wie dieser sich über vier Sätze in jubelnden Triumph wendende Tumult den Menschen bei der Uraufführung in die Glieder gefahren sein muss. Wahrlich, schon wieder eine Sensation der Bremer. Ganz gleich, wieviele Fünfte Sie schon gekauft und gehört haben: Dieser wölfisch-wirbelnden Klanglust (die Flöten im Schlussatz!) können Sie sich nicht entziehen. So herrlich ward und wird's nie wieder! (RCA)

Beethoven, Klavierkonzert 1, Bagatellen (Piotr Anderszewski)

Piotr Anderszewski ist ein wunderbarer Dickkopf. Der polnische Pianist liebt das kammermusikalische Miteinander und möchte sich von keinem Dirigenten der Welt erzählen lassen, wie er Mozart oder Beethoven zu spielen habe. Deshalb dirigiert Anderszewski die herausragenden kleinen Ensembles Europas wie das Scottish oder das Swedish Chamber Orchestra vom Klavier aus. Für seine Aufnahme von Beethovens erstem Klavierkonzert hat er sich die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen als Partner ausgesucht, eines der besten Beethoven-Orchester der Gegenwart (siehe oben). Es ist ein Fest.

Mikhail Pletnev, Ronald Bräutigam und Evgeny Kissin haben zuletzt allesamt ihre Versionen des ersten Klavierkonzerts aufgenommen - aber keiner reicht an Anderszewski heran. Vielleicht gelingt es keinem anderen Pianisten der jüngeren Generation, künstlerischen Ausdruck und textgenaues Musizieren so konsequent zusammenzudenken wie Anderszewski, gleichermaßen interpretatorisches Raffinement und pianistische Wertarbeit miteinander zu versöhnen.

Form, Fluss, Farbe, Fantasie sind perfekt dimensioniert; rhythmische Akzente und harmonische Details werden so sorgsam modelliert wie die großen Linien aufmerksam verfolgt; die Nähe des frühen Konzerts zu Mozart scheint ebenso durch wie das grundstürzend Neue in Beethovens musikalischem Existenzialismus. Wohin das am Ende führen sollte, zeigen die Bagatellen op. 126, Beethovens letzte Werke fürs Klavier: Sechs grenzüberschreitende Miniaturen, von Anderszewski mit brennender Intensität, mit zuspitzendem Mut zur Betonung der Nebenlinien und überbordenem Kontrast- und Farbenreichtum in Szene gesetzt (Virgin).

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%