Börse: Beten für die Weihnachtsrally

Börse: Beten für die Weihnachtsrally

von Martin Gerth und Stefan Hajek

Die ersehnte Jahresendrally an der Börse lässt auf sich warten. Vieles spricht dafür, dass sie dieses Jahr ausfällt. Sorgen um hohe Staatsschulden in Dubai, Griechenland und Italien beherrschen den Markt.

Bescherung war in diesem Jahr schon am 1. Dezember. Der Dax stieg gleich mal um 3,9 Prozent, viele an der Börse sahen darin den Startschuss zur ersehnten Jahresendrally. Doch seither driften die Kurse wieder nach unten ab. Heuer fällt die Jahresendrally wohl aus. Sorgen um hohe Staatsschulden von Dubai über Griechenland bis Italien beherrschen den Markt.

Charttechnisch läuft der Dax schon seit Wochen bei etwas mehr als 5800 Punkten gegen einen hartnäckigen Widerstand. Nur ein Handelstag mit einem Kassenschluss über 5900 Punkten wäre aus Sicht der Charttechniker der Startschuss zur Minirally über die letzten Börsentage. Problematisch ist auch, dass bei herben Verlusten, etwa am vergangenen Dienstag um die Mittagszeit, die Umsätze stets schnell anschwellen, während sie an den guten Tagen mau sind. Etliche Marktteilnehmer warten offenbar nur auf eine Gelegenheit, um Papiere abzuladen.

Anzeige

Optimisten klammern sich an die Statistik: In den vergangenen 20 Jahren stieg der Dax im Dezember durchschnittlich um 3,3 Prozent. US-Aktien stiegen seit 1964 in den beiden letzten Dezemberwochen im Schnitt um fast vier Prozent. Andere argumentieren, dass noch viel Kapital in Geldmarktfonds geparkt ist. Dieses Geld könnte angesichts niedrigster Zinsen in den Aktienmarkt fließen.

Geldmarktfonds taugen nicht für Rally

Doch als Auslöser einer Rally taugen die Geldmarktfonds nicht. Ihr Mittelabfluss begann schon im Herbst 2008, unmittelbar nach der Lehman-Pleite. Allein im Oktober 2008 flossen 14,2 Milliarden Euro aus Geldmarktfonds ab. Die Abflüsse im Herbst 2009 von 1,9 Milliarden Euro nehmen sich bescheiden aus.

Ein weiterer Indikator sind die Aktienquoten der Mischfonds, die diese je nach Marktlage variieren. Einer der gewichtigsten, der 12,2 Milliarden Euro schwere Carmignac Patrimoine, hat seine Aktienquote seit Januar von 16 auf 28 Prozent aufgestockt. Seither hat sich wenig getan. Auch andere Mischfonds wie der UniRak oder der Ethna Aktiv haben bereits im Frühjahr massiv Aktien eingekauft und zuletzt ihre Aktienquoten bestenfalls stabil gehalten. „Nur ein kleiner Teil der erwarteten Unternehmensgewinne lässt sich realwirtschaftlich begründen“, sagt Ethna-Fondsmanager Guido Barthels, „der Rest ist spekulative Luft.“ Tatsächlich fielen die Gewinne pro Aktie der Unternehmen im Index MSCI Europe seit dem Hoch 2007 um 40 Prozent. Derzeit kosten europäische Aktien das 14-Fache des für 2010 erwarteten Gewinns. Das ist der langjährige Durchschnitt und nicht billig.

"Window-Dressing" sorgt für Nachfrage

Tröstlich: Ein großer Ausverkauf noch im Dezember ist ebenfalls unwahrscheinlich, weil viele Vermögensverwalter am Ende des Jahres mit einem Gewinner-Depot glänzen wollen. Profis sprechen vom "Window-Dressing", eine Anspielung auf die festlich dekorierten Schaufenster der Läden. Nach 20 Prozent Kurszuwachs im Dax will niemand seinen Kunden eine nur mickrige Aktienquote zeigen. Das sorgt für Nachfrage. Kurse kleinerer Werte werden dann auch schon mal gestützt. Laut Peter Oppenheimer, Chefstratege von Goldman Sachs in London, langen die Investoren im Dezember besonders gern zu, wenn das Börsenjahr gut war.

Portfoliomanager Winfried Walter vom Vermögensverwalter Albrech & Cie glaubt allerdings, dass das Gros der Fondsmanager in diesem Jahr auf Win-dow-Dressing verzichtet. Sie hätten genügend Aktien mit satten Gewinnen im Portfolio. „Die meisten werden eher versucht sein, das Geld ins Trockene zu bringen, der Dax würde dann am Jahresende eher bei 5400 als bei 6000 Punkten stehen“, sagt Walter.

Banken und Hedgefonds haben schon reichlich Aktien – viele griffen im März zu und wurden für ihren Mut belohnt. Bleiben Privatanleger, Versicherungen und Rentenverwalter. Doch die mögen kaum noch Aktien. Und: "Viele Pensionskassen haben keinen Grund für Käufe zwecks Window-Dressing", sagt Klaus Schlote, Geschäftsführer von Solventis Research, "sie haben ihr Geschäftsjahr am 30. November beendet." Diese Geldverwalter genießen eine beschauliche Adventszeit – und beten, dass diese nicht durch allzu heftige Kurssprünge gestört wird.

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%