Börse: Nach der Aktienrally: Trendwende oder Talfahrt?

Börse: Nach der Aktienrally: Trendwende oder Talfahrt?

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Gibt es endlich eine langfristige Erholung an der Börse?

Nach den verheerenden Kursverlusten seit 2008 hat an den Börsen eine kräftige Erholung eingesetzt. Gelingt den Aktienmärkten endlich die Trendwende – oder erweist sich die kurze Rally seit März nur als Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Am Samstagabend wird jetzt immer abgerechnet bei den Polkes in Berlin-Stralau. Zwischen „Sportschau“ und „Wetten, dass?“ kommen Depotauszüge und Taschenrechner auf den Tisch. Das Paar hat eine heiße Wette laufen: Wer macht in fünf Jahren mehr aus dem Familiensilber? „Ständig gab’s Streit um die richtige Geldanlage“, erklärt der 38-jährige Stefan Polke, „ich will auch mal ein bisschen riskieren, meine Frau immer nur auf Nummer sicher gehen.“ Vergangenen Herbst hatte Claudia Polke die Idee mit dem Praxistest: Sie eröffneten ein zweites Depot, das Vermögen wurde geteilt, jeder legt seinen Teil jetzt so an, wie er es für richtig hält.

Der Wettkampf endet am 11. November 2013; einmal die Woche wird Zwischenbilanz gezogen. „Im Dezember habe ich meine Aktienquote erstmals seit Jahren nach oben gefahren“, formuliert Stefan seine Strategie ganz wie ein Profi, „denn, wenn die Welt nicht untergeht, dann sind Aktien jetzt günstig.“ Seine Frau glaubt das nicht: Sie lässt ihr Geld stoisch auf dem Tagesgeldkonto liegen – den aktuellen Mickerzinsen zum Trotz. „Der schwimmt jetzt auf der Erfolgswelle, aber abgerechnet wird am Schluss“, gibt sich die Medizinisch-Technische-Assistentin siegessicher.

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Wie die Wette ausgeht, ist völlig offen; auch die Profis aus der Investmentbranche, die Analysten der Banken und die Volkswirte der Wirtschaftsforschungsinstitute würden sich mit den Polkes derzeit trefflich streiten. Nachdem die Börsen ihren freien Fall beendet haben, gibt es Anzeichen, dass sich die Erholungsrally, die etwa den Deutschen Aktienindex (Dax) von seinem Tief um ein Viertel nach oben gezogen hat, fortsetzt. Aber auch weitere Kursverluste lassen sich problemlos aus den Wirtschaftsdaten ableiten. Die Lage steht Spitz auf Knopf:

Wende zum Guten oder Vergrößerung der Krise?

Einerseits sind die fundamentalen Daten aus der Wirtschaft nach wie vor schlecht bis verheerend. Wenig deutet auf eine schnelle Wende zum Guten. Erstmals seit 1945 erfasst eine Rezession die drei großen Wirtschaftsregionen Asien, Amerika und Europa zugleich. Folge: Der Welthandel wird laut Schätzungen der Welthandelsorganisation WTO 2009 um bis zu neun Prozent einbrechen – so stark wie seit mehr als 80 Jahren nicht mehr. Besonders hart trifft das den Exportweltmeister Deutschland mit seinen Schlüsselbranchen Automobil- und Maschinenbau.Andererseits spricht einiges dafür, dass Anleger jetzt viele Aktien zu historisch günstigen Bewertungen abfischen können. Zwar sagen viele Kennzahlen, wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), kaum etwas aus, weil die Unternehmen selbst nicht wissen, wie viel Gewinn sie 2009 und 2010 machen werden. Doch je breiter und je langfristiger Investoren die Bewertungsziffern betrachten, desto hoffnungsvoller wird das Gesamtbild. Und ziemlich sicher ist zumindest eines: Risikoarme Geldanlagen wie Festgeld und Staatsanleihen, die als Alternativen zur Aktie konkurrieren, werden in den kommenden Monaten nicht viel einbringen. Wer sich nicht mit ein, zwei Prozent Verzinsung zufriedengeben will, zieht Aktien zumindest in Betracht.

Privatanleger verlassen Aktienmärkte

Trotzdem folgen die meisten Deutschen derzeit eher Frau als Herrn Polke; sie haben sich fast vollständig von der Börse verabschiedet. Die Zahl der Aktionäre ist auf 3,6 Millionen gesunken – unter das Niveau von 1992. Auch die Zahl der Aktienfondsbesitzer ging zurück, allein im zweiten Halbjahr 2008 um 1,1 Millionen auf 6,6 Millionen. 2001 hielten noch 20 Prozent der Bevölkerung direkt oder in Fonds Aktien, heute noch 13,5 Prozent. Aus Aktienfonds zogen die Deutschen allein im Februar netto 2,9 Milliarden Euro ab; seit Anfang 2007 hat sich deren Volumen von 231 Milliarden auf 124 Milliarden Euro halbiert.

Ähnlich wie die Privatanleger verfahren die Großinvestoren: Die deutschen Versicherungen haben ihre durchschnittliche Aktienquote seit 2001 von 18,0 auf 4,8 Prozent gesenkt, ein Allzeit-Tief. Einzelne Versicherer wie die Debeka halten inzwischen weniger als ein Prozent der ihnen anvertrauten Gelder in Form von Aktien.

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