Börsen-Erinnerung: Das Erbe des Neuen Marktes

Börsen-Erinnerung: Das Erbe des Neuen Marktes

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Geschäftige Händer an der Frankfurter Börse zu Zeiten den Neuen Marktes

von Dieter Schnaas

Vor zehn Jahren, am 10. März 2000, erreichte der Neue Markt sein Allzeithoch. Dann kam der Absturz. WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas über das Ende einer Ära und geplatzte Anlegerträume, über Gründer, die weitermachen – und über respektable Unternehmen, die dem Börsencrash getrotzt haben.

Wenn man es genau nimmt, hätte sich Ulrich Dietz diesen Termin am vergangenen Montag sparen können. Diesen und all die anderen in den vergangenen zehn Jahren. Sein Leben könnte ein einziger langer Sonntag sein, auf den Seychellen, in der Schweiz, in Sydney oder in Singapur; er könnte sich der „Entdeckung der Langsamkeit“ widmen, wie sein liebster Romanheld, das „Leben eines Taugenichts“ führen, das „Tagebuch einer Schnecke“ verfassen, er könnte am Strand, im Sand, in der Sonne liegen, die Seele baumeln lassen und all die anderen Bücher lesen, die er schon immer einmal lesen wollte.

Stattdessen sitzt Ulrich Dietz an diesem Montagmorgen im Konferenzraum eines Stuttgarter Hotels, die versammelte Wirtschaftspresse vor sich, spricht vom „dynamischen Endspurt“, den sein Unternehmen 2009 hingelegt habe und natürlich von „zukunftsweisenden Lösungen“, die eine „exzellente Basis für nachhaltiges Wachstum“ versprechen. Nach Langsamkeit klingt das nicht. Eher nach Unrast, gestern, heute, morgen. Eine Stunde zieht Dietz Bilanz, dann muss er los und weiter, schnell, schnell zum Hauptbahnhof, zum ICE, zur Cebit nach Hannover.

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Zwei Milliarden haben sie ihm geboten, damals, vor zehn Jahren. Zwei Milliarden für seine kleine Softwareschmiede, für GFT Technologies aus St. Georgen im Schwarzwald. Ulrich Dietz und seine Frau halten 53,5 Prozent der Aktien, ein Leben im Überfluss winkt, ein pralles Leben von Zins und Zinseszins. Die Börseneuphorie zieht das Land in ihren Bann, die ganze Republik träumt den Traum vom leistungslosen Reichtum, jede Aktienstory am „Neuen Markt“ wird so begierig gelesen wie in den Sechzigerjahren ein Heftroman von Perry Rhodan. Es gibt in diesen Monaten der Geldekstase und Hochstimmungsgier Arbeiter, die sich vom Fußball-Toto aufs Zeichnen indischer Internet-Aktien verlegen, Hausfrauen, die durch die Teletext-Seiten von n-tv blättern, und Beamte, die beim Blick aufs Börsenband ins Schwitzen geraten. Die berauschten Medien beschreien den „Urknall in der deutschen Börsenlandschaft“. Ein Staatsunternehmen wie die Deutsche Telekom lässt 300 Millionen Euro für die Bewerbung seiner „Volksaktie“ springen. Startups, die Partikel wie „tech“ oder „com“ in ihrem Namen tragen, sammeln ohne Ansehen der Geschäftsidee Millionen ein. Jeder mäßig begabte Gymnasiast weiß, was Konsortialführer, Bookbuilding-Spannen und Schulter-Kopf-Schulter-Formationen sind.

Versuchungen widerstehen

Nur Ulrich Dietz bleibt ruhig, lässt sich nicht irre machen von „den Heerscharen an Bankern und Beratern“, die ihn täglich belagern, die ihn zu Zukäufen drängen, zu Kapitalerhöhungen, zur Ausgabe von Wandelschuldverschreibungen, zum Umsatzwachstum um jeden Preis – oder zum Verkauf der Firma. Es sei „ungeheuer schwer“ gewesen damals, den Versuchungen zu widerstehen, sich den Plänen der Hochwellenreiter zu widersetzen, sich auf den Ausbau des Geschäfts zu konzentrieren, sich die Solidität zu erhalten. Sicher, es „ärgert einen manchmal schon, dass man das damals nicht gemacht hat“, sagt Dietz. Andererseits sei er, im Unterschied zu manchem Gründer, der eine fixe Idee hatte, flugs ein Unternehmen gründete und flink an die Börse ging, seither nicht permanent damit beschäftigt, sich gegenüber dem Finanzamt arm zu rechnen.

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Es sei ein „abnormaler Börsenboom damals“ gewesen, sagt Dietz, ein „totaler Ausnahmezustand“ und daher alles in allem eine Charakterfrage – auch für sein Unternehmen. Als kurz vor dem Börsengang am 28. Juni 1999 die Deutsche Post bei GFT einsteigt, stößt das Papier bei Anlegern auf eine schier grenzenlose Nachfrage. Gleich am ersten Tag schnellt die GFT-Aktie von 23 Euro (Emissionpreis) über 44 Euro (Erstnotiz) auf 61 Euro (Schlusskurs) hoch, „acht Stunden, die ich im Leben nicht vergessen werde“, sagt Dietz, „es ist fantastisch mitzuerleben, wie sich die eigene Produkt- und Geschäftsidee in Mark und Pfennig niederschlägt“. Das Interesse der Anleger am Unternehmen ist so groß, dass das Papier im Dezember mit rund 100 Euro gehandelt wird und im März 2000 die 200-Euro-Marke überspringt.

Dann, plötzlich, knistert und kracht es an der Börse, die hochfliegenden Erwartungen erfüllen sich nicht. Ein Aktiensplit (1:3) im Mai nährt noch mal die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Party, das Papier schwingt sich zu einem letzten Höhenflug auf, doch längst ist klar, dass das Wachstum der meisten Unternehmen am Neuen Markt sich nicht in Ertrag übersetzt, Umsatz nicht in Gewinn, Größe nicht in Stärke – und Marktkapitalisierung nicht in betriebswirtschaftliche Gesundheit. Entsprechend rauscht der Kurs von GFT in den Keller, pendelt sich bei zwei bis drei Euro ein – und hält sich seither auf diesem Niveau. 89 Millionen Euro, sagen die Investoren, ist GFT heute wert.

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