Bürgertum: Aus aktuellem Anlass: Vom Staatsbürger oder Heute protzt jedermann

Bürgertum: Aus aktuellem Anlass: Vom Staatsbürger oder Heute protzt jedermann

In einem langen Gespräch mit dem Schweizer Journalisten Frank A. Meyer haben vor zweieinhalb Jahren Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler Abschied genommen vom Bürgertum.

Als historische Formation, als Klasse, sei es verschwunden, aber auch als Sozialtypus mit einem spezifischen Habitus und charakteristischen Einstellungen gebe es den Bürger nicht mehr. „Sind die Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrats von großen Konzernen wirklich noch Bürger?“, fragt Siedler, „...ich will darauf hinaus, dass das Einkommen kein Gradmesser von Bürgerlichkeit ist, eher würde ich sagen, dass extreme Summen fast ein Hinweis sind, dass das Bürgerliche verloren gegangen ist. Das Bürgertum hat nie mit sich geprotzt, heute protzt jedermann.“

Die Manager, so Frank A. Meyer, verfügen, marxistisch gesprochen, nicht über die Produktionsmittel: „Das ist eine neue Klasse oder Kaste; sie besitzt eine gewaltige Macht, mitunter auch erheblichen Reichtum, ohne Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Bürgerlich ist dieser Typus nicht mehr…Dieser postmoderne, globalisierte Manager räumt eben unglaublich viel Geld ab, was auf einen bürgerlichen Menschen geradezu pervers wirkt. Ich erblicke darin das Verschwinden der Verantwortung für das Ganze und damit das Verschwinden von Bürgertugend, also von Bürgertum.“

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Womöglich werden „fähige und vielleicht auch verantwortungsbewusste Leute wiederkehren“, meint Siedler, „aber ob sie nun Krawatten tragen oder nicht, sie werden keine Bürger mehr sein.“ Und Bürger-Sein, das heißt, wie Joachim Fest eingangs des Gesprächs sagt, bestimmte Tugenden zu pflegen: „Zuverlässigkeit, Gesetztestreue, Pflichtbewusstsein und was man geradezu als den Inbegriff bürgerlicher Tugenden bezeichnet – Staatsernst, wie Dolf Sternberger das mit Liebe nannte, also die Auffassung, dass es zu den Verrichtungen eines vollständigen Lebens gehöre, ein guter Staatsbürger zu sein.“

Bourgeois und Citoyen, so meinte Sternberger wohl, müssten einander nicht notwendig ausschließen. Tatsächlich gibt es den Kapitalisten als guten Bürger immer noch. Der Journalist Hannes Koch hat eine ganze Galerie zusammengestellt, die von Götz Werner (dm-drogeriemarkt) bis zu Michael Otto (Otto Gruppe) reicht (Soziale Kapitalisten. Vorbilder für eine gerechte Gesellschaft, Rotbuch Verlag, 2007). Aber typisch ist er nicht.

So schreibt der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin R. Barber in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch „Consumed! Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Bürger verschlingt“, ob die Leitwerte des modernen Kapitalismus - Hedonismus, Infantilismus und übersteigerter Individualismus - die normativen Grundlagen des „Systems“ zerstören, die ein Liberaler wie Adam Smith noch selbstverständlich vorausgesetzt hat: „Einst verband sich der Kapitalismus mit Tugenden, die zugleich wenigstens ein bisschen zu Demokratie, Verantwortung und bürgerlichem Engagement beitrugen.

Heute ist er verbündet mit Lastern, die zwar dem Konsumismus dienen, aber Demokratie, Verantwortung und bürgerliches Engagement untergraben.“ (bei C.H.Beck, 2008) Damit bringt er einen ernsthaften, fast moralisierenden Ton in die Debatte um Konsum und Kapitalismus, den man sich hierzulande in letzter Zeit abgewöhnt hat, um stattdessen die Frieden stiftenden und ästhetischen Qualitäten des Konsums hervorzuheben (so Norbert Bolz in: Das konsumistische Manifest, Fink, 2002 oder Wolfgang Ullrich: Haben wollen! Wie funktioniert die Konsumkultur, S. Fischer 2006)

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