Chefsache: Berlins Armensuppe

Chefsache: Berlins Armensuppe

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Blick auf das umrüstete elf Meter hohe Karl-Marx-Monument im sächsischen Chemnitz.

Roland Tichy über ein Jubiläum, das den Deutschen peinlich ist.

Wo kommt eigentlich der Wohlstandskuchen her? Eine seltsame Gerechtigkeits- und Umverteilungsdiskussion beherrscht das Land: Die SPD will die Reichensteuer bis zum Mittelstand vorziehen. Jeder Achte im Land vegetiert, so die regierungsamtliche Statistik, an der Armutsgrenze und wird gerade noch vom Sozialamt vor dem totalen Elend gerettet. Gierige Manager saugen ihre Belegschaften aus, weswegen ihre Gehälter staatlich kontrolliert werden müssen. Die parteiübergreifende Fraktion der Abkassierer lamentiert über einen angeblich ach so armen Staat, der dringend noch mehr Einnahmen bräuchte, und vergisst dabei, dass der bereits mehr als die Hälfte des Erwirtschafteten konsumiert und jeden Bürger mit knapp 19.000 Euro Schulden belastet. Auch große Teile der Wirtschaft betteln und zanken um Kuchen und Krümel: Ganze Industriezweige wie einst die Kohle und heute die Solarfabriken leben nur von der staatlich organisierten Abzocke. Großkonzerne schützen sich mit Mindestlöhnen vor Konkurrenz, und die subventionsverhätschelten Bauern wollen plötzlich einen „fairen Preis“ für ihre Milch: Teurer nennt man heute fair.

Dazu passt die Grundstimmung in der Bevölkerung: Nur noch eine Minderheit glaubt an die Vorzüge der Marktwirtschaft. „Hart zu arbeiten und beruflich viel zu leisten“, diese Selbstmotivation rangiert abgeschlagen an letzter Stelle. „Freunde, Familie, Spaß und Muße“ gelten als erstrebenswert. Arbeiten? Wenn schon, dann höchstens 32 Stunden und maximal bis 61 Jahre.

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Wie ein Fremdkörper wirkt da die Erinnerung an Ludwig Erhard. Bis zur Peinlichkeit bescheiden wird in Berlin abgehakt, dass vor 60 Jahren mit der Einführung der D-Mark, zeitgleich mit der Abschaffung staatlicher Bezugsscheine sowie Freigabe der Preise, das Wirtschaftswunder begründet wurde – begleitet von einem Generalstreik, wütenden Protesten von links und Bedenken von der Industrie: Schon damals fürchteten die Vorstandsherren nichts so sehr wie globalen Wettbewerb. Das Wirtschaftswunder hat Erhard recht gegeben. Vorübergehend – denn schnell begann das, was heute seinen furiosen Höhepunkt findet: die Zähmung des Marktes, der „Ausgleich“ durch allerlei Soziales, die Subventionierung von diesem und jenem, die bürokratische Steuerung anstelle des Wettbewerbs.

Mit Erhard hat das alles nichts zu tun. Er war nicht nur der Meinung, dass der Markt die große Effizienzmaschine für Wirtschaftswachstum ist – sondern dass der Markt selbst die sozialen Kräfte entwickelt, deren Leistung alles übertrifft, was staatliche Sozialbürokratien vermögen. Soziale Verpflichtung war bei ihm nichts für Talkshows – sondern dem Menschen mitgegeben. Und: Der Bedürftige ist zunächst für sich selbst verantwortlich. Seither übertreffen sich Politiker in der Verteilung vermeintlicher Wohltaten, kämpfen Unternehmer für Reformen zulasten Dritter und verhalten sich immer mehr Bürger wie Dreijährige: Sie erwarten, dass ihnen der Staat aus der Patsche hilft. Und zwar sofort und bedingungslos. Aus dem strengen Vater Staat ist die milde, immer nährende Mutter geworden.

Die Abkehr von Ludwig Erhards Grundkonstruktion hat nicht nur die Wohlstandsentwicklung gebremst. Weil ein gemeinsames wirtschaftspolitisches Leitbild fehlt, demontieren sich die Eliten gegenseitig. Die Wirtschaft verachtet die schnatternde Klasse der Politik; die Politik sieht nur noch die Dax-Raffkes auf Selbstbedienungstrip. Im Verteilungskampf gewinnt der eine, was der andere verliert. Fragen des Wachstums werden nicht mehr diskutiert, es wird verteilt, bis der Kuchen zur Berliner Armensuppe verkommt und die Linke triumphiert: Mehr kann man immer fordern, nur nicht schaffen. Und Opa Erhard? Er hat das Zeug zum Popstar.

Sie haben ihn vergessen – und mit ihm die Rezeptur für das Wirtschaftswunder.

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