Chefsache: Gibt's doch nicht!

Chefsache: Gibt's doch nicht!

Roland Tichy über Panik, Hysterie und Vorsicht bei Geldanlagen.

Versetzen Sie sich mal ein Jahr zurück: Nehmen wir an, Sie hätten damals Ihrem Bankberater folgendes vorgeschlagen: „Verkaufen Sie alle Zertifikate, weil die Bank pleite geht, die dahinter steckt. Beschaffen Sie mir dafür Goldmünzen, aber die lege ich nicht in Ihr Schließfach, da komme ich vielleicht auch nicht mehr dran, sondern vergrabe die zu Hause im Keller. Ach ja, und überweisen Sie jeweils ein Drittel meines Kontoguthabens an Bank B und ein weiteres Drittel an Bank C, ein Drittel bleibt bei Euch. Eine von Euch Banken wird schon durchkommen.“

Man hätte Sie damals für paranoid erklärt. Gold, Bargeld, Bankenpleite? Gibt's doch gar nicht. Unser kluger Finanzminister hat übrigens noch am Freitag von der besonderen Stabilität deutscher Banken geredet, und am Samstag war die Hypo Real Estate pleite. Und übrigens: Gerne erwarte ich wieder die Anrufe von Bankdirektoren und Sparkassenpräsidenten, dass wir so schwarzseherisch seien, gibt's doch gar nicht, so was wie eine Weltwirtschaftskrise (Ausgabe 14/2008).

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Wenn Sie aber dem Finanzsystem zutiefst misstrauen, verhalten Sie sich genau so, wie sich derzeit Banken untereinander verhalten. Keine Bank traut keiner Bank.

Und deshalb leiht keine Bank keiner anderen Bank Geld. Der Finanzkreislauf zwischen den Banken ist daher zum Erliegen gekommen. Ein Banker hat es als „digitales Risiko“ bezeichnet: „Ich kann Geld für fünf Prozent verleihen. Aber leider nur mit einer Wahrscheinlichkeit, dass es zu 100 Prozent weg ist.“ Also verleiht er kein Geld, so wie wir es im September vorigen Jahres beschrieben haben (Ausgabe 38/2007). Das ist der Grund, warum derzeit eine Bank nach der anderen zusammenklappt: Und das ist auch der Grund, warum der US-Plan zur Rettung des Finanzsystems mit der unvorstellbaren Summe von 800 Milliarden Dollar ebenso kühn wie verwegen, so ungerecht wie unausweichlich auch für Deutschland ist: Der Banksektor ist in eine Vertrauenskrise geraten, aus der er sich selbst nicht mehr befreien kann.

Was gestern noch Panik war, gilt heute als vernünftige Vorsicht. Das System, auf Vertrauen gebaut, klappt nicht mehr, weil keiner mehr dem anderen vertrauen darf. Es wird zur Katastrophe ausarten, wenn die Bürger den eigentlichen Ernst der Lage in seiner Tragweite begreifen: Dass nämlich nichts mehr sicher ist. Dass die Einlagensicherungssysteme gute Regenschirme für Nieselregen sind, aber nicht gegen Hurrikans helfen. Noch ist es zu keinem Massenansturm auf die Bankschalter gekommen. Noch vertrauen die Bürger den Banken, die sich gegenseitig nur misstrauen. Das stabilisiert das System – vorerst.

Der Finanzhurrikan aber ist längst über den großen Teich bis Europa vorgedrungen. Daher war es ein Fehler der Bundesregierung, sich der Zusammenarbeit mit den USA zu entziehen. Das deutsche Finanzsystem ist nicht sicherer, sondern hat noch mehr Fehler eingebaut: In den USA sind die Investmentbanken krepiert, weil sie keine Spargelder annehmen dürfen und damit auf Gedeih und Verderb auf die bankeninterne Refinanzierung angewiesen waren. In Deutschland landen die Sparguthaben bei den Sparkassen. Die haben diese Gelder lustig über ihre eigenen Landesbanken verbrannt, stellen sie aber nicht mehr anderen Geschäftsbanken zur Verfügung. Damit ist Deutschland von dem Austrocknen der Finanzmärkte noch massiver betroffen.

Jetzt werden absurde Diskussionen über das vermeintliche Ende des Kapitalismus geführt, blinder Anti-Amerikanismus taucht auf. Das ist alles nachvollziehbar, hilft aber nicht weiter. Das System muss von außen stabilisiert, es muss neu gestartet werden.

Sonst holen wir doch noch alle unser Geld und Gold nach Hause.

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