Chefsache: T wie täuschen

Chefsache: T wie täuschen

Roland Tichy in eigener Sache über den Spitzel-Skandal der Telekom.

Zwischen Unternehmen oder Politikern einerseits und Journalisten andererseits herrscht ein sportlicher Wettstreit: Die Unternehmen wollen möglichst keine Informationen preisgeben, die Politiker gerne geschönte – und Journalisten immer genau jene Geheimnisse entdecken, welche die anderen verstecken oder schönen.

So kommt es gelegentlich zu Rempeleien, bei denen man nicht zu wehleidig sein sollte. Gerade wir Journalisten sind meist ziemlich gut im Austeilen und ziemlich schlecht im Einstecken. Wer rücksichtslos und – oft genug – auch selbstgerecht Kritik übt, darf nicht erwarten, dafür von den Kritisierten geliebt zu werden.

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Soweit nehmen meine betroffenen Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion der WirtschaftsWoche die Nachricht über die jetzt aufgeflogene Bespitzelung durch die Telekom eher amüsiert hin: Wir hatten dies mehr erahnt als gewusst und sind mit anonymisierten Telefonleitungen den hinterhechelnden Telekom-Kontrolleuren zuvor gekommen.

Ihnen zum Trotz haben wir erfahren, was wir herauskriegen wollten, und gedruckt, was unsere Leser wissen sollten, auch wenn es unser Verlagshaus über den Verlust von Anzeigen teuer zu stehen kam. Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif; wer nicht bereit ist, dafür zu kämpfen, soll sich einen anderen Beruf wählen. Übrigens ist es bezeichnend, dass kürzlich die Anwälte von Gesine Schwan diese Redaktion daran hindern wollten, eine Geschichte zu bringen, in der die schmierige Geschäftigkeit der Präsidentschaftskandidatin beschrieben wurden (WirtschaftsWoche 22/2008).

Kein Fettnäpfchen, das die Telekom ausließe

Aber beim Bespitzelungsskandal der Telekom die Telefonate ihrer Aufsichtsräte und Manager mit Journalisten nachverfolgt hat, geht es nicht nur um Rempeleien – sondern um ein groß angelegtes Täuschungsmanöver gegenüber der Öffentlichkeit und den Finanzmärkten. Seinen Anfang nahm die Irreführung im Umfeld des Börsengangs der Telekom. Ein biederer, unter dem Behördenstaub vegetierender Laden sollte zum Global Player aufgemotzt werden. Das schien zu glücken, begünstigt auch durch den New-Economy-Hype. Aber in dem Maße, in dem sich die Diskrepanz zwischen der in hübsches Magenta gefärbten Fassade und der grauen Wirklichkeit auftat, wurden die Methoden der Telekom-Spitze härter.

Journalisten wurden bespitzelt und bedroht – andere geschmiert. Anzeigen wurden als Druckmittel eingesetzt, Bankanalysten beeinflusst. Genutzt hat dies der Telekom nichts. Die Kunden laufen in Scharen davon. Der Service ist miserabel, der Börsenkurs ruht still im Keller, das Unternehmen hat seine Machenschaften vor Gericht zu verantworten, seine Börsen-Prospekte werden als Märchenbuch gelesen. Kein Fettnäpfchen, das die Telekom ausließe: Mal ist das Radsportteam Telekom gedopt, dann sind die Abrechnungen falsch, immer rangiert die Telekom auf einem der letzten Plätze, wenn es um den Service geht.

Dass wir das alles wissen, stimmt mich optimistisch. Wir leben in einem der freiesten Länder der Welt. In einer offenen Gesellschaft findet die Wahrheit ihren Weg, auch an Spitzeln vorbei und trotz zahlreicher Repressionen. Ergebnis: Neben der Telekom gibt es kein Unternehmen, dessen Herz so umgarnt ist von den Informationsnetzen, die Journalisten gesponnen haben.

Die Telekom hat nur in ihrer Frühphase Kritik als Chance verstanden und den offenen, ehrlichen Umgang mit den Fakten für die Modernisierung dieses Unternehmens genutzt, das für die Volkswirtschaft so wichtig ist. Dann kamen Blender, die dem Unternehmen nur eine kurze Scheinblüte verschafften. Jetzt geht es nicht nur um die Aufklärung der Spitzeleien. Das gesamte Unternehmen muss neu ausgerichtet werden. Räumt den Laden endlich auf, dann gibt es bald nichts mehr Geheimnisvolles zu berichten!

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