China, Katar & Co.: Staatsfonds auf Einkaufstour

China, Katar & Co.: Staatsfonds auf Einkaufstour

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Blick auf Doha, die Hauptstadt von Katar. Der Staatsfonds von Katar tauscht Ölgelder in Aktien von Hochtief, VW, Porsche und Londoner Börse

von Christof Schürmann, Andreas Henry und Matthias Kamp

Nachdem die Milliarden-Fonds mit Bank-Investments viel Geld verloren haben, kaufen sie wieder Industrieunternehmen – wie Hochtief und Areva. Wo sie investieren, was Anleger ihnen nachmachen können.

Es sind keine schlechten Zeiten für die Beziehungen zwischen Deutschland und den Emiraten am Persischen Golf. Erst holt Sebastian Vettel auf der Wüstenrennstrecke von Abu Dhabi die Formel-1-Weltmeisterschaft, dann schwingt sich Katar zum Retter von Hochtief auf: Das Emirat kauft sich über seinen Staatsfonds mit 9,1 Prozent der Aktien beim Baukonzern Hochtief ein, der von der spanischen ACS-Gruppe bedrängt wird. Und Katar will nachlegen. Am vergangenen Donnerstag traf sich Katars Finanzminister Yousef Hussain Kamal mit Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Das Emirat soll nun auch ein Auge auf Unternehmen im deutschen Mittelstand und die IT-Branche geworfen haben. Brüderle habe vorgeschlagen, gemeinsam spezielle Bereiche auszumachen, hieß es nach dem Treffen.

Die Staatsfonds der Scheichs sind auch herzlich dazu eingeladen, den Euro zu retten: Sie sollen die europäischen Anleihen kaufen, mit denen der Euro-Rettungsfonds EFSF Kredite für Irland finanziert. EFSF-Chef Klaus Regling jedenfalls berichtete gerade, Staatsfonds seien „sehr interessiert" an seiner ersten, fünf Milliarden Euro schweren Anleihe, die im Januar kommen soll. Kamal stellte ein Engagement in den angeschlagenen Euro-Ländern Irland und Portugal in Aussicht. "Wir haben etwas in der Pipeline, aber es ist noch nicht spruchreif", so der Katarische Finanzminister vergangene Woche.

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Ob die Araber die Euro-Rettungsanleihe wirklich kaufen werden, ist unklar. Das Investment bei Hochtief passt besser in die Strategie der großen Staatsfonds. Nach milliardenschweren Missgriffen mit Finanzkrisen-Engagements bei Banken kaufen sich die Staatsfondsmanager inzwischen wieder lieber in der Realwirtschaft ein.

„Der Finanzsektor, der vor der Krise ein starkes Übergewicht hatte, ist kein wesentliches Thema mehr“, sagt Steffen Kern, Spezialist für Staatsfonds bei der Deutschen Bank in Frankfurt: „Vielmehr versuchen die Staatsfonds im Aktienbereich über alle Branchen hinweg ausgewogen zu investieren. Rohstoffe, High-Tech und Infrastruktur sind besonders beliebt.“

Staatsfonds (Sovereign Wealth Funds, kurz SWF), in denen Staaten ihre Einnahmen aus dem Ölgeschäft oder Rücklagen für Pensionen von Staatsbediensteten bunkern, steigerten ihr Vermögen seit Beginn der Finanzkrise von September 2007 bis September 2010 von 3190 auf 3938 Milliarden Dollar. Damit zählen sie zu den großen Spielern im weltweiten Börsen-Poker, nach Versicherern, Investmentfonds für Privat- und Großanleger und Pensionsfonds, die vier bis sechs Mal so viel Geld managen.

Kapital

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Viele Staatsfonds haben noch keine zehn Jahre auf dem Buckel. Die fehlende Erfahrung hatte in den vergangenen Jahren zu Fehlinvestments geführt. Inzwischen „stellen sie professionelle Fondsmanager ein, um ihr Portfolio noch besser zu managen“, sagt Deutsche-Bank-Experte Kern. Die versuchen jetzt, Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, und erzielen neue Erfolge.

Anleger, die beobachten, wie die Manager der Staatsfonds ticken, wie sie investieren und welchen Einfluss sie auf die Börse haben, gewinnen wertvolle Hinweise für ihre eigene Anlagestrategie.

Für Hochtief-Aktionäre etwa zahlt sich das Engagement von Katar schon jetzt aus. Der Kurs sprang binnen zwei Tagen nach Bekanntgabe des Einstiegs um zwölf Prozent. Vorteil: Hochtief-Anteilseigner müssen nicht befürchten, dass ihnen die Politik noch einen Strich durch die Rechnung machen wird und Katar abzuwehren versucht. Bundeswirtschaftsminister Brüderle etwa begrüßt den Einstieg: „Wir haben goldrichtig damit gelegen, dass sich der Staat auch bei Hochtief zurückgehalten und nicht eingemischt hat.“ Konflikte auf politischer Ebene wollen Staatsfonds möglichst vermeiden. Sie investieren deshalb gern als Retter in der Not: in der Finanzkrise in strauchelnde US-Banken, aktuell in Hochtief, die einen Verbündeten im Kampf gegen ACS suchen. Tabu sind Unternehmen, in denen Politiker mitfingern, zum Beispiel Energieversorger. Deutsche Kraftwerke in arabischer oder chinesischer Hand wären für Politiker ein Albtraum.

Private Anleger fahren ebenfalls besser, wenn sie in Unternehmen investieren, die möglichst geringem politischem Einfluss unterliegen. Im Dax etwa liegt die Kursentwicklung von Aktien wie BASF, BMW oder Linde weit vor derjenigen politisch dominierter Versorger und teilstaatlicher Konzerne wie Deutscher Telekom, Deutscher Post oder Commerzbank.

Sensible Ziele sind tabu

Die Staatsfonds selbst wissen spätestens seit dem Jahr 2006, dass sensible Ziele politischen Ärger bringen können. Damals übernahm Dubai Ports World, eine Staatsgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, die britische P&O. Die betrieb unter anderem wichtige US-Seehäfen. Die Vorstellung, dass ausgerechnet Araber für die Kontrolle der ins Land kommenden Container zuständig sein könnten, brachte die Politiker in Washington auf die Barrikaden. Kritische Investitionen ausländischer Gesellschaften in den USA werden dort vom Committee on Foreign Investments unter die Lupe genommen, das ein Urteil darüber abgibt, ob ein Investment die nationale Sicherheit gefährdet oder gegen Anti-Trust-Gesetze verstößt. Obwohl sich 2006 sogar der damalige US-Präsident George W. Bush vehement für die Araber einsetzte, musste P&O letztendlich die Beteiligungen an US-Häfen abgeben.

Keine Vorbehalte hatten die Amerikaner gegen Geldspritzen der SWF, als mitten in der Finanzkrise große US-Banken verzweifelt nach frischem Kapital lechzten. Insbesondere die Früheinsteiger unter den Staatsfonds haben sich mit diesen Investments die Finger verbrannt. Die Singapurer Temasek etwa beteiligte sich im Dezember 2007 an der Investmentbank Merrill Lynch. Nach einem Jahr stieg Temasek aus – und verlor laut „Wall Street Journal“ rund 4,6 Milliarden Dollar. Auch die chinesische China Investment Corporation (CIC) musste mit ihrem ursprünglich 5,6 Milliarden Dollar starken Investment in Morgan Stanley 900 Millionen Dollar Lehrgeld zahlen. Der Fonds Government of Singapore Investment Corporation (GIC) stieg mitten in der Finanzkrise bei der angeschlagenen Schweizer UBS ein. Das Investment von elf Milliarden Schweizer Franken (8,3 Milliarden Euro) liegt derzeit mit 5,6 Milliarden Franken in den Miesen, nachdem die größte Schweizer Bank nur noch ein Drittel des Einstandspreises wert ist.

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