Denkfabrik: Ökonomik der Apokalypse

Denkfabrik: Ökonomik der Apokalypse

Zwischen der globalen Finanzkrise und dem Atomcrash in Japan gibt es eine unheilvolle Parallele: Beide Krisen sind mitverschuldet von Unternehmen, die für den angerichteten Schaden nicht ausreichend haften müssen. Von Hans-Werner Sinn

In der ersten Welle der Finanzkrise kollabierten weltweit Hunderte von Banken, unter ihnen bekannte Adressen der USA. Mehr als die Hälfte der großen Investmenthäuser ging verloren. Hedge Funds starben wie die Fliegen.

In der zweiten Welle, die gerade voll im Gange ist, drohen ganze Staaten in Europa pleitezugehen. Griechenland hätte seinen Konkurs schon im Mai vergangenen Jahres anmelden müssen, wäre es nicht gerettet worden. Irland, Portugal und Spanien sind akut gefährdet. Selbst Italien ist ins Gerede gekommen. Wenn Deutschland auch noch Italien retten muss, werden die Dinge in Europa außer Kontrolle geraten.

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Und nun das Unglück in Japan. Erst ein Seebeben mit Zehntausenden Toten, dann die Kernschmelze in gleich drei Reaktorblöcken des Kraftwerks von Fukushima. Die auf den Schaumkronen der Fluten tänzelnden Häuser und Autos vermischen sich mit den explodierenden Kraftwerken zur Apokalypse. Die Untaten Gaddafis in Libyen werden zum Nebenkriegsschauplatz.

Was vor Kurzem noch als unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich galt, findet statt. Der Glaube der Menschen an die Stabilität der Welt ist erschüttert wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele sehen das Ende des Wachstums, das Ende der Technik, das Ende der Moderne – oder gar den Anfang vom Ende der Zivilisation. Und natürlich kennt man schon die Akteure. Erst waren skrupellose Manager am Werk, dann zwielichtige Spekulanten, und nun rächt sich die Natur an ihren kapitalistischen Ausbeutern.

Die naive Personalisierung der Gefahren, die aus solchen Worten spricht, ist die Kapitulation vor der Komplexität des Geschehens. Die Welt geht aber nicht unter. Man muss nur die Lehren aus den Unglücken ziehen und bessere Banken, Staaten und Kraftwerke bauen.

Die neuen Kraftwerke von Flamanville und Olkilhuoto haben Core Catcher, flache Keramik-Pfannen zum Auffangen der geschmolzenen Brennstäbe, einen zur Kühlung ohne Pumpen aktivierbaren Wasservorrat, doppelte Druckbehälter und vieles mehr. Sie zeigen, dass sich auch eine Kernschmelze beherrschen lässt, wenn man in Sicherheit investiert. Das Ganze ist eben nicht nur ein technisches, sondern auch ein ökonomisches Problem. Und hier zeigen sich erstaunliche Parallelen zur Finanzkrise.

Zu wenig Eigenkapital

Die Banken, die im Zentrum der globalen Finanzkrise stehen, und der japanische Kernkraftbetreiber Tepco haben eines gemein: Sie sind Kapitalgesellschaften mit beschränkter Haftung, deren Eigenkapital viel zu klein ist, um die im Katastrophenfall auftretenden Schäden zu decken. Tepco hat gerade mal 22 Milliarden Euro, einen Bruchteil der möglichen materiellen Schäden, von den Verlusten an Leib und Leben ganz zu schweigen. Im Normalbetrieb macht man schöne Gewinne, schützt diese durch Ausschüttung an die Aktionäre sogleich vor der Haftung und überlässt das Unternehmen dann in der Katastrophe seinem Schicksal. Warum in teure Schutztechnologien investieren oder auf riskante, aber lukrative Kreditgeschäfte verzichten, wenn man so im unwahrscheinlichen Katastrophenfall nur Schäden reduziert, die man mangels haftenden Eigenkapitals ohnehin nicht tragen muss?

In meiner Dissertation über ökonomische Entscheidungen bei Ungewissheit habe ich das vor einem Dritteljahrhundert die „Mehr-als-er-hat-kann-man-ihm-nicht-nehmen-Regel“ genannt. Die Kernkraftwerke dienten mir damals als eines der Anwendungsbeispiele der allgemeinen Theorie.

Der mangels Masse mögliche Ausschluss der Haftung im Katastrophenfall ist ein Element eines Geschäftsmodells, das einen Teil der Gewinne in Normalzeiten erklärt. Er führt zur Nachlässigkeit beim Umgang mit der Gefahr. Der japanische Kraftwerksbetreiber betrieb kein anderes Glücksspiel als die US-Investmentbanken.

In beiden Fällen ist die Schlussfolgerung, dass die Haftungsmasse steigen muss, um mehr Sorgfalt beim Umgang mit der Gefahr herbeizuführen. Dass die Banken mehr Eigenkapital brauchen, ist weithin akzeptiert. Für die Betreiber von Atomkraftwerken muss Ähnliches gelten. Auch sie müssen einer Eigenkapitalregulierung unterworfen werden. Wahlweise kann man ihnen die Option gewähren, für mögliche Schäden bis zur Höhe der Deckung, die das Versicherungssystem tragen kann, eine Haftpflichtversicherung abzuschließen.

Die japanischen Atomkraftwerke waren nicht versichert. Der Betreibergesellschaft waren die Prämien für ihre unsicheren Reaktoren zu teuer. Das ist nicht nur ein Problem, weil es nun an Geld für den Wiederaufbau von Häusern und Infrastruktur fehlt. Noch viel wichtiger sind die fehlenden Anreize bei der Planung von Kraftwerken und der Entscheidung über die Länge der Laufzeiten.

Da sich Haftpflichtprämien nach dem Ausmaß der Schutzvorkehrungen richten, böten sie den Betrieben Anreize, mehr in die Sicherheit zu investieren sowie alte Kraftwerke vom Netz zu nehmen und durch neue, sichere zu ersetzen. Was man dem Autofahrer abverlangt, ist auch für Energiekonzerne zumutbar. 

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