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Deutsche Vorstände: "Business is Show-Business"

von Von Juliane Lutz und Katrin Terpitz Quelle: Handelsblatt Online

Deutsche Unternehmenslenker machen oft eine schlechte Figur auf den "Brettern, die das Geld bedeuten". Die Kunst der Selbstinszenierung vor großem Publikum beherrschen nur die wenigsten Vorstände - und verspielen dadurch Vertrauen in ihr Unternehmen.

Hauptversammllung der Deutschen Telekom: Deutsche Vorstände sind zwar erfolgreiche, aber meist nüchterne Sacharbeiter. Quelle: dpa
Hauptversammllung der Deutschen Telekom: Deutsche Vorstände sind zwar erfolgreiche, aber meist nüchterne Sacharbeiter. Quelle: dpa

DÜSSELDORF. "Der typische Vorstand trennt sich eher von seiner Frau als von seinem Manuskript", so spottete schon Hans-Olaf Henkel, Ex-Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie und selbst preisgekrönter Redner, über das Unterhaltungstalent deutscher Manager. "Mit gesenktem Blick kleben sie am Redetext, dazu gesellen sich rhetorische Schwächen und peinliche Momente", konstatiert die Theaterwissenschaftlerin Brigitte Biehl. Über zwei Jahre beobachtete sie die Selbstinszenierung von Vorständen auf Hauptversammlungen, Analysten- und Bilanzpressekonferenzen.

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Ihr Fazit: Deutsche Unternehmenslenker machen oft eine schlechte Figur auf den "Brettern, die das Geld bedeuten". Viele spielten ihre Rolle plump und pannenreich. Zugleich strotzen die Reden nur so vor Metaphern. Im Schnitt sind es drei pro Minute, meist aus Architektur und Sport, ermittelte Biehl. Ein kraftvoller Redetext, vorgetragen mit oft energieloser Stimme, wirkt wenig überzeugend. Etwa dann, so Biehl, wenn Ex-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke eher lustlos und arrogant berichte, die Mitarbeiter auf Kundenorientierung zu trimmen. Biehl fragt sich: Warum nutzen Vorstände nicht wenigstens Teleprompter, wie es ausländische CEOs tun, um durch Gesten und Blickkontakt den Funken überspringen zu lassen?

Fakt ist: Deutsche Vorstände sind zwar erfolgreiche, aber meist nüchterne Sacharbeiter, die ihre Aufgabe am liebsten geräuschlos erledigen. Hauptversammlung oder Bilanzpräsentation sind vielen eher leidige Pflicht als Lust. Und ein Auftritt vor Tausenden im Blitzlichtgewitter treibt selbst Leuten, die gewöhnt sind, mit Milliarden zu jonglieren, den Schweiß auf die Stirn. Die kleinste falsche Geste oder Antwort könnte ja den Aktienkurs auf Talfahrt schicken.

Darin vergleicht sie eine Hauptversammlung mit einer Theaterinszenierung. Alles wird minutiös geprobt und nichts dem Zufall überlassen - auch nicht das Krawattenmuster. "Durch den gezielten Einsatz von Licht, Bühnenbildern und Rhetorik versuchen die Unternehmen, ihr Publikum zu beeindrucken und Vertrauen in sich und den Konzernerfolg aufzubauen", erläutert Biehl, derzeit Marketing-Dozentin an der Universität von Wales. Dabei bedienen sich Unternehmen zahlreicher dramaturgischer Tricks. "Die Videotechnik potenziert die Präsenz und erhebt den Sprecher wie einen Rockstar über die ,kleinen´ Aktionäre, Journalisten und Analysten, die beim Zusehen ihrer eigenen Minderheit gewahr werden", interpretiert Biehl.

Doch was nützt das schönste Bühnenbild ohne überzeugenden Hauptdarsteller? Steckt dieser zu wenig Mühe in die Vorbereitung oder tritt ungeschickt oder gar arrogant auf, kann er leicht baden gehen. So geschehen bei SAP-Gründer Hasso Plattner. Der musste laut Biehl bei einem lustlosen Messeauftritt in den USA vor einigen Jahren aus dem Publikum hören, die damals nicht ganz so positive Presse von SAP gehe auch auf ihn zurück.

Wer nicht die gewinnende Art des Steve Jobs besitzt, probt besser für den großen Auftritt. Für Stefan Wachtel von Expert-Executive in Frankfurt, der Vorstände trainiert, sind die Inszenierungen deutscher Manager noch "zu nah am Text und zu professoral". Führungskräftecoach Victor Schmid aus Zürich sagt: "Bei der Hälfte unserer Klienten haben sich die Rollen über Jahre zu sehr verfestigt." Abhilfe schafft nur monatelanges Training.

Allerdings: Aus einem Redner vom Typ Scharping können auch Kommunikationsprofis keinen Gottschalk machen. Der Schauspieler Michael Rossié, der Vorstände und Prominente für Konferenzen und TV-Auftritte coacht, weiß: "Einen trockenen Finanzvorstand kann ich nicht in einen glänzenden Redner verwandeln. Aber ich helfe ihm, authentisch und sympathisch rüberzukommen. Nervosität inbegriffen. Das wirkt nur menschlich." Auch auf unangenehme Fragen von Aktionären lassen sich Vorstände drillen. Um nicht ins Stammeln zu geraten, rät Rossié: "Auf alle Fragen antworten, aber nicht alle beantworten." Geübte Vorstände verbinden diplomatische Ausflüchte mit einem gewinnenden Lächeln, hat Biehl beobachtet.

Shakespeare hatte recht, als er schrieb: "Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frau´n und Männer bloße Spieler." Applaus und Erfolg aber heimst nur der ein, der viel harte Arbeit nach leichtem Spiel aussehen lässt.

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