Einzelhandel: Neue Ideen für die Kauflust

Einzelhandel: Neue Ideen für die Kauflust

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Kunden beim Einkaufsbummel: Verbraucher schätzen wieder Service und Qualität

Die deutschen Handels- und Konsumgüterkonzerne spüren die Zurückhaltung der Verbraucher. Neue Ideen sollen die Kauflust wecken.

Es hätte so schön sein können: „Die Binnennachfrage, und hier in erster Linie der private Konsum, wird zum Haupttreiber der wirtschaftlichen Entwicklung“, prophezeite der Sachverständigenrat der Bundesregierung für das laufende Jahr. Inzwischen herrscht Ernüchterung. Die hohen Strom-, Gas- und Benzinpreise treiben Verbrauchern Tränen in die Augen. Und statt durch Warenhäuser und Einkaufscenter zu shoppen, halten sie ihr Geld zusammen. Das bekommen vor allem die deutschen Handelskonzerne zu spüren. So musste die Kleinkaufhauskette Hertie vor wenigen Wochen Insolvenz anmelden, auch die Modehändler Wehmeyer und SinnLeffers stehen vor dem Aus.

Trotz der Horrormeldungen bleibt Peter Breuer optimistisch. Der Leiter des Konsumgüter- und Handelssektors bei der Unternehmensberatung McKinsey hat die Branche durchleuchtet und Strategien für erfolgreiche Formate entwickelt. Das Fazit des Experten: „Jenseits ausgetretener Handelspfade gibt es auch in den kommenden Jahren viele Wachstumsmöglichkeiten.“ Wenn die Gesamtwirtschaft mitspielt und alle Chancen konsequent genutzt würden, könnte die Branche bis 2020 rund 800 000 neue Arbeitsplätze schaffen, erwartet Breuer. Eine kühne These, schließlich gilt der deutsche Handel seit Mitte der Neunzigerjahre als chronisch wachstumsschwach.

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Magere 0,4 Prozent Wertschöpfung im deutschen Einzelhandel

Seit 1995 legte die Wertschöpfung um magere 0,4 Prozent pro Jahr zu. 1019 Euro lenkt der deutsche Durchschnittseinkäufer jährlich in die Kassen der Einzelhändler – in Großbritannien sind es umgerechnet 1331 Euro, in den USA sogar 1763 Euro. Und plötzlich soll ausgerechnet in Deutschland das Einkaufsfieber ausbrechen? Ja, sagt Breuer, „die Unternehmen müssen dafür aber ihr Profil schärfen“. So würden Verbraucher künftig noch gezielter einkaufen und entweder zu Billig-Angeboten beim Discounter greifen oder aber einen klaren Mehrwert fordern. „Die Kunden schätzen wieder Service, Qualität und Bequemlichkeit“, sagt Breuer. „Und sie sind bereit, dafür auch mehr zu bezahlen.“

Die Entwicklung könne sogar ein nahezu ausgestorbenes Format wiederbeleben, glaubt Breuer. „Geschäfte, die im Stil der alten Tante-Emma-Läden den Wunsch nach mehr Service erfüllen, stehen vor einem Comeback.” Die mit kleinen Flächen und wenig Personal in hoch frequentierten Lagen operierenden Geschäfte arbeiten mit geringen Fixkosten. Sie rechnen sich selbst bei langen Öffnungszeiten und sind für Konsumenten attraktiv, die sich möglichst nah am Wohnort mit Lebensmitteln, Snacks und Fertiggerichten eindecken.

discounter

Der Trend zum einfachen Einkaufen biete auch Herstellern neue Absatzchancen, glaubt Breuer. Denn „vieles, was das Kochen erleichtert, wird in Zukunft stärker nachgefragt werden“. Mit einer ähnlichen Entwicklung rechnet er bei Biolebensmitteln und Produkten an der Grenze zwischen Arznei und Nahrung. Bislang gebe jeder Deutsche im Schnitt 60 Euro pro Jahr für frei verkäufliche Medikamente aus. In den USA seien es knapp 100 Euro. Das steigende Gesundheitsbewusstsein berge daher „gewaltiges Wertschöpfungspotenzial“, sagt Breuer. Richtig in Schwung kommen dürfte das Geschäft, sobald das strenge deutsche Apothekengesetz fällt. Drogeriefilialisten und Supermarktketten könnten dann zur Konkurrenz für Apotheker werden (WirtschaftsWoche 36/2008).

Nachholbedarf sieht der McKinsey-Experte dagegen beim richtigen Mix der Vertriebskanäle im Handel. Sie verschenken damit viel Geld, zeigt die Marktforschung. Für Breuer sind die Konsequenzen klar: „Die Vertriebswege sollten aufeinander abgestimmt und um individuelle Dienstleistungen ergänzt werden.“ Wie stark Unternehmen von Zusatzleistungen profitieren können, zeigt der amerikanische Elektronikhändler Best Buy. Die Kette bietet ihren Kunden erste Hilfe bei Computerproblemen, direkt in den Filialen, aber auch per Callcenter sowie über 1500 mobile Mitarbeiter. Obwohl solche Dienstleistungen bislang nur rund zwei Prozent zum Umsatz der US-Händler beitragen, sorgen sie für etwa 15 Prozent ihres Gewinns.

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