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Emerging Markets: Anleger wetten auf neuen Schwellenländer-Boom

von Jörg Hackhausen und Christian Panster Quelle: Handelsblatt Online

Während die Industrieländer noch lange unter den Folgen der Krise leiden werden, schätzen Analysten die Chancen der Schwellenländer hoch ein. Vor allem Rohstoffaktien bieten gute Renditechancen. Doch Engagements bergen Risiken. Was Anleger erwartet.

Nach einer Schrumpfkur in 2008 rechnen Experten für 2010 mit einer leichten Erholung. Quelle: Pressebild Quelle: handelsblatt.com
Nach einer Schrumpfkur in 2008 rechnen Experten für 2010 mit einer leichten Erholung. Quelle: Pressebild Quelle: handelsblatt.com

FRANKFURT. Das nächste Jahrzehnt gehört den Schwellenländern. China, Indien oder Brasilien - möglicherweise auch Südafrika und Indonesien. Das zumindest sagen die Strategen der Banken und Fondsgesellschaften. Weil die Industriestaaten noch länger unter den Folgen der Finanzkrise leiden werden, wachse die Bedeutung der Schwellenmärkte. Kurzum: Wer will, dass sein Geld künftig eine passable Rendite abwirft, kommt um ein Investment in den Emerging Markets nicht herum.

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Die Anleger glauben an die Verheißungen der neuen Märkte. Sie können ihr Geld gar nicht schnell genug in die Schwellenländer schaffen. Auch die Nachricht von den Zahlungsnöten in Dubai konnte die Zuversicht in die Schwellenländer nicht trüben. Allein in der vergangenen Woche investierten Anleger 1,6 Mrd. Euro in Aktienfonds mit Schwerpunkt Emerging Markets; insgesamt sind es in diesem Jahr nach Angaben der Analysegesellschaft EPFR Global umgerechnet rund 50 Mrd. Euro.

Aber welche Regionen sollten Anleger 2010 besonders im Blick haben, wo ist noch was zu holen? Ganz so einfach ist das nicht zu beantworten - schließlich haben die Börsen in Shanghai, Sao Paulo oder Kapstadt in den vergangenen Monaten bereits viel gewonnen. Seit Jahresbeginn hat der MSCI Emerging- Markets-Index, der Gradmesser für die Schwellenmärkte, um 60 Prozent zugelegt. Zum Vergleich: Der Dax kommt im selben Zeitraum gerade einmal auf ein Plus von 20 Prozent; der Dow Jones kletterte um 18 Prozent.

Sind die Schwellenländerbörsen zu weit vorgeprescht? Nicht unbedingt, sagt Marc Mobius, Emerging-Markets-Experte bei Templeton Asset Management. Zwar rechnet er mit weiteren Korrekturen in den kommenden Monaten. Das sei aber für einen Bullenmarkt vollkommen normal und eröffne den Investoren gute Kaufgelegenheiten. Allerdings sollten die Anleger ein wenig Geduld mitbringen. "Neben Asien ist Südamerika die wohl interessanteste Schwellenländerregion", sagt Mobius. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der lateinamerikanischen Märkte liege wie das der asiatischen Börsen im Schnitt bei vierzehn.

Ganz oben auf den Empfehlungslisten vieler Experten steht China. Die Wirtschaft, angetrieben von den staatlichen Konjunkturprogrammen, wächst wieder kräftig. Rund acht Prozent in diesem Jahr. Die Volksrepublik scheint die Krise ohne größere Schäden zu überstehen. Für 2010 rechnen die Experten von Goldman Sachs sogar mit einer Wachstumsrate von gut elf Prozent.

Aber nicht nur China ist auf Wachstumskurs. Die Wirtschaft in Indien dürfte um acht Prozent zulegen, in Brasilien und Indonesien um sechs Prozent, in Südkorea, Malaysia und der Türkei um gut fünf Prozent. Diese Länder sind immer weniger vom Westen abhängig. Stattdessen gewinnen der Binnenkonsum und der Handel der Schwellenländer untereinander an Bedeutung. Bereits jetzt ist der Absatz von Autos in den Schwellenländern höher als der in den USA, Europa und Japan zusammen. Experten erwarten, dass die Chinesen die Amerikaner bis zum Jahr 2020 als größte Konsumenten der Welt ablösen werden. "Während die Verbraucher im Westen zunehmend sparen, werden Länder wie Brasilien, Russland, Indien und China die weltweite Erholung der Konsumausgaben anführen", sagen die Analysten von Goldman Sachs.

Sie setzen auf Aktien, die eng verbunden sind mit dem Rohstoffsektor oder den sogenannten Bric-Ländern (nach den Anfangsbuchstaben für Brasilien, Russland, Indien, China). Neben Rohstoffaktien seien auch die Bereiche Industriegüter und Autos interessant. Den Finanzsektor stufen die Experten dagegen herunter.

Anleger, die von dem rasanten Wachstum in einigen Schwellenländern profitieren wollen, müssen nicht zwangsläufig dort investieren. Wem die Aktien der dortigen Unternehmen zu riskant sind, weil er die Geschäftsaussichten nur schwer einschätzen kann, sollte sich die Papiere von europäischen, japanischen oder amerikanischen Konzernen ins Depot legen, die in der Region stark präsent sind. Eine Auswahl von 50 solcher Unternehmen hat Goldman Sachs im "Global Bric Exposure Basket" (siehe Tabelle) zusammengestellt.

Wie die Persepktiven der einzelnen Regionen sind:Ostasien: Alle Blicke ruhen auf dem chinesischen Markt

Südamerika: Brasilien ist auf dem Sprung

Osteuropa: Eine Region ächzt unter dem Schuldenberg

Afrika: Ein ganzer Kontinent hofft auf den Fußball

Naher Osten: Das Ende der Träumereien

Ostasien: Alle Blicke ruhen auf dem chinesischen Markt

Alle reden über China. Die Begeisterung der Anlagestrategen kennt kaum Grenzen. Und tatsächlich scheint das Land die hohen Erwartungen zu erfüllen. Gerade erst verblüffte China die Welt mit der Meldung, die Industrieproduktion habe im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent zugelegt. Die Wirtschaft dürfte in diesem Jahr um acht, im nächsten um mehr als zehn Prozent wachsen.

Bei aller Euphorie gibt es doch einen Haken: Kritiker befürchten, die Zuwächse seien nicht nachhaltig. Das Wirtschaftswachstum ist nach Schätzungen der Weltbank zu vier Fünfteln auf das 400 Mrd. Euro schwere Konjunkturpaket der Führung in Peking zurückzuführen.

Viel Geld ist im Umlauf

Ein weiteres Problem: Durch die exzessive Geldpolitik ist viel Liquidität im Umlauf, die Banken verteilen großzügig Kredite. Dies habe Bedenken aufkommen lassen, sagt Louisa Lo, Asienexpertin von Schroders. Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten könnten entstehen. Viele Banken erhielten nun von behördlicher Seite Warnungen, die übermäßige Kreditvergabe zu drosseln und sicherzustellen, dass Darlehen auch tatsächlich bei den Unternehmen ankommen.

Viele Investoren vergessen derzeit, dass Asien mehr zu bieten hat als China. Indien etwa. Zwar verfügt das Land nicht über so große Devisenreserven wie China. Trotzdem steht die indische Volkswirtschaft relativ gut da. Ein Problem aber ist die Inflationsrate. Sie dürfte bis März auf gut sechs Prozent steigen. Die Experten von HSBC rechnen deshalb damit, dass die indische Notenbank ihre Geldpolitik bald verschärfen wird.

Südamerika: Brasilien ist auf dem Sprung

Brasilien gehört zu den, wenn man es so nennen mag, Gewinnern der Finanzkrise: starker Binnenmarkt, geringe Abhängigkeit von den Exporten, stabiles Bankensystem. "Das Land wird schneller aus der Rezession kommen als die meisten anderen Länder", sagt Claudio Brocado, Portfoliomanager bei Batterymarch. "Brasilien wird künftig ein wichtiges Wort in der Weltwirtschaft mitreden."

Börse ist nicht zu weit vorgeprescht

Viele seiner Kollegen teilen den Optimismus. Im Schnitt rechnen die Experten mit einer Wachstumsrate der brasilianischen Wirtschaft von rund fünf Prozent im kommenden Jahr. Erste Anzeichen einer Erholung vom globalen Konjunkturabschwung sind deutlich zu erkennen. Die Immobilienpreise beispielsweise sind zuletzt gestiegen. Für Brasilien spricht auch, dass der Staatshaushalt solide finanziert ist; die Gesamtverschuldung hält sich im Rahmen.

Dass die Börse in Sao Paulo in den vergangenen Monaten zu weit vorgeprescht ist, glaubt Brocado nicht. Es gebe noch immer aussichtsreiche Branchen. Konkret hat er dabei den Bereich regenerative Energien im Blick. Die Nachfrage sei insbesondere aus Brasilien stark.

Anleger sollten aber nicht nur Brasilien im Blick haben. Auch in Mexiko tut sich etwas. Zwar ging das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um sechs Prozent zurück. In den ersten sechs Monaten war die Wirtschaft aber noch um neun Prozent geschrumpft. Vor allem der Bergbau wächst wieder kräftig; auch die Zahlen des Dienstleistungssektors haben sich zuletzt erholt.

Osteuropa: Eine Region ächzt unter dem Schuldenberg

Die russische Börse hat in diesem Jahr mehr als 120 Prozent gewonnen - mehr als jede andere auf der Welt. Das hatte vor allem einen Grund: Die Devisen- und Rohstoffmärkte entwickeln sich seit Mitte des Jahres überraschend günstig für das Land. Tatsächlich ist die russische Wirtschaft in diesem Jahr aber um rund acht Prozent geschrumpft. Im nächsten Jahr dürfte sie auf den Wachstumspfad zurückkehren, die Probleme aber bleiben.

Viele Unternehmen sind im Ausland hochverschuldet. Nach Angaben der russischen Zentralbank müssen private Unternehmen und Banken im kommenden Jahr Schulden von mehr als 150 Mrd. Dollar an ihre Gläubiger zurückzahlen.

Probleme auch bei den Nachbarn

Eine der wenigen russischen Firmen, die ihre Umschuldung in Angriff genommen haben, ist Rusal. Der weltgrößte Aluminium-Hersteller einigte sich mit über 70 internationalen Geldgebern auf eine Umstrukturierung seiner Auslandsschulden von über sieben Mrd. Dollar durch den Verkauf von Aktien.

Aber nicht nur die Russen haben ein Problem mit der Schuldenlast, sondern auch viele ihrer Nachbarn wie die baltischen Staaten oder die Ukrainer. Zwar haben auch dort die Aktienindizes deutlich zugelegt. Die Risiken seien aber nicht zu unterschätzen, sagen Experten. Die Ukraine musste sich 16,4 Mrd. Dollar beim Internationalen Währungsfonds pumpen; ohne den Kredit hätte das Land seine Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Die Ratingagentur Fitch hat die Bonitätsnote der Ukraine daraufhin von "B" auf "B-" gesenkt und den Ausblick auf "negativ" gesetzt.

Afrika: Ein ganzer Kontinent hofft auf den Fußball

Afrika galt lange Zeit als der letzte verbliebene weiße Fleck auf der Karte von Investoren. Das hat sich mittlerweile geändert. Viele Fondsgesellschaften und Zertifikateanbieter haben entsprechende Produkte auf den Markt geworfen. Afrika, so lautet die Verheißung, sei die letzte große Wachstumsgeschichte auf dem Erdball. Wer mitverdienen will, muss frühzeitig dabei sein, sonst verpasst er den Zug.

Noch hat sich der Wunsch vieler Investoren aber nicht erfüllt. Zwar haben die Wachstumsraten der afrikanischen Volkswirtschaften zuletzt zugelegt; von 4,8 Prozent zwischen 1997 und 2002 auf mittlerweile sieben Prozent im Schnitt. Die Lücke zu anderen Schwellenländern ist aber nach wie vor groß.

Viele der afrikanischen Börsenplätze, insbesondere die in Schwarzafrika, sind klein; nur wenige Aktien werden dort gehandelt. Die Kursschwankungen sind entsprechend groß. Für unerfahrene Anleger ein viel zu heißes Pflaster. Außerdem gelten viele afrikanische Staaten als politisch wenig verlässlich. Dabei hat die Zahl der bewaffneten Konflikte zuletzt deutlich abgenommen. Von durchschnittlich 20 im Jahr 1999 auf heute fünf.

Milliardeninvestitionen in Südafrika Die Hoffnungen des gesamten Kontinents ruhen auf Südafrika. In gut einem halben Jahr startet dort die Fußball-Weltmeisterschaft. Milliarden Dollar wurden in den vergangenen Jahren dort investiert - für moderne Stadien, für die notwendige Infrastruktur. Experten erwarten, dass die WM positive Impulse auf die gesamte Region haben werde. Trotzdem bleibt Afrika ein Investment für mutige Anleger. Fußball hin oder her.

Naher Osten: Das Ende der Träumereien

Im Nahen Osten herrscht Verunsicherung. Nachdem die Staatsholding Dubai World Ende November angekündigt hat, ihre Schulden nicht ordnungsgemäß zurückzahlen zu können, rutschten die Aktien- und Anleihemärkte der Region ab. Investoren wie der Emerging-Market-Experte Mark Mobius nutzten die Gelegenheit, um sich günstig mit Aktien und Anleihen einzudecken. Der Chairman der Fondsgesellschaft Templeton Asset Management kaufte Titel des Immobilienentwicklers Emaar Properties PJSC, nachdem der Kurs nach seinen Worten "ins Bodenlose" gefallen war. Pacific Investment Management Co. (Pimco), eine Tochtergesellschaft der Allianz, erwarb Anleihen von Abu Dhabi und Katar.

Höher, schneller, weiter

Mobius wird aber Geduld haben müssen. Dubai steckt tief im Schlamassel. Jahrelang hat das Emirat über seine Verhältnisse gelebt. Der höchste Büroturm der Welt, das größte Einkaufszentrum, das größte Vergnügungszentrum. Allein der Bau des Luxushotels Burj al Arab verschlang 1,2 Mrd. Dollar.

Mit dem Protzen ist es jetzt erst einmal vorbei. Die Touristen bleiben lieber zu Hause - in der Finanzkrise wird gespart. Das trifft insbesondere Dubai hart. Die Mietpreise fallen rasant.

Dauerhaft, das glauben die Experten, wird die Region aber keine größeren Probleme bekommen. Abu Dhabi könnte sich schon im kommenden Jahr von dem Schock erholen, glaubt Matthew Green von der Beratungsgesellschaft CB Richard Ellis (CBRE). In Dubai könnte die Krise allerdings etwas länger dauern. Die Träumereien dürften erst einmal vorbei sein.