
DÜSSELDORF. Monat für Monat kletterten die Aktienmärkte auf neue Hochs. Nur wenige, dafür umso markantere Tage im neuen Jahr reichten anschließend aus, um die ansehnlichen Gewinne aus vielen Wochen wieder zunichte zu machen.
Mehr noch: Als die Kurse fielen, schwollen die Umsätze an. Gegenüber herkömmlichen Tagen wurden in Frankfurt, New York und London gut ein Drittel mehr Aktien gehandelt. Bei den kurzen und mickrigen Zwischenerholungen sank das Volumen dagegen rapide. Solch ein Phänomen, wie Anleger es seit Beginn der jüngsten Börsenkorrektur erleben, lässt Charttechniker - also Analysten, die ihre Kursprognosen aus Charts, Trendfolgemodellen und zyklischen Mustern herleiten - gemeinhin aufschrecken. Deshalb lud das Handelsblatt vier renommierte Charttechniker in die Frankfurter Redaktion.
Die Lehman-Pleite hallt an den Börsen noch lange nach
"Viele Indikatoren signalisieren, dass sich die Abwärtsbewegung noch mehrere Monate fortsetzt", sagt Klaus Deppermann von der BHF-Bank. Der Experte hatte an gleicher Stelle vor genau einem Jahr, als der Dax bei 4 500 Punkten notierte, das Börsenbarometer für Ende 2009 bei 6200 Punkten taxiert. Damals stand er mit seiner Meinung allein. Am Ende wurden es 6 100 Punkte.
Nun empfiehlt Deppermann Anlegern, "angesichts der alarmierenden Abwärtsdynamik in Erholungen hinein zu verkaufen". Bis Mai sieht er den Dax auf 4 550 Punkte fallen. Damit wären knapp zwei Drittel der vorangegangenen Aufwärtsbewegung seit März 2009 zunichte gemacht. Erst dann seien die Märkte reif für eine mehrwöchige Zwischenerholung. Mehr aber auch nicht. Das langfristige und noch niedrigere Tief als im Mai erwartet Deppermann erst im Frühjahr 2011.
Wieland Staud von Staud Research weist schon seit vielen Monaten auf die "kritische Lehman-Zone" hin. Damit ist die Zeit vor und nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Großbank gemeint. Als Lehman im September 2008 Insolvenz meldete, fielen die Börsen - wenig überraschend - zunächst rasant, der Dax auf rund 5 850 Punkte. Doch genauso rasant erholten sich die Aktienmärkte und beendeten die Lehman-Insolvenz-Woche sogar im Plus bei gut 6 150 Punkten. Wer vorschnell auf fallende Kurse gesetzt hatte, wurde kalt erwischt.
Doch der eigentliche und nachhaltige Anlegerschock folgte sogleich, als der Dax - und mit ihm alle anderen wichtigen Börsenindizes in Europa und den USA - in den folgenden Wochen ohne Zwischenhalt mehr als 1 000 Punkte verlor. Wer also vorschnell auf ein Ende des Lehman-Schocks gesetzt hatte, weil die erste Woche vielversprechend geendet hatte, wurde noch kälter erwischt als zuvor die Pessimisten mit ihrer vorschnellen Wette auf fallende Kurse.
"Solch eine dramatische Ereigniskette bleibt Anlegern noch lange Zeit schmerzhaft in Erinnerung", sagt Staud. Tatsächlich: Als sich die Börsen weltweit im Spätherbst erstmals wieder in die "Lehman-Zone" vorwagten, sanken die Umsätze rapide. Sogleich schwand die Marktbreite, nur noch wenige Aktien trugen den Aufschwung. Schließlich kippten die Kurse weg. Inzwischen notieren alle wichtigen Börsenindizes unter der Lehman-Zone. Immerhin, Wieland Staud, Christian Henke von der West LB und der freie Charttechniker Frederik Altmann sehen nach der jüngsten Abwärtsdynamik den Dax zwischen 5 000 und 5 400 Punkten gut unterstützt. In dieser Zone vollendete sich im Sommer 2009 die zeitlich ausgedehnte Bodenformation, also das Ende der Baisse. Charttechnisch formvollendet brach der Dax schließlich im Frühsommer fulminant aus der lang umkämpften Zone nach oben aus (siehe Chart). Üblicherweise mutiert solch ein Widerstand, wenn er einmal überwunden ist, anschließend in eine Unterstützung. Ein gewichtiger Grund dafür ist, dass viele Anleger, vor allem professionelle Investoren, aus solchen Chartmustern ihre Anlageentscheidungen ableiten. Insofern erfüllt sich die Prophezeiung bisweilen von allein. Optimisten setzen auf die steigende 200-Tage-Linie Henke ist davon überzeugt, dass diese wichtige Unterstützung trotz der jüngsten Alarmsignale halten wird, zumal dieser Bereich zusätzlich durch die viel beachtete 200-Tage-Linie, also dem Kursdurchschnitt aus den vergangenen 200 Handelstagen, untermauert wird. Den Vergleich mit 2007, als die Börsen die 200-Tage-Linie mühelos durchbrachen, lässt Henke nicht gelten: "Damals fiel die Linie und sendete Anlegern somit negative Signale. Diesmal steigt sie, und das ist überaus positiv." Deshalb setzt der Stratege auf den Fortbestand des Aufwärtstrends. Dieser begann mit den Tiefkursen Anfang 2009. Er habe sich angesichts der jüngsten Korrektur lediglich etwas abgeflacht. "Sobald die Börsen auf ihre alten Hochs vom Jahreswechsel zusteuern, kehrt der Dax in seinen alten, steilen Aufwärtstrend zurück und marschiert in Richtung 6 800 Punkte", sieht Henke die höchsten Kurse in diesem Jahr noch längst nicht erreicht. Potenzial bis auf 6 400 Punkten räumt Frederik Altmann dem Dax ein. Doch auch er stellt sein Ziel unter die Prämisse, dass die jüngste dynamische Talfahrt rasch zu Ende geht. Wichtigste Indizien dafür wären neben steigenden Kursen: höhere Umsätze an positiven Börsentagen, geringes Handelsvolumen an schwachen Tagen und schließlich die Rückeroberung der kritischen "Lehman-Zone", also den Bereich zwischen 5 850 und 6 150 Punkten.









