Finanzkrise: Die Erbsenzähler schlagen zurück

Finanzkrise: Die Erbsenzähler schlagen zurück

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Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, spricht am Montag (17.11.2008) auf der "Euro Finance Week" in Frankfurt. Finanzexperten diskutieren hier eine Woche lang über die aktuellen Entwicklungen auf den internationalen Finanzmärkten.

Revolution In Frankfurt: Beim Bankengipfel in dieser Woche sind nicht mehr Deutschlands mächtigste Banker die selbstbewußten Stars, sondern ihre staatlichen Kontrolleure. Die einst als machtlos und übervorsichtig verschrieenen Beamten kosten ihren Triumph über die hochbezahlten Konzernchefs aus.

Jochen Sanio ist gut drauf. "Wann, wenn nicht jetzt - die Stunde der Regulierung" ist die These des Präsidenten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht zum Auftakt des Frankfurter Bankengipfels EuroFinanceWeek.

Am selben Vormittag sprechen auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, LBBW-Chef Siegfried Jaschinski und Klaus-Peter Müller, Ex-Commerzbank-Chef und Präsident des Bundesverbands Deutscher Banken. Aber erst nach Sanio - und nach Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen, Bundesbankpräsident Axel Weber und EU-Verbraucherkkommissar Charlie McCreevy.

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Die Banker müssen warten, die Politik hat Vorrang. Das war lange anders, breitet Sanio genüßlich aus. Jahrzehntelang. "Hinter uns liegen 20 Jahre der Deregulierung, bei denen selbst ernannte Propheten des Allgemeinwohls oft der Kontakt zur Realität verloren ging", ruft der Beamte in den Saal. "Jetzt hat die Realität uns wieder!" 

Die Selbstregulierung des Marktes habe nicht gewirkt, Regulierung sei wieder en vogue - "was nicht verwundert, den wir stehen in einem Abgrund", sagt der Finanzmarkt-Chefaufseher. "Wir sollten Hedgefonds und Offshore-Finanzzentren endlich an den Kanthaken der Regulierung nehmen", ruft er aus.

Bundesbankchef Axel Weber gibt sich im Ton regulierungsskeptischer. Doch auch er stellt fest, dass der Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers, die Schockwellen im Finanzsystem und der Weltfinanzgipfel von Washington "eine Trendwende" markieren und fügt hinzu: "Die Trendwende ist richtig."

Staatssekretär Jörg Asmussen vom Berliner Finanzministerium wird den Frankfurter Bankern vom Moderator fast wie der Heiland persönlich empfangen. Moderator Udo Steffens von der Frankfurt School of Finance & Management verrät bei der Vorstellung des Beamten, dass vor Beginn der Veranstaltung ein Banker zu ihm gekommen sei und gesagt habe: "Wenn Asmussen nicht wäre, sähen wir alle alt aus."

Asmussen ist in den vergangenen Jahren eher durch Plädoyers gegen mehr Regulierung aufgefallen. Doch heutzutage zitiert der Hoffnungsträger der Banker ausgerechnet den chinesischen Revolutionsführer Mao Zedong. Die Bankenbranche werde künftig kleiner und weniger profitabel sein, so Asmussen, "weil der alte Satz von Mao Zedong noch stimmt: Nur im trüben Wasser fängt man Fische".

Und trübes Wasser gibt es bald nicht mehr, soll das wohl heißen. Tatsächlich hält es der Beamte, der an vielen Rettungsaktionen Berlins direkt beteiligt war, wohl eher mit dem Soziologen Niklas Luhmann, den er gleich zweimal zitiert. In dessen Systemtheorie gebe es im Wirtschaftssystem nur die Frage: profitabel oder nicht? Also nicht die Frage: nachhaltig oder nicht, moralisch oder nicht. "Blindes Marktvertrauen führt ebenso in die Irre wie blindes Staatsvertrauen", bescheidet Asmussen den Bankern - und ein wenig wohl auch seinem früheren, regulierungskritischerem Selbst. "Es geht darum, wie man das Gleichgewicht von Staat und Markt ständig neu justieren muss." In welche Richtung Asmussen und sein Minister Peer Steinbrück jetzt justieren, klingt da klar durch.

"Absolut vom Saulus zum Paulus"

Der dreifache Schlag von Asmussen, Weber und Sanio sitzt. Die flammende Gegenrede der Banker - sie bleibt aus. Stattdessen: Bußreden.

"So bewegte Zeiten wir jetzt hat noch niemand, der derzeit in der Branche tätig ist, erlebt", beginnt Ackermann seinen Vortrag. Vier Dinge habe die Branche unterschätzt: Die Risiken der Globalisierung, die Risiken der Verbriefung von Krediten, die Atomisierung des Finanzmarkts in eine Vielzahl im Krisenfall nicht organisierbarer Investoren und die Vernetzung der Banken untereinander. 

 "Die Risiken haben sich so gegenseitig befeuert, dass es ohne Staat einfach nicht mehr geht", räumt er ein - und begrüßt die neuen Regeln. Begrüßt also, dass die Aufseher, in Sanios Worten, seine Branche und ihre Kunden "endlich an den Kanthaken nehmen" will.

Ackermann begrüßt, dass seine Bank wie die anderen auch künftig mehr Eigenkapital vorhalten muss. "Wir hatten uns weltweit auf einem zu niedrigen Wert eingefunden", sagt er.

Dann gesteht er ein, dass die Risikomodelle der Branche nicht funktionieren, weil sie von der Grundannehme ständiger Liquidität ausgingen - doch jetzt sind die Märkte ausgetrocknet.

Als nächstes begrüßt Ackermann, dass er uns die Kollegen demnächst nicht mehr aufgrund kurzfristiger Erfolge so viel Geld verdienen werden oder zumindest in schlechten Zeiten selbst finanzielle Folgen spüren.

"Wir müssen zu einem Bonus-Malus-System kommen, das sich orientiert an Erträgen über die Zeit", sagt er. Dann räumt er ein, dass es vermutlich keine so gute Idee war, dass streng regulierte Banken billig Geld aufnahmen und es weiterverliehen haben an "Adressen, die damit sehr viel Geld verdienen konnten", ohne jedoch Hedgefonds und Private-Equity-Unternehmen beim Namen zu nennen.

Schließlich will Ackermann den Aufsehern sogar das Recht einräumen, "Geschäftsmodelle zu hinterfragen". "Ich war dagegen, und bin hier absolut vom Saulus zum Paulus geworden", sagt der Deutsche-Bank-Chef. Und liefert einen Grund für die Bußfertigkeit gleich hinterher: "Wir haben ein schwieriges politisches Umfeld durch den selbst verschuldenten Ansehensverlust der Branche", so Ackermann.

Allein, dass Banken künftig bei Kreditpaket-Verkäufen einen Teil des Pakets selbst behalten sollen, kritisiert er vorsichtig und schläg stattdessen "mehr Transparenz" vor. Und bekommt dafür gleich Kontra - aus der Finanzbranche.

"Die Krise setzt dem Geschäftsmodell ein Ende, bei dem Kunden nach der Kreditvergabe per Verbriefung aus der Bilanz verschwinden", sagt Sparkassen-Verbandspräsident Heinrich Haasis und begrüßt die Regulierungs-Ankündigung vom G20-Gipfel in Washington. "Es ist ein historischer Durchbruch, dass es keine Märkte und Akteure mehr geben soll, die nicht regulierut sind."

Der Chef des Privatbankenverbands, Klaus-Peter Müller, wendet sich zunächst gegen pauschale Kritik an Bankern. Dann räumt er ein: "Wir Banker sind für die Finanzmarktkrise zumindest mitverantwortlich."

Kurz weist er noch darauf hin, dass die Manager ihre Gehälter und Boni nicht selbst festlegten, um gleich danach zu sagen: Bei der Vergütung habe es Fehlanreize gegeben, auf die man reagieren müsse. Der Widerstand der Banker ist gebrochen.

Die Revolution hat Deutschland erreicht

Die Zeit, in der Märkte von immer weniger Regeln begrenzt wurden, ist vorbei.

Für ihren Beginn stehen Namen wie der des US-Präsidenten Ronald Reagan und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher, für ihr Ende steht der Kollaps von Lehman Brothers, die Finanzkrise seit 2007 und der neue US-Präsident Barack Obama.

Das ist längst nicht mehr nur an der Wall Street oder in Londons City zu spüren, sondern es ist das beherrschende Thema des Frankfurter Bankengipfels. "Nach dieser Krise wird eine neue Finanzarchitektur entstehen, sie ist erst in Umrissen erkennbar", sagt Siegfried Jaschinski, Chef der Landesbank Baden-Württemberg.

"Wir brauchen bessere Stoßdämpfer des Systems", formuliert Staatssektretär Asmussen die Lehre aus dem Schock. "Wir brauchen Schockresistenz", sekundiert Bundesbankpräsident Weber. "Wann, wenn nicht jetzt", sagt BaFin-Chef Sanio.

Die Revolution hat Deutschland erreicht. Die bespöttelten Erbsenzähler von einst sind heute die gefeierten Retter. Sie sehen jetzt die politische Chance, dem Markt neue Regeln zu geben. Und treffen auch in der Finanzmetropole Frankfurt niemanden, der ihnen widerspricht.

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