Finanzkrise: Neues Rettungspaket für Hypo Real Estate über 50 Milliarden Euro

Finanzkrise: Neues Rettungspaket für Hypo Real Estate über 50 Milliarden Euro

Bild vergrößern

Hypo-Real-Estate-Bank in München

Grünes Licht für Rettungsversuch Nummer zwei: In den späten Abendstunden haben Bund und Finanzwirtschaft ein deutlich aufgestocktes Rettungspaket über 50 Milliarden Euro für den ums Überleben kämpfenden Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate vereinbart. Zuvor hatte die Bundesregierung eine Komplettgarantie für private Spareinlagen in Aussicht gestellt - in Summe sind das 568 Milliarden Euro.

Bund und Finanzwirtschaft haben ein neues Rettungspaket für den ums Überleben kämpfenden Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) vereinbart. Nach Angaben des Finanzministeriums wird der Finanzsektor der HRE-Gruppe neben dem von der Deutschen Bundesbank und dem Finanzsektor zur Verfügung gestellten Kreditlinien in Höhe von 35 Milliarden Euro einen weiteren, ebenfalls besicherten Liquiditätskredit in Höhe von 15 Milliarden Euro gewähren.

Mit dieser gemeinschaftlich gefundenen Lösung werde das Institut stabilisiert und damit der Finanzplatz Deutschland in schwierigen Zeiten gestärkt. Der vom Bund zur Verfügung gestellte Bürgschaftsrahmen von bis zu 35 Milliarden Euro bleibe unverändert. Bis zu einer Gesamthöhe von 14 Milliarden Euro trägt der Finanzsektor 60 Prozent und der Bund 40 Prozent der möglichen finanziellen Belastungen, die sich aus einer Inanspruchnahme der Garantie ergeben könnten.

Anzeige

Zuvor hatte die Bundesregierung heute erstmals eine Komplettgarantie für private Spareinlagen in Aussicht gestellt, um die Bürger zu beruhigen.

„Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel heute in Berlin. „Auch dafür steht die Bundesregierung ein.“ Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) betonte: „Ich möchte unterstreichen, dass (...) wir dafür Sorge tragen wollen, dass die Sparerinnen und Sparer in Deutschland nicht befürchten müssen, einen Euro ihrer Einlagen zu verlieren.“

Die abzusicherende Summe wurde zunächst nicht genannt. Nach Angaben von Torsten Albig, Sprecher von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), umfasst die Garantie eine Summe von 568 Milliarden Euro. Dabei handelt es sich dem vernehmen nach um die Summer aller privaten Spareinlagen. Die abzusichende Summe sei größer. Es gehe darum, alle Spargeldeinlagen, Termineinlagen und das Geld auf privaten Girokonten zu garantieren, sagte Albig. „Die Bundesregierung will auf jeden Fall verhindern, dass Geld in größerem Stil abgehoben wird“, sagte er.

Bund will Bürgschaftszusagen für HRE nicht erhöhen

Der Grund für das Einschreiten der Regierung: Das erste, 35 Milliarden Euro schwere Rettungspaket für den Dax-Konzern Hypo Real Estate (HRE) war gestern geplatzt. Dennoch wird der Bund wird seine Bürgschaftszusagen für die HRE nach Angaben von Unionsfraktionchef Volker Kauder nicht erhöhen. Damit würde es bei der Zusage des Bundes bleiben, mit 26,5 Milliarden Euro zu bürgen. „Darüber hinaus ist vom Bund nichts zu erwarten“, sagte Kauder heute nach der Koalitionsrunde im Kanzleramt.

Ohne näheren Hinweis sagte der Unionsfraktionschef ferner, die Privatbanken hätten ihren Beitrag zur Rettung des Immobilienfinanzierers zugesagt. Der ursprüngliche Bürgschaftsbetrag der Privaten Banken betrug 8,5 Milliarden Euro. SPD-Fraktionschef Peter Struck sagte, er gehe davon aus, dass der beschlossene Bürgschaftsrahmen nicht erweitert werden müsse. Er sei sich sicher, weil Bundesbank und Privatbanken „wohl da mit ziehen werden“.

Nach Einschätzung von Experten würde ein Zusammenbruch der HRE ein Erdbeben für den Finanzplatz Deutschland bedeuten. „Die Bundesregierung sagt am heutigen Tag, dass wir nicht zulassen werden, dass die Schieflage eines Finanzinstitutes zur Schieflage des gesamten Systems wird“, betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute. „Deshalb wird auch mit Hochdruck daran gearbeitet, die Hypo Real Estate zu sichern.“

Merkel betonte, dass die Verantwortlichen der Bank zur Rechenschaft gezogen werden sollen. „Das sind wir auch dem Steuerzahler in Deutschland schuldig.“

Die Zeit für eine Rettung der HRE wurde am Sonntag zunehmend knapp: Eine Lösung musste am besten bis Eröffnung der asiatischen Aktienmärkte am frühen Montagmorgen erzielt werden, um einen dramatischen Einbruch der Kurse zu vermeiden.

Die Regierung sei sich ihrer Verantwortung bewusst, weil der Schaden sonst für Deutschland und viele Finanzdiensleister in Europa „unabsehbar groß wäre“, betonte Finanzminister Peer Steinbrück (SPD). Zugleich zeigte er sich „ziemlich entsetzt“ über das HRE- Management, nachdem „ein weiteres Liqiditätsloch in ungeahnter Milliardenhöhe“ aufgetaucht sei. Die Bundesregierung lehne es ab, von „diesem Bankeninstitut“ in eine Art Mitverantwortung dafür gezogen zu werden, dass Risiken einseitig auf die Steuerzahler verlagert würden.

Nach Informationen des „Handelsblatts“ wackelte der Stuhl von HRE- Chef Georg Funke. Nach bisher unbestätigten Berichten braucht die Hypo Real Estate schon kurzfristig deutlich mehr Geld als geplant. Deshalb hätte der vereinbarte erste Kredit von 15 Milliarden Euro nicht ausgereicht, meldete die „Welt am Sonntag“ unter Berufung auf eine Prüfung der Deutschen Bank. Demnach fehlten bis Jahresende bis zu 50 Milliarden Euro und bis Ende 2009 sogar 70 bis 100 Milliarden Euro, hieß es.

Aus Branchenkreisen hieß es dazu, es habe sich herausgestellt, dass eine Summe von 100 Milliarden Euro für 2009 nicht nötig sei, der Betrag von 50 Milliarden bis Ende 2008 sei „nicht ganz falsch“, verlautete aus den Kreisen. Offizielle Angaben gab es nicht.

Liquiditätslage bei Depfa weiter verschlechtert

Ein HRE-Sprecher sagte , der Vorstand suche „rund um die Uhr“ mit Aktionären, Investoren, Politik und Regulatoren nach einer Lösung. Die Liquiditätslage der irischen Tochter Depfa, die den HRE-Konzern in den Strudel der Finanzkrise gestürzt hatte, habe sich weiter verschlechtert, räumte der Sprecher ein.

Die HRE hatte am Samstagabend mitgeteilt, dass die Banken ihre Kreditzusage zurückgezogen haben. Man prüfe die drohenden Konsequenzen für die Einheiten des Konzerns. Es werde nach alternativen Maßnahmen gesucht. Die eigentlich als grundsolide geltende Depfa hatte die HRE ins Wanken gebracht. Sie hatte systematisch ihre langfristigen Ausleihungen mit kurzfristigen Mitteln vom Geldmarkt refinanziert. Durch die Kreditkrise trocknete der Markt aber aus, so dass die Depfa plötzlich eine riesige Liquiditätslücke hatte.

Mit demvor einer Woche geschnürten Rettungspaket sollte die Hypo Real Estate kurzfristig einen Kredit von 15 Milliarden von der Finanzbranche erhalten und weitere 20 Milliarden von der Bundesbank, die bis in die zweite Jahreshälfte 2009 hinein reichen sollten. Diese Kredite sollten mit Bürgschaften abgesichert werden, von denen der Bund mit rund 26,5 Milliarden den Großteil tragen sollte.

Die Finanzbranche hatte sich erst in der Nacht zum Freitag nach zähem Ringen auf die Lastenverteilung bei ihrem Teil der Bürgschaften von insgesamt 8,5 Milliarden Euro geeinigt. Damit galt die Rettung der HRE eigentlich als gesichert. Die Finanzbranche sehe keinen weiteren Spielraum für eine größere Unterstützung der HRE, hieß es in der „Welt am Sonntag“ zu den Informationen über einen höheren Liquiditätsbedarf. „Es ist allerhöchste Zeit, dass die Bundesregierung den Ernst der Lage erkennt“, wurde ein Bankmanager zitiert.

Branchenbeobachter hatten nicht ausgeschlossen, dass die Finanzindustrie Druck auf den Bund ausüben wollte, damit er sich noch stärker bei der Rettung der Hypo Real Estate engagiert. Nach Informationen aus dem Umfeld der Verhandlungen strebte die Branche anfänglich eine Verstaatlichung der HRE an.

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%