Finanzkrise: New Yorker Banker bangen um ihre Jobs

Finanzkrise: New Yorker Banker bangen um ihre Jobs

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Deprimierte Gesichter gestern nach Börsenschluss an der New Yorker Wall Street

Harry's Bar am Hanover Square ist einer der beliebtesten Treffs für Banker, die nach getaner Arbeit in Downtown Manhattan noch einen Drink nehmen wollen. Ein Stimmungsbild von US-Korrespondent Andreas Henry.

Die Zentrale der Investmentbank Goldman Sachs ist nur ein paar Schritte entfernt die Stone Street hinunter. In die andere Richtung, gleich um die Ecke an der Wall Street, hat die Deutsche Bank ihre Dependance, die mit mehr als 5000 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber hier im Financial District ist. Doch von getaner Arbeit kann oft keine Rede mehr sein. „Alle kommen pünktlich ins Büro wie noch nie, keiner macht wirklich lange Pausen, alle scheinen zu wühlen wie verrückt, dabei gibt es viel weniger zu  tun als noch vor einem Jahr,“ sagt einer der Gäste bei Harry's und nippt an einer Flasche Coors Light.

Wenn nichts mehr zu tun ist, wird offenbar Geschäftigkeit simuliert. Alle würden nur noch gebannt die Nachrichten im Wirtschaftsfernsehen verfolgen, wie sich die Kreditkrise verschlimmert, wie sie sich in andere Bereiche des Wirtschaftslebens frisst. Natürlich sei man sauer auf die Jungs aus den Abteilungen, die über ein paar Jahre mit diesem Zeugs viel Geld gemacht hätten, das jetzt zurück schwappt und alles zu ertränken droht.

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Die erste Entlassungswelle bei den Banken hat es schon gegeben, doch es wird noch viel schlimmer kommen, darüber sind sich die meisten mittlerweile im Klaren. Jeder hofft, dass es den anderen erwischt. Selbst Goldman Sachs, wo sie  eigentlich bisher mit einem blauen Auge davon gekommen sind, hat in diesem Jahr mehr Leute gesiebt, als nur die paar Prozent „Underperformer“, die man sonst jedes Jahr so rausgeworfen habe. 

Zu feiern gibt es bei Harry's deshalb nicht mehr viel, eigentlich gar nichts. Es ist auch nicht besonders viel los heute, zu Wochenbeginn. Der Dow Jones hat gestern zum ersten mal seit langem unter 10.000 Punkten geschlossen, wieder ein Tiefpunkt. Zwischenzeitlich sah es noch viel schlimmer aus. Auf den "Black Friday" vergangene Woche folgte der "Black Monday", und „morgen vielleicht der 'Black Tuesday', es sieht ziemlich düster aus“, grinst einer der Jungbanker, die im Harry's an der Bar stehen.

Genetischer Defekt von Bankern

Sein Galgenhumor kommt nicht wirklich anbei seinen Kollegen, die etwas gequält lächeln. Die Kurse, der Crash, wie tief geht's noch? Das ist das Thema heute an der Bar. Und die öffentliche Demontage von Richard Fuld, dem Chef von Lehman Brothers, der heute vor einem Ausschuss in Washington Rede und Antwort stehen musste. Fuld galt als einer der Härtesten, als einer der Besten der Branche, der sich von ganz unten nach oben gearbeitet hatte. Viele junge Banker haben ihn bewundert, wollten eine Karriere machen wie er, vom kleinen Broker zum mächtigen Vorstandschef.

Lehman war Fuld. Jetzt geht er mit der Investmentbank unter, wird geschmäht, als Abzocker, von den Politikern als jemand angeprangert, der sich die Taschen voll gestopft hat. „Ich weiß nicht was die wollen, keiner hat so viel verloren wie er, mehr als 600 Millionen Dollar,“ empört sich ein junger Mann, der sich sein Jacket ausgezogen und die Krawatte gelockert hat und der noch so was wie Mitgefühl zu empfinden scheint für den gestürzten Star-Banker. Im Fernseher in der Ecke läuft American Football, auch die Profis können jetzt kein Börsenfernsehen mehr sehen, „zu deprimierend“ sagt jemand und bestellt noch ein Bier.

Geschichten über Kollegen, die die Finanzkrise bitter zu spüren bekommen haben, kennt jeder. Was erzählt wird, zeigt nur, dass die angeblichen Fachleute für Geldanlagen dieselben, vielleicht noch größere und naivere Fehler gemacht haben als normale Leute. Der ignorante Fuld, der bis zuletzt gedacht hatte, er könne Lehman vor dem Untergang retten, hat reichlich Nachahmer gefunden. Es scheint fast so etwas wie ein genetischer Defekt von Bankern zu sein. Oft haben die Geschichten mit Immobilien zu tun.

Da hat einer ein Apartment in Chelsea gekauft, jetzt ist es fertig, die Summe wäre fällig, aber die Bank zickt mit der Finanzierung herum. Vielleicht hat er aber Glück im Unglück und kommt so aus dem Vertrag wieder heraus und verliert nur die Anzahlung, denn das Apartment ist wahrscheinlich heute schon zehn Prozent weniger wert. Junge Banker sind in der eigenen Branche zum Kreditrisiko geworden, denn über jedem hängt das Damoklesschwert "Pink Slip", das sind die Zettel, die bei Kündigungen verteilt werden. Pappkartons für die persönlichen Sachen haben nicht erst seit der Lehman-Pleite Hochkonjunktur.

Fürchterlich verspekuliert

Einer kennt einen Kollegen, der erst vor einem knappen Jahr zu einem Hedgefonds in Boston gewechselt ist, „mit Frau und drei Kindern, heute sitzt er auf der Straße“. Ganz klar: Die letzten werden die ersten sein, wenn es ums Feuern geht. „Viele rufen jetzt erst mal bei Mama und Papa an und fragen, ob dort das Zimmer noch frei ist,“ sagt eine junge Bankerin, die aus der amerikanischen Provinz, aus Indiana, nach New York gekommen war, um hier Karriere zu machen.

Ganze Abteilungen wird es bald nicht mehr geben. Derivatehandel – womit sich vor zwei Jahren etwa bei der Deutschen Bank um die Ecke noch ein ganzer Saal voller Leute beschäftigte, das wickeln nun mehr schlecht als recht immer weniger ab. Überall bereits leere Flure, leere "cubicels" - die Boxen, mit denen die Büroetagen gefüllt sind. "Asset Backed Securities" – junge Banker, die sich darauf spezialisiert hatten, können noch nichts anderes. Sie müssen umlernen, wenn sie überhaupt noch einen Job bei einer Bank bekommen. Das Kreditgeschäft mit Firmenkunden? Läuft nur noch sehr schleppend, sagt einer, und es werde von Tag zu Tag zäher. Eine Filialleiterin einer Bank in Midtown berichtet, dass ihre Hauptarbeit zurzeit darin bestehen würde, die Sparguthaben von Leuten so aufzuteilen, dass die gesamten Beträge unter die Versicherung der staatlichen Einlagensicherung fallen. „Am liebsten würden sich die Leute das Geld unter die Matratze legen.“

Ein anderer kennt einen, der sich mit Aktien von Fannie und Freddie Mac, den verstaatlichten Hypothekenbanken, fürchterlich verspekuliert hat. Zu früh in Finanzwerte eingestiegen, dem optimistischen Geschwätz der eigenen Analysten Glauben geschenkt. Wie dumm. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, als würden diese Jungs dabei von sich selbst in der dritten Person sprechen. Ihre neuen Helden? Das sind die wenigen, die früh genug die Trendwende erkannt haben. Jemand wie der Hedgefonds-Manager John Paulson - nicht verwandt oder verschwägert mit dem US-Finanzminister -, der im vergangenen Jahr fast vier Milliarden Dollar verdient habe. Da wird so was wie Ehrfurcht spürbar, wenn die Wellenreiter bei Harry's von jemandem sprechen, der sich gegen die Welle gestellt hat, indem er auf ein Kollabieren des US-Immobilienmarktes setzte. 

Wie wird es denn nun weiter gehen mit der gesamten Branche? Mehr Regulierung, kein großes Rad mehr mit Krediten, keine neuen Finanzinstrumente mehr, die hohe Profite abgeworfen haben – da müsse sich doch wohl die gesamte Branche auf Magerkost für die Zukunft einstellen, oder? Die US-Regierung will bald ja sogar bei der Höhe der gezahlten Boni mitreden. „Gut, in diesem Jahr werden die Boni wahrscheinlich doch schon etwas kleiner ausfallen“, gibt einer der Jungbanker zu. 30 Prozent weniger als im Vorjahr – das ist die Zahl die kursiert. „Aber dann werden die sich schon was Neues ausdenken mit dem man viel Geld machen kann, ganz sicher.“ Das war immer so. Der Glaube an die Regenmacher unter den Investmentbankern scheint unerschütterlich. Ganz offenbar stirbt die Hoffnung auch unter Nachwuchsbankern zuletzt.

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