Finanzkrise: Opfer der Kaupthing-Pleite stehen vor neuen Problemen

Finanzkrise: Opfer der Kaupthing-Pleite stehen vor neuen Problemen

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Eine Filiale der isländischen Kaupthing-Bank im Zentrum von Reykjavik

Die um ihre Einlagen bangenden Kaupthing-Kunden witterten Hoffnung. Der isländische Sicherungsfonds muss formal für die Einlagen der deutschen Anleger haften. Doch wie und in welchem Umfang die deutschen Kunden tatsächlich auf Entschädigung hoffen können, bleibt unklar.

Vor zwei Wochen erst hat der Bundesverband der Verbraucherzentralen eine Hotline zur Finanzkrise geschaltet. Seitdem glühen die Telefondrähte: Mehr als 100 000 Bundesbürger suchen wegen der Finanzkrise dringenden Rat, was zu tun ist mit Tagesgeld,  Sparbuch oder Aktienfonds. 

Unter den Ratsuchenden sind vor allem viele Geschädigte der Pleite-Bank Kaupthing aus Island.  Nachdem die isländische Finanzaufsicht mit einer dürren Mitteilung am 30. Oktober den Einlagensicherungsfall feststellte, wissen viele der rund 30.000 Betroffenen in Deutschland immer noch nicht, was sie tun sollen, um an ihr Geld zu kommen.

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Auf dem Papier scheint die Sache klar. Der isländische Sicherungsfond sieht pro Anleger eine Entschädigung von maximal 1,7 Millionen isländischen Kronen (umgerechnet 20.887 Euro) vor. Trotz weiterer Währungsschwankungen zwischen Euro und Krone bleibt es bei diesem fixierten Gegenwert. Grundsätzlich könnten die Anleger sogar ohne Limit entschädigt werden, jedoch müsste die Pleitebank dazu eigene Überschüsse beisteuern.

Und da das Tagesgeschäft inzwischen an ein neugegründetes staatliches Institut mit dem Namen  New Kaupthing übertragen worden ist, verbleibt bei der insolventen Kaupthing nur ein großes Minus.

Um wenigstens an die Mindest-Entschädigung zu gelangen, ist zunächst ein formeller Antrag notwendig. Doch hier beginnen bereits die Probleme, wie Rechtsanwalt Wilhelm Segelken aus Bremen erläutert: „Im Internet kursieren bereits jetzt mehrere Versionen des Formulars, einer davon ist sogar ins deutsche übersetzt worden.“

Anträge mit dem falschen Formular seien von vornherein zum Scheitern verurteilt. „Derzeit herrscht das reinste Chaos“, stellt der Vertreter von rund 500 Geschädigten fest.  

Eine Fahrt nach Island sei überflüssig

Im Gespräch mit der isländischen Botschaft in Berlin erfuhr der Jurist, dass derzeit ein ganzes Bündel von Fragen offen ist.

Falls die Anleger aus Deutschland auf eigene Faust Formulare ausfüllen und nach Island senden würden, ist noch vollkommen unklar, wie die formelle Zustellung an den isländischen Fonds funktionieren soll. „Da gibt es internationale Übereinkünfte, die angewendet werden könnten“, so Segelken.

Favorisiert wird jedoch ein ganz anderer Weg. „Nach Vorbild des deutschen Sicherungsfonds wollen die Isländer vielleicht auf die Daten der deutschen Kaupthing-Sparer zugreifen und diese mit dem passenden Formular in der Anlage anschreiben“, so der Advokat.

Damit kämen die Geschädigten auch um die Pflicht herum, ihre Einlagen bei dem Pleite-Institut gerichtsfest nachzuweisen. Segelken erklärt: „Die Anleger haben meist nur ihre Kontoauszüge aus denen die Überweisung an Kaupthing hervorgeht. Diese müssten übersetzt und beglaubigt werden - ein riesiger finanzieller Aufwand.“

Die Botschaft versprach Segelken gegenüber sich innerhalb weniger Tage verbindlich zu äußern. Auf Anfrage der WirtschaftsWoche bei der isländischen Botschaft in Berlin hieß es lediglich, dass an den Problemen gearbeitet werde.

Erst, wenn der Weg klar ist mache die formelle Antragsstellung Sinn, berät der Jurist. Eine Fahrt nach Island sei in jedem Fall überflüssig, sagte Segelken und tritt damit einem anderslautenden Zitat der Berliner Zeitung entgegen: „Das war eine Ente, so was habe ich nie gesagt.“

Für die enttäuschten Anleger bedeutet die neuerliche Unsicherheit zusätzlichen Zeitdruck: Die zweimonatige Frist für die Geltendmachung der Ansprüche läuft offenbar ab dem 30. Oktober - an diesem Tag erfolgte die Feststellung der isländischen Behörde.

Wann genau sich das Zeitfenster schließt, ist derzeit jedoch ungewiss. Die juristische Berechnung der Fristen nach isländischem Recht ist ein Buch mit sieben Siegeln. Wer bereits vor dem 30. Oktober einen Antrag auf Entschädigung gestellt hat, braucht dies nach Angaben der isländischen Finanzaufsicht nicht erneut tun.

Zusätzlicher Zeitdruck für Kunden von Kaupthing

Doch auch diese Auskunft ist angesichts der erläuterten Unklarheiten mit Vorsicht zu genießen. Segelken ist dennoch zuversichtlich, dass am Ende die Entschädigung der deutschen Anleger steht: „Ich habe keine Zweifel, dass letztlich Zahlungen aus Island kommen. Im Miteinander der Staaten kann es sich ein Land kaum leisten, den Partnern derart vor das Schienbein zu treten.“

Wann der Fonds zahlt, steht jedoch in den Sternen: Nach dem Fristenlauf wäre die Entschädigung spätestens drei Monate nach Festestellung des Sicherungsfalles fällig, jedoch kann das isländische Wirtschaftsministerium diesen Termin flexibel handhaben und um weitere drei Monate hinausschieben.

Die Verbraucherzentralen und zahlreiche Anwälte empfehlen den Geschädigten, den Antrag an den isländischen Entschädigungsfonds direkt nach Beseitigung der Unklarheiten zu stellen - andernfalls bleibt nämlich nur die Schadensersatzklage, deren Aussicht auf Erfolg noch geringer wird wenn der geschädigte Anleger den Antrag an den Sicherungsfonds auslässt.

Die Hotline der Verbraucherzentralen ist unter 0800 6648588 kostenfrei von montags bis freitags zwischen 9 und 21 Uhr besetzt.

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