Finanzkrise: US-Presse: Lehman-Pleite ist eine Chance

Finanzkrise: US-Presse: Lehman-Pleite ist eine Chance

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Aktienhändler an der New York Stock Exchange

Nicht zu viel Fatalismus hier, blankes Entsetzen dort: Amerikas Wirtschaftskolumnisten mühen sich heute damit, ihren Lesern die Ereignisse an der Wall Street näherzubringen. Dass der Staat Lehman Brothers nicht unter die Arme gegriffen hat, werten sie als gutes Zeichen – doch ihre Forderungen an die Politik gehen weit auseinander.

„Wir sind glücklich darüber, berichten zu können, dass die Welt gestern nicht untergegangen ist – obwohl das manchmal nur schwer festzustellen war“, schreibt das Wall Street Journal mit einem Anflug von Sarkasmus. Zur Rekapitulation: In der Nacht von Sonntag auf Montag überschlugen sich die Ereignisse am weltweit wichtigsten Börsenplatz, der Wall Street. Die viertgrößte US-Investmentbank Lehman Brothers musste am Sonntagabend Insolvenz anmelden – denn US-Finanzminister Henry Paulson weigerte sich, ein weiteres Mal mit dem Geld der Steuerzahler in die Bresche zu springen. Lehmans ehemalige Rivalin Merrill Lynch schlüpfte unter das schützende Dach der Bank of America. Dies schickte den US-Leitindex Dow Jones und die Börsen weltweit auf Talfahrt.

Seit gestern gibt es an der Wall Street nur noch zwei unabhängige Investmentbanken – vor rund einem Jahr waren es noch fünf. Trotzdem bleibt das Wall Street Journal optimistisch: Die Märkte seien zwar ins Schlingern geraten, aber nicht zusammengebrochen. „Mitten in der aktuellen Panik ist das eine heilsame Lehrstunde, dass unser Schicksal in unseren eigenen Händen liegt und ein tieferer Abschwung längst nicht unabwendbar ist“, schreibt die US-Finanzzeitung.

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Die turbulenten Ereignisse seien keine Krise des Kapitalismus, sondern die „hässlichen Folgen des Kredit-Wahnsinns“ in der Mitte dieses Jahrzehnts. Zudem habe die US-Notenbank Fed die Zinsen zu lange zu niedrig gehalten, was „eine Subvention fürs Schuldenmachen und für die weltweiten Rohohstoffpreis-Spitzen“ geschaffen habe. Das Wall Street Journal hoffe, dass die Fed in ihrer heutigen Situng an den aktuellen Zinssätzen festhalte. Was die US-Wirtschaft jetzt wirklich brauche, sei eine „große Pro-Wachstums-Steuererleichterung“, die das Vertrauen wiederherstellen würde. Und das sei eine auch eine Gelegenheit für beide Kandidaten [für das US-Präsidentenamt], aber vor allem für John McCain.

New York Times: Verleugnung schuld an aktueller Krise

„Wie kann so etwas passieren?“ fragt sich hingegen Joe Nocera, der Wirtschafts-Kolumnist der New York Times. Wie sei es möglich, dass eine Bank wie Lehman Brothers, die jedes „Markttrauma“ und die Große Depression in den 1930er-Jahren überlebt habe, plötzlich bankrott sei?

Darauf gebe es nur eine Antwort, schreibt Nocera: Im Zentrum der aktuellen Krise stehe etwas, „mit dem wir alle vertraut sind: Verleugnung“. Seit dem Start der Finanzkrise im vergangenen Sommer seien die meisten großen Firmen „einen Tag zu spät dran und um einen Dollar zu klamm um zuzugeben, dass ihre einstmals mit Triple-A-Ratings bewerteten hypothekenbesicherten Wertpapiere gerade nicht mehr besonders viel wert sind. Und das tötet sie, eine nach der anderen.“

Merill-Lynch-Chef John Thain habe mit seinem Notverkauf mehr Geschick bewiesen als Richard Fuld, der langjährige Chef von Lehman Brothers. Er habe gerade noch rechtzeitig Riesensummen abgeschrieben und die Bank verkauft. Lehman habe keinen Käufer mehr gefunden, weil Interessenten darauf bestanden hätten, dass der Staat auch für die Schulden von Lehman geradestehen müsse. Das sei die „Essenz des Moral Hazard-Problems“. Wenn die Regierung sich jetzt weigere, die Wall Street weiterhin abzufangen, „könnten vielleicht auch die hypothekenbasierten Derivative ihren natürlichen Boden finden. Und das ist etwas, auf das man sich freuen sollte“, meint Nocera.

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