Finanzkrise: USA: Konjunktur nun am Abgrund?

Finanzkrise: USA: Konjunktur nun am Abgrund?

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Zentralbanken warten ab: Leitzinsen warten ab (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Wer glaubte, die USA hätten die Klippen einer Rezession erfolgreich umschifft, muss nach der jüngste Schockwelle im US-Finanzsystem neu kalkulieren. Mit der Pleite der traditionsreichen Investmentbank Lehman Brothers und der milliardenschweren Rettungsaktion für den Versicherungsriesen AIG hat sich die Krise zugespitzt – und damit die Gefahr eines realwirtschaftlichen Abschwungs erhöht.

Entscheidend wird nun sein, wie sich in den nächsten Monaten die Kreditvergabe an die Haushalte und Unternehmen entwickelt. Denn von ihr hängen Konsum- und Investitionsbereitschaft der weltgrößten Volkswirtschaft maßgeblich ab. Bislang haben sich die Kreditvolumina als erstaunlich stabil erwiesen, obgleich viele US-Banken ihre Kreditvergabebedingungen seit Monaten verschärfen. Die jüngsten Ereignisse könnten aber das Fass zum Überlaufen bringen: „Die große Gefahr ist jetzt, dass sich nicht nur das Wachstum der Kreditvergabe verlangsamt, sondern diese sogar sinkt. Aus der Kreditzurückhaltung (Credit Squeeze) könnte eine Kreditklemme (Credit Crunch) werden“, befürchten die Volkswirte der Commerzbank.

Fed überrascht mit einem Novum in ihrer Geschichte

Dass die US-Zentralbank in der vergangenen Woche darauf verzichtete, die Leitzinsen zu senken, bedeutet keine Entwarnung. Der Leitzins der Fed liegt mit zwei Prozent schon außerordentlich niedrig, die Notenbanker wollten nicht ihr letztes Pulver verschießen. Stattdessen lockerte die Fed überraschend die Sicherheiten für Refinanzierungsgeschäfte – zum ersten Mal in ihrer 95-jährigen Geschichte. Banken, die sich Zentralbankgeld leihen, können nun auch Aktien und teilweise Bonds unter Investmentgrade als Garantie hinterlegen. Liquiditätsengpässe nach der jüngsten Schockwelle an den Finanzmärkten sollen so verhindert werden.

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Die Realwirtschaft sendet zunehmend bedenkliche Signale. Die US-Industrieproduktion brach im August unerwartet deutlich um 1,1 Prozent zum Vormonat ein. Seit dem Hurrikan Katrina vor drei Jahren hat es keinen so starken Rückgang mehr gegeben. Zugleich ging die Kapazitätsauslastung der Unternehmen überraschend stark um einen Prozentpunkt auf 78,8 Prozent zurück. Hinzu kommt, dass die Arbeitslosenquote seit April fast kontinuierlich angestiegen ist und im August mit 6,1 Prozent den höchsten Wert seit fünf Jahren erreicht hat. Das drückt zunehmend die Kauflust der Amerikaner. Der US-Einzelhandelsumsatz etwa ist im August abgefallen. Dies alles ist in Verbindung mit den hoch nervösen Finanzmärkten eine gefährliche Mixtur.

Okonomen sind uneins

Ende des Booms

Ende des Booms: Industrieproduktion und Einzelhandelsumsatz in den USA (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Gleichwohl sind sich die Ökonomen über die Aussichten der US-Konjunktur uneins. Der Tenor reicht von „das Schlimmste überstanden“ bis „das Schlimmste noch vor uns“. Der Internationale Währungsfond will nach Gerüchten an den Finanzmärkten seine Wachstumsprognose für die USA offenbar nach oben revidieren. Besonders düster hingegen sieht der New Yorker Ökonom Nouriel Roubini die Lage. Er sagt den USA eine „lange, unangenehme“ Rezession voraus, die 12, eher aber 18 Monate anhalten und die Weltwirtschaft mit in die Tiefe ziehen wird. „Der US-Konsument hat sich totgekauft, wenig gespart, ist mit Schulden beladen und von sinkenden Einkommen, Häuser- und Aktienpreisen geplagt“, meint Roubini. Spätestens wenn Mitte August das Steuererstattungsprogramm der Regierung auslaufe, werde die Kauflaune den Bach hinuntergehen.

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