Finanzkrise: Wall Street wankt - die Weltbörsen zittern

Finanzkrise: Wall Street wankt - die Weltbörsen zittern

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Bear-Stearns-Zentrale in New York

Dramatische Verschärfung der weltweiten Finanzkrise: Die fünftgrößte US-Investmentbank Bear Stearns schlitterte haarscharf an der Pleite vorbei - ihr Aktienkurs brach heute um 90 Prozent ein. Auch eine Milliarden-Kapitalspritze der Fed und Äußerungen von US-Präsident Bush konnten die Weltbörsen nicht beruhigen. Euro und Goldpreis erreichten neue Höchststände, der Dax verlor zeitweise bis zu drei Prozent. Experten fürchten nun, dass die Finanzkrise rasch auf Großbritannien übergreift.

Die Krise an den weltweiten Finanzmärkten hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Die US-Bank JP Morgan Chase kündigte gestern an, für einen Spottpreis ihre schwer angeschlagene Konkurrentin Bear Stearns zu übernehmen und sie damit vor der Pleite zu bewahren. Wie schlimm es um Bear Stearns stand, zeigt der extrem niedrige Kaufpreis von nur zwei Dollar je Aktie.

An der beispiellosen Finanzspritze für Bear Stearns beteiligte sich auch die US-Notenbank, die Risiken von bis zu 30 Milliarden Dollar übernahm. Sie legte ein Sonderkreditprogramm für große US-Banken auf und griff damit erstmals seit der Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren in einer solchen Aktion dem Finanzsystem unter die Arme. Zudem senkte die Fed den Diskontsatz von 3,5 auf 3,25 Prozent und drehte damit den Geldhahn weiter auf. Analysten sprachen von einer „Notoperation“. Die britische Zentralbank stellte 5 Milliarden Pfund zur Verfügung.

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Panikartige Verkäufe an den Börsen

Die Anleger werteten die Maßnahmen der Notenbanken als Krisensignal: An den Handelsplätzen in Fernost und Europa kam es zu teils panikartigen Verkäufen, der Dollar fiel auf ein Allzeit-Tief. Der Dow-Jones-Index konnte seine anfänglichen Verluste zunächst wieder wettmachen.  Euro, Gold und Rohöl erreichten zeitweise wieder Rekordstände. Für neue Unruhe sorgten Spekulationen über finanzielle Probleme der US-Investmentbank Lehman Brothers. Sie wurden von der Bank zurückgewiesen, die Aktie sackte dennoch zeitweise um mehr als 20 Prozent ab.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schlug Alarm: „Die Finanzmarktkrise ist ernster und globaler als noch vor wenigen Wochen“, sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. „Die Risiken und Gefahren sind sehr hoch.“

Bush versucht die Märkte zu beruhigen

US-Präsident George W. Bush versicherte, seine Regierung habe die Situation im Griff. Auch die Bundesregierung versuchte zu beruhigen. Zwtl: Finanzsektor startet in „Woche der Wahrheit“ Chefvolkswirte deutscher Großbanken fanden lobende Worte für die amerikanische Zentralbank: „Die Fed fährt eine sehr klare, konstante Linie. Sie versucht zu verhindern, dass aus der Krise eine Panik wird“, sagte der Chefvolkswirt von Allianz/Dresdner Bank, Michael Heise, der AP.

Die überraschende Zinssenkung der US-Notenbank verstärkte die Flucht der Anleger aus dem Dollar. Der Euro kletterte zeitweise auf ein Rekordhoch von 1,5904 Dollar. Zum Schweizer Franken fiel die US-Währung auf einen Tief von 0,9637 Franken. Japaner zahlten mit 95,77 Yen für einen Dollar so wenig wie seit 13 Jahren nicht mehr. „Der Dollar leidet unter der doppelten Belastung durch die konjunkturelle Abschwächung und durch die Finanzkrise“, sagte Teis Knuthsen, Chef-Devisenanalyst bei Danske Markets. „So lange es zu keiner Entspannung an einer dieser beiden Fronten kommt, wird der Dollar unter Druck bleiben.“

Volkswirt: Erholung des US-Konsums braucht noch Jahre

Der Chefvolkswirt der Schweizer Großbank UBS, Klaus Wellershoff, zeigte sich skeptisch über die Aussichten für die US-Konjunktur gezeigt. „Bis sich der Konsum dort wieder erholt, wird es noch Jahre dauern“, sagte er dem Berliner „Tagesspiegel“. „In den USA wird das Wachstum im ersten Quartal 2008 mit großer Wahrscheinlichkeit negativ sein. Und auch danach wird die amerikanische Volkswirtschaft nicht durchstarten.“

Den in die Finanzkrise verstrickten Banken warf der Ökonom vor, „Systeme aufgebaut zu haben, die dazu verleiteten, immer höhere Risiken anzusammeln“. Für das erste Quartal befürchte er „noch deutliche Abschreibungen“ bei den Banken, weil „die betroffenen Wertpapiere, die mit Krediten besichert sind, seit Ende 2007 noch einmal drastisch an Wert verloren haben“. Für die deutsche Wirtschaft rechnet Wellershoff mit vernachlässigbaren Folgen der Finanzkrise. „In Deutschland ist zum Beispiel das Sparkassensystem kaum berührt, auch die großen Privatbanken nicht. Direkte Auswirkungen sind eher unwahrscheinlich“, sagte Wellershoff dem Tagesspiegel.

Dax markiert neues Jahrestief

An den Börsen herrschte heute regelrechte Panikstimmung. Der deutsche Leitindex Dax stürzte zeitweise um über vier Prozent auf 6183 Zähler und markierte ein neues Jahrestief. In ganz Europa standen Finanztitel unter massivem Verkaufsdruck. Der Euro schnellte auf knapp 1,58 Dollar nach oben. In Asien schloss der Nikkei-Index knapp vier Prozent tiefer. Auch die US-Börsen eröffneten im Minus.

JP Morgan legt für Bear Stearns 236 Millionen Dollar oder zwei Dollar je Aktie auf den Tisch - das sind 93 Prozent weniger als der Aktienkurs der fünftgrößten US-Investmentbank vom vergangenen Freitag. Heute brach der Kurs um über 90 Prozent auf knapp drei Dollar ein. Vor etwa einem Jahr war das Papier noch 172 Dollar wert.

Die Gesamtkosten des Geschäfts bezifferte JPMorgan auf sechs Milliarden Dollar. Zudem garantiert die Bank für sämtliche finanzielle Verpflichtungen von Bear Stearns. Die Fed unterstützt sie dabei mit bis zu 30 Milliarden Dollar. Ein Zusammenbruch von Bear Stearns, bei der etwa 14.000 Menschen arbeiten, hätte nach Ansicht von Experten unabsehbare Folgen für das gesamte Bankensystem gehabt. Handelspartner hätten große Verluste fürchten müssen, die Kreditvergabe wäre erheblich eingeschränkt worden.

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