Finanzkrise: Warum die Banken weiter bluten

Finanzkrise: Warum die Banken weiter bluten

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Bankenplatz Frankfurt

Die Finanzkrise eskaliert: Den Banken drohen nicht nur weitere Milliarden-Abschreibungen, sondern ihnen brechen auch die Einnahmen weg. Das ist kein gutes Omen für die Aktienmärkte, die von den Finanzwerten abhängig sind wie nie zuvor.

Da haben wir den Salat. Nun wollen nicht mal mehr die Chinesen westliche Banken kaufen. „Aufgrund der veränderten Ausgangslage“, schrieb Kong Dan, Chairman der chinesischen Bank Citic Securities, an das verdutzte Management der Investmentbank Bear Stearns, sehe er sich außerstande, das zugesagte Investment in Bear Stearns im Wert von einer Milliarde Dollar noch zu tätigen.

„Veränderte Ausgangslage“ ist gut: Das Geldhaus ist faktisch pleite und wurde für rund 236 Millionen Dollar an die US-Bank JP Morgan notverkauft – mehr als 93 Prozent unter dem letzten Börsenwert von 3,6 Milliarden Dollar. Bear Stearns hatte sich mit Kreditderivaten verspekuliert.

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Nur zwei Tage zuvor war der Hedgefonds Carlyle insolvent geworden. Anleger fürchten weitere Pleiten. Die Finanzkrise eskaliert. Bis heute haben die Banken weltweit infolge der Krise mehr als 200 Milliarden Dollar an Bilanzwerten abschreiben müssen – und damit Schätzungen vom Herbst weit übertroffen; ein Ende ist nicht absehbar, der Abschreibungsdruck dürfte sich sogar verschärfen.

Inzwischen schwelgen auch notorische Zweckoptimisten in Negativ-Superlativen. Politiker bekommen eine Ahnung davon, dass ihnen die Krise entgleitet. Finanzminister Peer Steinbrück spricht von einer „der größten Finanzkrisen in den letzten Jahrzehnten“. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zweifelt gar am urkapitalistischen Prinzip der Selbstregulierung der Märkte durch Angebot und Nachfrage und fordert Regierungshilfe.

Schlimm genug. Doch „die Milliarden-Abschreibungen überdecken einen anderen Aspekt fast völlig, der langfristig vielleicht noch schwerer wiegt“, warnt Bert Flossbach, Vorstand des Vermögensverwalters Flossbach & von Storch, „denn auch die Einnahmenseite der Banken wird sich dramatisch verschlechtern“. Einbußen drohen vor allem im Investmentbanking, aber auch im Privatkundengeschäft.

Viele der Gewinnquellen der Banken sind auf Jahre hinaus versiegt. „Die Banken haben in den vergangenen Jahren ihre Gewinne durch immer mehr geliehenes Geld in die Höhe getrieben“, sagt Klaus Kaldemorgen, Chef der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS. Nun leiht keine Bank der anderen mehr Geld. Zu groß ist das Misstrauen, die Gegenseite könnte bald selbst pleite sein.

Das Geschäft mit den eben noch so gewinnbringenden strukturierten Produkten ist schon tot; nun greift die Krise auch auf das übrige Stammgeschäft der Banken über. Selbst wenn „die Finanzkrise irgendwann ausgestanden ist, werden die Bankaktien sich nicht so schnell wieder erholen“, fürchtet Peter Oppenheimer, Aktienstratege von Goldman Sachs in London.

Das kann auch für die Börse insgesamt nichts Gutes bedeuten. Die Finanzhäuser sind weltweit in fast allen wichtigen Aktien-Indizes der mit Abstand größte Sektor. Und andere Branchen, die in die Bresche springen könnten, wie 2002 der Rohstoffsektor und die Industriewerte nach dem Platzen der Techblase, sind diesmal nicht in Sicht.

An allen Ecken und Enden bricht den Banken derzeit Geschäft weg, und zwar nachhaltig. Einen ersten Vorgeschmack lieferten diese Woche Goldman Sachs und Lehman Brothers; der Nettogewinn der beiden Investmentbanken fiel im ersten Quartal 2008 gegenüber dem gleichen Zeitraum 2007 um jeweils rund die Hälfte. Die günstigen Bewertungen ihrer Aktien sind nichts weiter als Makulatur. „Selbst wenn die bereits reduzierten Gewinne der Banken um weitere 56 Prozent einbrächen, lägen sie noch immer über dem langjährigen Trend von 1947 bis 2000“, sagt Goldman-Stratege Oppenheimer. „Es steht aber zu befürchten, dass das Pendel in die andere Richtung schlägt und die Gewinne noch viel weiter zurückgehen.“

Die Gewinnschätzungen der Analysten berücksichtigen dies noch nicht – obwohl sie seit Ausbruch der Finanzkrise schon zweistellig nach unten korrigiert wurden. „Wir hatten in der ersten Jahreshälfte 2007 noch die beste aller Welten“, meint Philipp Häßler, Analyst für Banken von Equinet in Frankfurt, „das Geschäft lief so gut wie noch nie. Ich fürchte, der Vergleich mit dem Vorjahr wird unschön ausfallen.“

Am stärksten betroffen ist das Investmentbanking. Wegen der Finanzkrise liegen zahlreiche Börsengänge auf Eis. Schwergewichten wie dem Mischkonzern Evonik und der Deutschen Bahn, aber auch Dutzenden von MDax-Kandidaten und Hunderten Kleineren ist der Weg zur Börse versperrt. Darunter sind prominente Namen wie die Maschinenbauer MAN Roland und Krauss-Maffei oder die Modeketten Street One, Tom Tailor und Tommy Hilfiger. Ein mittelgroßes IPO bringt der Bank einen zweistelligen Millionenbetrag ein.

Nicht besser steht es um das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A). Vor allem an Firmenkäufen durch Private-Equity-Firmen, vulgo Heuschrecken, hatten die Banken blendend verdient. 2007 fädelten die Banken Fusionen und Übernahmen in Deutschland im Volumen von 175 Milliarden Euro ein, weltweit wurden Zusammenschlüsse und Firmenkäufe im Wert von 4340 Milliarden US-Dollar getätigt.

Die Zahlen sind Vergangenheit. „Das Geschäft der Investmentbanken mit den Finanzinvestoren wird in diesem Jahr leiden, das ist klar“, sagt Kaldemorgen, „Hedgefonds und Private-Equity-Fonds können derzeit kaum noch neue Deals finanzieren.“ Wegen der Finanzkrise sind die Banken nicht mehr bereit, den Buyout-Firmen Geld zu leihen. Einige Kreditinstitute verweigerten zuletzt sogar verbindlich zugesagte Finanzierungen und nahmen dafür Vertragsstrafen in Millionenhöhe in Kauf. Die Royal Bank of Scotland, einer der größten Player im Markt, geht davon aus, dass künftige Firmenkäufe mit bis zu 50 Prozent Eigenkapital finanziert werden müssen. Das klingt noch immer komfortabel, doch in der ersten Jahreshälfte 2007 war nicht mal die Hälfte üblich gewesen. Ein vierfacher Hebel des eigenen Kapitals mit fremdem Geld war bei Übernahmen Standard.

Die ganze Industrie werde sich an viel bescheidenere Fremdkapital-Hebel gewöhnen müssen, sagt Keith Anderson, Professor für Finance and Investment an der Uni Newcastle, „ein sehr schmerzhafter Prozess, der weit über die aktuelle Problematik wegen Subprime hinaus andauern wird“.

Während die Kreditabteilungen der Geldhäuser die Heuschrecken aushungern, leiden nebenan die eigenen Kollegen von M&A. Laut „Wall Street Journal“ arbeiten schon jetzt viele Banker aus den M&A-Abteilungen nur noch an zwei Tagen in der Woche. Wenn die Buyout-Branche 2008 „noch ein Drittel der Deal-Aktivitäten aus dem Vorjahr“ schaffe, sei das sehr optimistisch gerechnet, sagt ein Schweizer Hedgefonds-Manager.

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