Frauenquote: "Es geht auch um Ihre Positionen"

Frauenquote: "Es geht auch um Ihre Positionen"

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kommt die gesetzliche Frauenquote, muss jede dritte Top-Position neu besetzt werden, sagt Heiner Thorborg. In einem offenen Brief an die Vorstände fordert der Personalberater die Wirtschaft auf, dringend zu reagieren.

Sehr geehrte Herren Vorstandsvorsitzende,

heute wende ich mich an Sie mit dem dringenden Aufruf, in Sachen Frauen im Topmanagement endlich proaktiv tätig zu werden, um eine gesetzliche Quotenregelung vielleicht doch noch zu verhindern.

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Der Anlass für dieses Schreiben ist Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, die im jüngsten „Spiegel“ davon spricht, noch dieses Jahr eine Gesetzesvorlage für eine Frauenquote von 30 Prozent für die Aufsichtsräte und Vorstände börsennotierter deutscher Unternehmen einführen zu wollen. Die Nicht-Erfüllung soll mit Sanktionen belegt werden. Damit geht sie weit über das in Frankreich Beschlossene hinaus: Hier ist nämlich nicht nur von den Kontrollgremien die Rede, sondern auch vom operativen Management! Konkret wird diese Initiative dazu führen, dass alle betroffenen Unternehmen binnen fünf Jahren rund ein Drittel aller Toppositionen neu besetzen müssen. Auch die Ihren.

Die Ministerin droht mit einer gesetzlichen Lösung, weil jede freiwillige Vereinbarung mit der Wirtschaft „krachend gescheitert“ sei. Damit hat sie recht, die Missrepräsentation der weiblichen Arbeitnehmer in den Führungsetagen deutscher Konzerne ist immer noch so frappierend wie schon vor zehn Jahren. Und auch ich habe manchmal den Eindruck, dass viele männliche deutsche Top-Entscheider in den so viel beachteten Dax-Unternehmen denken: 'Die Quote kommt doch sowieso, das warten wir jetzt einfach ab und dann schauen wir mal...'

Meine Herren, so sollten Sie sich in Ihrem Handlungsspielraum nicht ohne Widerstand einschränken lassen. Kein Vorstandsvorsitzender, der sein Gehalt verdient, kann eine gesetzliche Regelung wollen, die ihm vorschreibt, wie künftig sein wichtigstes Führungsteam auszusehen hat. Außerdem scheint es nahezu unmöglich, innerhalb von fünf Jahren genug ausreichend qualifiziertes weibliches Potenzial für die fraglichen Vorstandspositionen zu finden.

Meiner langjährigen Erfahrung als Personalberater nach liegt der Anteil der karrierebewussten Frauen, die tatsächlich an einer Top-Position im Großunternehmen interessiert sind, überdies bei maximal 20 Prozent. Erfahrungen aus Norwegen legen das übrigens ebenfalls nahe: gesetzeskonform gibt es da nun mehr als 40 Prozent weibliche Aufsichtsräte, im operativen Management allerdings ist der Frauenanteil dennoch deutlich geringer geblieben. Das liegt nicht etwa an den unwilligen Unternehmen, sondern daran, dass viele Frauen zwar gerne arbeiten und entscheiden, die geringere Sichtbarkeit der zweiten oder dritten Ebene aber der Exponiertheit der ersten vorzuziehen scheinen.

Selbst Bundesfamilienministerin Kristina Schröder sieht in der gesetzlichen Quote nur die ultima ratio, weil auch die Regierung weiß, dass bürokratische Lösungen in der Regel nicht zu den besten Ergebnissen führen und stattdessen zu ökonomischen Verzerrungen. Auch haben Gesetze die unangenehme Eigenart, nie mehr zu verschwinden, selbst wenn das dahinter liegende Problem längst verjährt ist. Siehe die Schaumweinsteuer: 1902 eingeführt zum Aufbau einer kaiserlichen Kriegsflotte, zahlen wir sie immer noch, auch wenn sich Kaiser und Reich längst erledigt haben. 

Familienunternehmen können ein Vorbild sein

Ich kann Sie daher nur dringend dazu aufrufen, das Thema Frauen im Topmanagement sofort ganz oben auf Ihre persönliche Agenda zu nehmen und eilig tätig zu werden. Am besten auch gemeinsam mit den Kollegen in den anderen Dax-Konzernen, in einer konzertierten Aktion. Zwingen Sie Ihre Unternehmen gemeinsam, alle Talente für Führungsaufgaben auf allen Ebenen in den Blick zu nehmen, denn erst dann ändert sich der Blick auf die ganze Belegschaft und nur so können sich im Zeitverlauf auch die Potenziale entfalten, auf die es in Zukunft ankommt. Werden Sie selber tätig, sonst wird Ihnen das Heft der Handlung aus der Hand genommen. Schaffen Sie Sanktionen im Betrieb für die Herren, die blocken, sonst werden am Ende Sie selber mit Sanktionen belegt.

Wer Inspiration benötigt, dem sei ein Blick in die deutschen Familienunternehmen empfohlen, wo laut der jüngsten Intes-Studie zum Thema der Frauenanteil in der Geschäftsführung bei 25 Prozent liegt. Familiengesteuerte Unternehmen übernehmen damit eine Vorbildfunktion, da dank ihrer langfristigen Ausrichtung und ihrer Prägung durch familiäre Werte die Potenziale von Frauen ganz offenbar eine größere Rolle spielen als die Geschlechterfrage. Das ist clever, denn wie jeder weiß, sind Unternehmen mit einer diversen Führungsstruktur erfolgreicher als die mit einer homogenen.

Nicht zuletzt das sollte zu denken geben.

Es grüßt Sie ganz herzlich

Ihr Heiner Thorborg.

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