Frauenquote in Europa: Club der Cousinen

Frauenquote in Europa: Club der Cousinen

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Viviane Reding

Was die Europäische Union in Sachen Frauenquote unternimmt und warum das norwegische Modell nicht zum Vorbild taugt.

Geht es nach dem alten Sprichwort, freut sich immer ein Dritter, wenn sich zwei streiten. Noch ist unklar, wer von der Auseinandersetzung zwischen der EU-Justizkommissarin Viviane Reding und dem EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier profitieren soll. Klar ist nur: Beide streiten sich derzeit, wer den Gesetzentwurf für eine Frauenquote vorlegen darf.

Der Machtkampf ist ein Indiz dafür, wie hitzig das Thema Frauen in Führungspositionen europaweit diskutiert wird. Reding war im vergangenen Jahr vorgeprescht, als sie ankündigte, die Quote in der gesamten Union einzuführen – falls die Wirtschaft bis Ende 2011 kein überzeugendes Konzept vorlegt. Das ist ihrer Meinung nach bislang ausgeblieben. Deshalb hat sie nun konkrete Vorgaben formuliert: Bis 2015 sollen in der EU 30 Prozent der Aufsichtsratsmandate von Frauen ausgeübt werden, bis 2020 soll die Quote auf 40 Prozent steigen.

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Ihr Kommissionskollege Michel Barnier will sich der Frauenquote ebenfalls annehmen. Er könnte sich dem Thema über seine Zuständigkeit für Corporate Governance nähern. Seine jüngsten Initiativen gingen bereits in die Richtung, Unternehmen zu sozialen Zielen zu verpflichten. Egal, wer den Kampf gewinnt, Reding hat sich festgelegt: „Am Thema Frauenquote kommen wir nicht vorbei.“

Wenig Widerstand

Aus den Mitgliedstaaten ist wenig Widerstand gegen eine aus Brüssel verordnete Frauenquote zu erwarten. Zu viele haben bereits nationale Zielmarken für einen Frauenanteil beschlossen. In Spanien sollen bis 2015 40 Prozent aller Aufsichtsratsgremien weiblich besetzt sein, Frankreich hat vor Kurzem ebenfalls eine gesetzliche Frauenquote für Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern und 50 Millionen Euro Jahresumsatz beschlossen. Ab 2014 gilt dort für Aufsichtsräte eine Quote von 20 Prozent, ab 2017 in Höhe von 40 Prozent. Und in den Niederlanden sollen Betriebe mit mehr als 250 Mitarbeitern ab 2016 sowohl im Aufsichtsrat als auch im Vorstand 30 Prozent der Posten an Frauen gehen. Auch dort war das Thema Frauenquote ähnlich aufgeregt diskutiert worden wie in Deutschland. Im Vergleich zur emotionalen Debatte ist die Regelung jedoch äußerst schwammig geraten – Unternehmen drohen keine Sanktionen, wenn sie die Auflagen nicht erfüllen. Sie müssen im Jahresbericht lediglich darlegen, dass sie die Vorgabe verfehlt haben.

Glaubt man den Befürwortern der Quote, haben die Norweger alles richtig gemacht. Das Land der Fjorde wird immer wieder als Beispiel dafür genannt, wie sinnvoll eine gesetzliche Frauenquote sein kann. Diese wurde in Norwegen bereits im Jahr 2003 beschlossen, seit dem 1. Januar 2006 müssen börsennotierte Konzerne ihre Aufsichtsräte zu 40 Prozent mit Frauen besetzen. „Das hat den Unternehmen gut getan“, sagte in der vergangenen Woche Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Die lästigen Details verschwieg sie allerdings. In der deutschen Diskussion wird nämlich häufig vergessen, dass die Quotenregelung in Norwegen nur für allgemeine Aktiengesellschaften, kurz ASA gilt. Diese Gesellschaftsform entspricht der deutschen AG. Die Mehrheit der norwegischen Unternehmen ist allerdings wie eine deutsche GmbH organisiert – und daher von der Regelung gar nicht betroffen.

Falsche Drohung

Bevor die Quote in Norwegen gesetzlich verankert wurde, drohte der zuständige Minister den Konzernen bereits mit ernsten Sanktionen: Wer die Quote nicht erfülle, könne im Zweifelsfall seine Börsenzulassung verlieren. Dass er die Unternehmen damit auf eine Idee brachte, wird er nicht geahnt haben.

Vibeke Heidenreich und Mari Teigen vom Institut für Sozialforschung in Oslo analysierten im vergangenen Jahr die Auswirkung der Frauenquote auf die norwegische Unternehmenslandschaft. Als das Gesetz im Jahr 2003 bekannt gegeben wurde, waren 554 Unternehmen an der Börse notiert. 2009 waren es nur noch 362. Als die beiden Wissenschaftlerinnen nach den Gründen für den Rückzug von der Börse fragten, nannte jedes dritte Unternehmen die Einführung der Frauenquote. Mit anderen Worten: Viele norwegische Konzerne verabschiedeten sich von der Börse, um sich vor der Quote zu drücken.

Bei den verbleibenden Unternehmen führte die Quote dagegen zu einer Art Cousinenwirtschaft. Deren Mitglieder sind die sogenannten „Goldröcke“. So haben die Norweger jene Managerinnen getauft, die die wichtigen Posten unter sich aufteilen. In Norwegen besetzen inzwischen rund 70 Frauen etwa 300 Aufsichtsratsplätze. Und eines hat Norwegen trotz der Vorreiterfunktion bis heute nicht geschafft: Nur wenige Frauen sitzen tatsächlich an den Schalthebeln der Macht. Drei Viertel sind normale Mitglieder des Aufsichtsrats – aber nur drei Frauen führen ihn an.

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