Führungs-Spitzen: Der "Lockruf des Geldes"

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Nicht nur die Durchlässigkeit zwischen Politik und Wirtschaft wächst, sondern auch die zwischen Exekutive und Legislative: Neuerdings wechseln immer mehr Politiker in die Wirtschaft oder an hohe Gerichte und Richter übernehmen Vorstandspositionen. Nicht nur in USA oder Frankreich, wo die Eliten immer schon mehrfache Einsatzbereitschaft zeigten, sondern auch bei uns. Schlechter wird die Welt dadurch keineswegs.

Die Zeiten ändern sich: Einst sperrten sich Union und FDP gegen die Berufung von Herta Däubler-Gmelin ans Verfassungsgericht in Karlsruhe, weil sich das für die SPD-Politikerin nicht gehöre. Heute will der Regierungschef im Saarland, CDU-Mann Peter Müller, Verfassungsrichter werden und die SPD ist offenbar bereit, ihm im Bundesrat die nötigen Stimmen dafür zu geben.

Umgekehrt zieht es nun Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt in den Daimler-Vorstand. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine höchst ungewöhnliche Besetzung, denn außer dem Titel ihrer Promotion „Entscheidungsstrukturen im Unternehmen und Arbeitnehmerinteressen“ deutete bislang wenig auf besonderes Interesse der Richterin an ökonomischen Fragen hin. Das Wirtschaftministerium in Hessen übernahm sie 1991 nach eigenen Angaben nur aus Partei-Räson. Ihre Erleichterung über den Ruf nach Karlsruhe war spürbar. Auf den zweiten Blick leuchtet Daimlers Interesse an der Juristin mit Widerspruchsgeist allerdings durchaus ein: Sie soll das neue Ressort „Compliance und Integrität“ übernehmen, also dafür sorgen, dass der Konzern sich an Recht und Gesetz hält.

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Der „Lockruf des Geldes“

Kritiker lassen jedoch nicht lange auf sich warten – schon als bekannt wurde, dass es Gerhard Schröder und Joschka Fischer in die Wirtschaft zog, hieß es, sie seien dem „Lockruf des Geldes“ erlegen. Als Hessens langjähriger Ministerpräsident Roland Koch sich entschied, die Chefposition des Baukonzerns Bilfinger Berger zu übernehmen, wurden ihm und dem Konzern gar korrupte Praktiken unterstellt, weil Koch zuvor im Aufsichtsrat des Frankfurter Flughafens saß, für den Bilfinger Berger in Kochs Regierungszeit die Nordwest-Landebahn baute.

Auch gegen Müller als Verfassungsrichter werden Bedenken angemeldet. Die einen müssen natürlich schon aus parteipolitischen Interessen jaulen, die anderen zweifeln an seiner Kompetenz. Der Ex-Regierungschef des Nehmerlandes werde Saarland im Verfassungsstreit um den Länderfinanzausgleich mit entscheiden - und das könne nicht angehen, heißt es. Nicht besser ergeht es Hohmann-Dennhardt. Da mokieren sich nun viele Juristen über den Wechsel aus einem der höchsten Ämter im Staat in die Wirtschaft.

Bedauernswerter Neidkomplex

Aus vielen dieser Äußerungen spricht mehr der bedauernswerte Neidkomplex, der so viele Menschen in Deutschland beutelt, als ein ernsthaftes Interesse am Wohlergehen der Nation und ihrer Unternehmen. Dass Hohmann-Dennhardt künftig ein Vorstandsgehalt beziehen könnte, passt eben nicht jedem, der mit einem Beamtengehalt klarkommen muss. An der Eignung einer Richterin zur obersten Instanz der Korruptionsbekämpfung in einem Konzern kann nämlich kein Zweifel bestehen.

Ähnliches gilt für Roland Koch: Er ist Wirtschaftsjurist und hat mit der von ihm gegründeten Anwaltskanzlei Fusionen eingefädelt und Tarifverträge ausgehandelt – auch Strukturen erfolgreich umbauen kann Koch, das hat er mehrfach gezeigt. Müller im Gegenzug ist ein Einserjurist und war bislang in Personalunion auch Justizminister. Kompetent ist er allemal - und ihm zu unterstellen, er werde in künftigen Verfahren mehr als Saarländer denn als Richter denken, ist absurd.

Abschied von den Provinzpossen

Die Frage, ob Politiker auch in der Wirtschaft führen könnten, ist im übrigen provinziell. In den USA wechseln Topleute immer wieder zwischen den Welten: US-Präsident Barack Obama machte einen Manager der Bank J.P. Morgan zum Stabschef. Nun berief er Jeffrey Immelt, den Vorstandsvorsitzenden von General Electric, an die Spitze des Beratergremiums, das die Wettbewerbsfähigkeit der US-Wirtschaft stärken soll. Dahinter steht die Überzeugung, dass kluge, integre Leute überall klug und integer sind und ihre Intelligenz nicht im alten Schreibtisch stecken lassen, wenn sie in eine neue Aufgabe wechseln.

GE beispielsweise gilt als Musterbeispiel für mehr Erfolg durch Export, in den vergangenen Jahren schuf das Unternehmen 6500 Arbeitsplätze in den USA. Wenn Exportschwäche und hohe Arbeitslosenquoten sein Land beuteln, liegt es da nicht nahe, Immelt zu bitten, seine Erfahrung auch mal außerhalb der unternehmerischen Gewinn- und Verlustrechnung anzuwenden? Für Deutschland würde ich mir ähnliche Pragmatik wünschen, wenn es darum geht, die besten Kandidaten für einen Job zu identifizieren und zu verpflichten.

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