Führungs-Spitzen: Fibeln für Leithammel

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Unersättliche Neugier, kampferprobte Zuversicht, smartes Teamverhalten, ein einfach strukturiertes Gehirn und Furchtlosigkeit. Laut einem neuen Buch ist dies das Zeug, aus dem CEOs gestrickt sind. Der frustrierte Leser dieser und vieler anderer Managementfibeln fragt sich: Gibt es eigentlich seit Alexander dem Großen nichts Neues in Sachen Führung?

Wer bei Amazon.de unter dem Stichwort „für Manager“ sucht, stößt auf mehr als 6.700 Titel. Da gibt es  „Shakespeare für Manager“, die „Mäusestrategie für Manager“ und das „Märchenbuch für Manager“ - und  alle sollen sie helfen, den Berufsalltag zu meistern. Das erste Werk lehrt uns vermutlich, wie wir den Quartalsbericht so dichten können, dass auch Analysten ihn verstehen, das zweite handelt nicht etwa von Geld, sondern von Käse – auch von dem, den manche Führungskräfte fabrizieren. Und das Märchenbuch liefert laut Verlag „Gutenachtgeschichten für Leitende und Leidende“. 

Vergangene Woche kam ein neues Oeuvre dazu: “The Corner Office: Indispensable and Unexpected Lessons from CEOs on How to Lead and Succeed”. Die Grundfrage von Autor Adam Bryant ist interessant: „Stell Dir 100 Leute in einem großen Unternehmen vor. Sie sind alle im mittleren Management, alle um die 35, alle smart, kollegial und hart arbeitend, alle sind gute Komunikatoren. Also was bestimmt die nächste Beförderung und die danach? Wer von den 100 bekommt den Chefsessel, wenn die Zeit dafür gekommen ist?“

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Der X-Faktor der Führung

Die Frage nach dem X-Faktor, der eine erfolgreiche Führungskraft definiert, bleibt faszinierend und der Autor verspricht laut Titel ja auch „unverzichtbare und unerwartete“ Antworten. Bryant, Journalist bei der „New York Times“, interviewte 70 amerikanische CEOs, um sie zu liefern. Doch um es gleich vorweg zu nehmen: Dem Cover nach zu urteilen, versteht der Autor etwas von Marketing, doch auf der operativen Seite kämpft er mit Lieferschwierigkeiten.

Mit der amerikanischen Begeisterung für Listen verdichtet Bryant das Wesen seiner Gesprächspartner aus den Chefbüros auf fünf Eigenschaften, die angeblich alle diese CEOs gemeinsam haben: Unersättliche Neugier, kampferprobte Zuversicht, smartes Teamverhalten, ein einfach strukturiertes Gehirn und Furchtlosigkeit.

Konkret bedeutet das laut Bryant: Ein erfolgreicher Topmanager ist niemals nur auf ein Interessengebiet fokussiert. Er ist vielleicht nicht der klügste Mensch im Raum, aber bestimmt der am schnellsten lernende. Auch kann ein Chef mit Widerständen umgehen und gibt niemals auf. Die meisten Top-Manager können daher auf eine Geschichte der von ihnen gewonnenen Schlachten verweisen. Überdies verstehen sie die Psychologie von Teams und nutzen sie. Zudem hassen sie wortreiche Präsentationen. Statt „Tod durch Powerpoint“ zu erleiden, fordern sie von ihren Mitarbeitern: „Vergiss die Power und komm schneller zum Point!“ Und schließlich geht es ihnen auch in unangenehmen Situationen gut, sie haben kein Problem damit, ihre Komfortzone zu verlassen, wenn sie so beispielsweise einen großen Karriereschritt realisieren können.

Im Westen nichts Neues

An dieser Liste der Erfolgsfaktoren ist zweierlei auffällig: Erstens ist sie selbsterklärend. Bevor einer General Manager wird, durchläuft er verschiedene Jobs und Marken- oder Gebietsverantwortlichkeiten. Oben ankommen, ist er natürlich nicht auf nur einen Teilbereich konzentriert und er kann selbstverständlich auf eine Reihe gewonnener Schlachten verweisen. Diejenigen, die ihre Scharmützel verlieren, werden nämlich nichts – das gleiche gilt für Menschen, die sich hinter ihren Teams verstecken. Außerdem kenne ich niemanden, der wortreiche Reden mag, es sei, denn er hält sie selber. Und wie furchtlos muss einer sein, um einen CEO-Vertrag zu unterschreiben, der ihm fünf Jahre lang ein Millioneneinkommen sichert?

Zweitens steht in der Liste nichts, was nicht schon seit Alexander dem Großen bekannt wäre. Der war stets neugierig auf das Grün hinter dem nächsten Hügel und nahm auf seine Exkursionen gleich die Armee mit – also das Team, das er smart führte. Die Geschichte seiner Schlachtzüge ist bekannt; einen Knoten einfach zu zerhauen, zeugt von ausreichend simplem Geist. Zudem war er so furchtlos, dass ihn Kritiker wie Seneca als „wildes Tier“ brandmarkten. Et voilà: Ein Anführer! Was bleibt ist die Erkenntnis, dass die Lektüre von Biographien in Sachen Führungserfahrung oft mehr bringt als die von Managementbüchern, die helfen nämlich meistens nur ihren Verlegern.

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