Führungs-Spitzen: Im Westen nichts Neues

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Aufgeregt wird über die Nachfolge bei der Deutschen Bank, die Zulässigkeit von Puffbesuchen und die faule Jugend diskutiert. Wenn es nichts Wichtigeres zu bejammern gibt, haben wir eigentlich keine Probleme.

Die Presse findet die Suche nach einem Nachfolger für Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann „geradezu verzweifelt“. In der Tat, unmittelbar vor der Hauptversammlung erkannte der Investorenvertreter Hermes Equity Ownership Services der Bank Schwächen bei der Suche nach einem neuen Primus: „In Investorenkreisen wachsen Zweifel, ob der Aufsichtsrat der Deutschen Bank dieser Aufgabe in angemessener Weise gerecht wird“, sollen die Hermes-Herren an den Oberkontrolleur Clemens Börsig geschrieben haben. Tatsächlich klopft die Öffentlichkeit gerade nicht nur DB-Vorstandskollegen wie Anshu Jain und Hugo Bänziger auf ihre Tauglichkeit ab, diskutiert werden auch Talente wie Börsenchef Reto Francioni, Ex-Bundesbankier Axel Weber, Allianz-Mann Paul Achleitner und sogar Politiker wie Peer Steinbrück.

Sturm im Wasserglas! Die wirtschaftlich kerngesunde Bank hat bekanntlich Zeit bis 2013, um einen Nachfolger zu finden und warum sollte sie jetzt schon durch zu frühe Pressemitteilungen ihren Kandidaten verbrennen? Zur Erbauung der Hermes-Kunden? Mag ja sein, dass Ackermanns Name im September 2000 für einen Amtsantritt in Mai 2002 weit im Voraus fiel – aber diese Benennung passierte unter Rolf Breuer und damit unter einem angeschlagenen ersten Mann. Die gegenwärtige mediale Kaffeesatzleserei mag sportliche Qualitäten haben, Erkenntnisgewinn bringt sie jedoch kaum.

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Besser Entrüsten

Das gilt auch für die öffentliche Erregung über die steuerliche Absetzbarkeit von Sexparties. Das Land diskutiert diese in regelmäßigen Abständen – immer dann, wenn wieder irgendwo eine besonders unappetitliche Veranstaltung bekannt wird. Doch bislang gibt es keine klaren Regeln, die es untersagen, Veranstaltungen mit Kunden als Betriebsausgaben geltend zu machen. Früher nannte man diese Verrenkungen „nützliche Aufwendungen“ - und dass die nach Unterzeichnung großer Deals öfter mal fällig waren, war so offensichtlich wie die Reize des sodann beteiligten professionellen Servicepersonals. Von einem steuerrechtlichen Skandal kann daher auch jetzt kaum die Rede sein. Auch die Forderung, doch bitte endlich klare Regeln zu schaffen, ist altbekannt – und schon seit Jahren bar der Sinnhaftigkeit. Wer seine Kunden ins Bordell begleitet, wird den Ärger in der steuerlichen Grauzone vermeiden, indem er den Champagner auf der Rechnung erscheinen lässt – aber doch nicht die Kosten für die Ladies, die ihn servieren. Moralpredigten oder Gesetze werden daran nichts ändern können. Mich erinnert die ganze Debatte an die Geschichte des Mundartdichters Ludwig Thoma, der über einen katholischen Abgeordneten aus Bayern schrieb, der sich gerne Fotos von „nackerte Weiber“ ansah mit der Begründung, dass er sich dann „besser entrüsten“ könne.

Die faule Jugend

Auch die dritte der gegenwärtig so dominanten Diskussionen kommt mir so neu vor wie die Kontinentaldrift. Nicht nur die Amerikaner lamentieren mal wieder über die angeblich so faule Jugend. Laut „New York Times“ meinen drei von vier Befragten, die Generation Facebook sei die faulste, verwöhnteste, ungeduldigste und respektloseste Gruppe aller Zeiten. Selber schuld also, wenn die es schwer habe, einen vernünftigen Job zu finden, sagt die Vox populi. Nun, die klagt schon seit Sokrates Zeiten über die hoffnungslose Jugend. Der schrieb: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität.“. Aristoteles haute in dieselbe Kerbe: „Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“. Kommt einem irgendwie bekannt vor – das haben sie über uns Baby Boomer auch gesagt - und über die 68er sowieso.

Mal ehrlich: Im Großen und Ganzen ist die Lage doch fantastisch, wenn es in Sachen Karriere und Führung nichts Wichtigeres zu bejammern gibt als den bislang obskuren neuen Chef einer erstklassig laufenden Bank, das hemmungslose Begießen guter Geschäfte und eine Jugend, die genauso ungekämmt und nutzlos daherkommt wie alle Generationen vor ihr.

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