Führungs-Spitzen: Lieber "verroht" als erstarrt

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Woran lag's, dass an diesem 1. Mai weniger Bundesbürger zu den Kundgebungen der Gewerkschaften kamen als in den Jahren zuvor? Lag's daran, dass der Tag der Arbeit diesmal in die Osterferien fiel? Oder ist das Bild angestaubt, dass die Gewerkschaften von der Arbeitswelt haben?

Der Mai ist ein emotionaler Monat. Nicht nur zieht es Liebespaare in die Biergärten, sondern auch Sozialromantiker auf die Straße. Zum Tag der Arbeit wird dann so richtig auf den Putz gehauen. Für DGB-Chef Michael Sommer ist der erste Mai nach eigenem Bekunden „wie für einen Priester Weihnachten, eben der jährliche Höhepunkt“. Nur dass seine Predigt nicht vom Christkind, sondern von Ausbeutung und Lohndumping handelt.

Sommer klingt, als wäre der deutsche Wohlstand gefährdet, weil es im Land keine flächendeckenden Mindestlöhne gibt. Das ist erstaunlich, denn die ausländische Presse feiert ein deutsches Jobwunder. Tatsächlich schrumpft die Arbeitslosenquote, im ersten Quartal wurden rund 35.000 Stellen neu geschaffen, eine Million Arbeitsplätze sind momentan unbesetzt, Fachkräfte in vielen Branchen Mangelware.

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Angestaubte Vorstellung

Sommer & Co. ignorieren diese Leistung der Wirtschaft, nennen den  Arbeitsmarkt „verroht“ und maulen über Minijobs, Teilzeitverträge und den Erfolg der Zeitarbeitsfirmen – alles Beschäftigung, die den Gewerkschaftern als „prekär“ gilt und damit als menschenunwürdig. Dass viele Studenten, Pensionäre und Hausfrauen ein steuerfreies Zubrot via Minijob gut gebrauchen können, fällt dabei genauso unter den Tisch wie der Wunsch vieler Mütter nach Teilzeitstellen. Ebenso die Tatsache, dass die Unternehmer ohne die Flexibilität der Zeitarbeit deutlich schlechter zurecht kämen und hier ja längst Mindestlöhne zahlen.

Sommer hat offenbar eine Vorstellung von einem „ordentlichen“ Arbeitsplatz, die in den 60er Jahren hängen geblieben zu sein scheint. Acht bis halb fünf – und am besten ein Leben lang bei derselben Firma. Dass dies weder in die globale Wettbewerbslandschaft passt noch zum Lebensentwurf vieler Deutscher, kann sich einer wie Sommer offenbar nicht vorstellen. Er sagt ja selbst, dass er nicht auf neue Ideen setzt. In Sachen Gewerkschaft will er „lieber auf alte Stärken bauen als modernisieren“. Schon die Griechen der Antike wussten, dass alles fließt, aber offenbar nicht der Herr des DGB.

Abstimmung mit den Füßen

Manch einer wird jetzt auf den pragmatischen Lohnverzicht verweisen, auf den sich die Gewerkschaften in der Krise einließen. Nun, was anderes blieb ihnen schlicht nicht übrig, sonst hätte es eben Kündigungen gehagelt. Die Gewerkschaften wirken nicht deswegen moderner, sondern weil sie derzeit einfach näher an den Stammtisch heran gerückt sind. Lange Zeit standen sie mit ihrer Kritik an den Managern und ihrer Forderung nach Regulierung eher am Rande, seit der Weltwirtschaftskrise hat sich die gesellschaftliche Mehrheitsmeinung eben zu ihren Gunsten verschoben. Hagen Lesch, ein Wissenschaftler am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, beobachtet daher, dass sich jüngere Arbeitnehmer wieder häufiger organisieren als früher.

Der DGB mag das schon als Erfolg verbuchen, aber Fakt ist, dass ihm seit 1990 rund 5,6 Millionen Mitglieder abhanden gekommen sind. Sommers komplette Klientel muss schließlich mit dem stetem Wandel der Moderne leben, während er selber auf Fels in der Brandung macht und sich weigert, die neuen Bedingungen der Arbeitswelt zur Kenntnis zu nehmen. Deswegen kann es  auch nur am Osterhasen gelegen haben, dass an diesem 1. Mai wieder 40.000 Menschen zu Hause blieben.

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