Führungs-Spitzen: Ritter der Effizienz bevorzugt

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Eine Studie warnt: Kreative werden nicht Chef, denn die Stereotypen über die „unberechenbaren Innovativen“ passen nicht zu den weit verbreiteten Erwartungen ans Topmanagement. Kommandotypen gelten einfach als verlässlicher. Deswegen kommen im Unternehmen so oft nur die üblichen Verdächtigen an die Macht.

Laut IBMs Institute for Business Value sagen 1500 befragte Unternehmenslenker „Kreativität“ - definiert als die Fähigkeit, neue und nützliche Lösungen für Probleme zu finden - sei die wichtigste Führungskompetenz im erfolgreichen Unternehmen der Zukunft. Das klingt gut, findet aber keinen Widerhall. Denn dem langjährigen Beobachter der Vorstandsetagen drängt sich der Eindruck auf: In vielen Organisationen werden regelmäßig nicht die Kreativen, sondern die stromlinienförmigen Ritter der Effizienz in die Topjobs befördert.

Mit diesem Verdacht stehe ich nicht alleine. Psychologen haben herausgefunden, dass die meisten Leute den geborenen Chef als jemanden sehen, der Unsicherheit abbaut und Verlässlichkeit ausstrahlt, in der Gruppe gemeinsame Werte betont, integrierend wirkt und so den Status quo zementiert. Die allgemeine Wahrnehmung von kreativen Persönlichkeiten steht dazu seltsam quer: Dass jemand Veränderungen will und eventuell mit bisher unerprobten Lösungen daher kommen könnte, wirkt auf viele schon wie unerwünschte Quertreiberei. Das berichten Jennifer S. Mueller von University of Pennsylvania, Jack Goncalo von der Cornell University und Dishan Kamdar von der Indian School of Business.

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Kompetenz reicht nicht

Die Forscher baten 346 Mitarbeiter der Forschungsabteilung einer großen indischen Raffinerie, ihre Kollegen zu bewerten, einmal nach Innovationskraft und dann nach Führungsqualität. Ergebnis: Selbst an einem Arbeitsplatz, wo kreative Ideen Teil der Stellenbeschreibung sind, werden sehr innovative Menschen nicht als Chefs wahrgenommen. In einem zweiten Experiment wurden 400 Studenten in den USA gebeten, innovative Ideen zu formulieren und danach die Ideen der anderen zu bewerten. Auch dabei kam heraus, dass die kreativsten Typen zwar als „kompetent“ betrachtet wurden – aber nicht als potenzielle Führungskräfte.

Mit der einen Ausnahme: Wirkten die Innovativen auch „einzigartig“ und „individualistisch“,  galten sie schnell auch als „charismatisch“ und damit schon eher als Anführer. Doch die genialischen Typen bleiben die absoluten Ausnahmen, das dominante Führungsmodell ist das der verlässlichen, berechenbaren Effizienz. Menschen wollen keinen Chef mit Ideen, sondern einen, der ein stabiles Umfeld garantiert. Daher meinen die Forscher: Weil die in den Köpfen der Menschen tief verankerten Ideen von Kreativität so gar nicht mit denen von Führungskompetenz zusammenpassen, werden kreative Leute auf der Karriereleiter vieler Unternehmen langfristig förmlich aussortiert. 

Kreativere Aufsichtsräte gefragt

Das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Was für indische Chemiker und amerikanische Studenten gilt, charakterisiert auch viele Aufsichtsräte in deutschen Konzernen. Von innovativen Lösungen wird gerne geredet, kommt es jedoch im Nominierungs-Komittee zum Schwur, ist das schnell vergessen. Zum Zuge kommt der Bewahrer. Wegen der stereotypen Vorstellungen, was einen guten Chef ausmacht, werden wohl auch so wenig Frauen, Ausländer und Branchenfremde auf Entscheiderjobs gesetzt. Stattdessen regieren diejenigen, die sowieso schon alle kennen.

Fazit: Wenn also wirklich „Kreativität“ die wichtigste Führungskompetenz im erfolgreichen Unternehmen der Zukunft ist, wie so viele CEOs sagen, wäre es dringend geboten, dass auch in den Personalabteilungen und  Aufsichtsräten etwas mehr Experimentierlust ausbricht. Sonst wird das nichts mit dem kreativen Erfolg in der Zukunft.

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