Führungs-Spitzen: Verschlampt, verfälscht, vertuscht: Verhaftet!

kolumneFührungs-Spitzen: Verschlampt, verfälscht, vertuscht: Verhaftet!

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

An allem ist das große Beben schuld! So würde es der japanische Kernkraftwerks-Betreiber Tepco gerne sehen. Nun kühlt der Konzern die Reaktoren notdürftig mit Meerwasser, und von Kalifornien bis Neuseeland zittert alle Welt um den Pazifik. Ein Blick in die Unternehmensgeschichte des Betreibers zeigt jedoch, dass es sich hier nicht nur um die Folgen von Naturgewalt handelt, sondern auch um Managementversagen.

„Bedauerlich, aber leider die Folge einer Katastrophe und damit außerhalb menschlichen Vermögens...“. Diese Haltung wird von Führungskräften gerne eingenommen, wenn irgendwo ein Flugzeug vom Himmel fällt oder eine Fabrik abbrennt. Im konkreten japanischen Fall hat die Erde gewaltig gebebt, aber dass die Reaktoren dieses Unternehmens nun durchzubrennen drohen, ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht zuletzt auch die Folge von grobem Managementversagen.

Bei den Atomanlagen Fukushima eins, zwei und drei versagten die Notfall-Systeme nach schweren Beben am Freitag und Montag. Ein weiteres, Kashiwazaki an der japanischen See, wurde schon von einem Beben im Juli 2007 schwer beschädigt. Damit erfolgten nun in mehreren Anlagen des Betreibers Tepco innerhalb von nur vier Jahren bebenbedingte Unfälle, die laut den Beteuerungen der Firma eigentlich nicht hätten möglich sein können. Tepco verantwortet in Japan drei große Nukleareinrichtungen mit 17 Reaktoren und ist damit einer der größten Energieversorger der Welt. Geradezu unglaublich ist daher die an Affären reiche Geschichte des Unternehmens. Unglaublicher ist nur noch, dass die Behörden die Management-Laienspielschar an seiner Spitze gewähren ließen.

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Unfassbar miserable Führung

2002 musste die japanische Regierung zugeben, dass bei Tepco 20 Jahre lang Störfälle heruntergespielt oder versteckt, Reparaturberichte systematisch gefälscht und Probleme ignoriert worden waren. Damals wurden alle Reaktoren zeitweilig vom Netz genommen, das Tepco-Topmanagement musste den Hut nehmen. Fünf Jahre später wurde die Wiederholung der Schlampereien aufgedeckt: Risse in Wasserrohren und der deswegen austretende radioaktive Dampf waren den Behörden nicht gemeldet worden, nach einem Seebeben schwappte verseuchtes Wasser durch die Gegend.

Tepco musste erneut das größte Atomkraftwerk der Welt vom Netz nehmen, auch der neue Vorstand flog raus, ein weiteres Regime versprach Besserung – die wieder nicht eintrat: Auch unter der gegenwärtigen Führung sollen Sicherheitsfachleute davor gewarnt haben, die Notstromgeneratoren der küstennahen Atomanlagen mit Diesel zu betreiben, weil sie unter einer Flutwelle schnell versagen. Genau das ist jetzt passiert und heißlaufende Reaktoren können bekanntlich zum GAU führen. Das Tepco-Management, seine internen Kontrolleure und die Verantwortlichen in den externen Regulierungsbehörden, die diese Ignoranz zu vertreten haben, gehören vor Gericht gestellt.

Neue Unübersichtlichkeit

Wohl wahr, es wird weltweit immer unwägbarer, ein Unternehmen zu führen, Nervosität und Volatilität nehmen in vielen Branchen und Märkten zu, mittelfristige Prognosen, wie sie noch vor der Jahrtausendwende möglich schienen, werden immer fragwürdiger. Konzernchef Wolfgang Reitzle formulierte das auf der jüngsten Bilanzpressekonferenz der Linde AG mit ungewöhnlicher Offenheit. In der Tat machen Unruhen in Nordafrika, schwankende Ölpreise, Terror, Erdbeben, Flutwellen und die halsbrecherische Finanzpolitik vieler Staaten das Leben für Top-Entscheider in der Wirtschaft nicht einfacher. Aber das ist nur die eine Seite – die andere ist die persönliche Verantwortung, die jemand übernimmt, der einen Top-Job antritt und das entsprechende Gehalt kassiert.

Wer sich verhält wie die Tepco-Manager, steht zu Recht am Pranger. Wer das Leben seiner Mitarbeiter und Mitmenschen wissentlich gefährdet und große Umweltschäden riskiert, gehört streng bestraft. Einmaliges menschliches Versagen unter größtem Stress - wie es bei vielen Unfällen zu Grunde liegt - mag noch zu entschuldigen sein, ein über Jahre anhaltendes System aus Vertuschung, Ignoranz und Missmanagement ist es nicht. Die Schlamperei bei Tepco muss Konsequenzen haben, soll nicht der Ruf der Energiewirtschaft und der aller angestellten Manager auf der ganzen Welt weiter leiden. Viele haben das miese Image ihres Berufsstands nicht verdient – doch diejenigen, die es wissentlich ruinieren, gehören endlich aus dem Verkehr gezogen.

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