Führungs-Spitzen: Vom Segen des Gemeckers

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Kluge Chefs wissen: Wer im Mittelpunkt einer Party stehen will, darf nicht hingehen. Denn Lästereien über den Vorgesetzten gehören dazu – doch laut einer Studie hat jedes Land andere Gründe zum Meckern.

Die neue „Internationale“ der arbeitenden Klasse ist nicht etwa der Sozialismus, sondern die Wut auf den Boss. Global gilt, dass Führungskräfte kritisch beäugt werden und die jüngste Weltwirtschaftskrise verhalf den Untergebenen auch nicht gerade zu einer rosa Brille. Das ergab eine Studie des Personaldienstleisters Rundstedt, für die 6800 Arbeitnehmer in elf Ländern befragt wurden, 529 davon in Deutschland. Mochte bei der Vorgängerstudie von 2007 noch fast jeder Dritte seinen Chef, kann jetzt nur noch jeder Fünfte Vorzüge am Vorgesetzten entdecken.

Die Deutschen – wie immer – sind besonders kritisch: Sagten 2007 noch rund 28 Prozent der Arbeitnehmen zu ihrem Boss: „Setzen, eins!“, sind es heute nur noch 17 Prozent, die die Note „sehr gut“ wagen. Ihren Glorienschein weitgehend eingebüßt haben die Chefs auch in USA, Polen und Großbritannien.

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Hier der Wankelmut, da die Manieren

International höchst unterschiedlich bewertet wird jedoch, was am Chef am meisten nervt. So stört es zum Beispiel mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer in Frankreich, wenn der Boss nicht grüßt – in Deutschland sagt das nur jeder Dritte. Vielleicht weil proaktives „Mahlzeit“-Rufen hier immer einfach angesagt ist und die Leute daher nix zu klagen haben? In Russland jedoch ärgert sich fast die Hälfte der Befragten, wenn der Chef seine Gefühle nicht im Griff hat, in Deutschland kritisiert das ebenfalls nur jeder Dritte – vermutlich, weil die Ingenieurnation zwischen Nord- und Bodensee einfach wenig Drama-Queens hervorbringt.

Der Teutone jedoch hasst es, wenn der Chef keine Entscheidungen trifft: 41 Prozent der im Land Befragten können das nicht ausstehen. Ähnlich auf die Palme treibt den deutschen Mitarbeiter nur noch, wenn der Boss konstant die Meinung ändert – das bemängeln 40 Prozent der Befragten. Kein Wunder, bei schwankenden Auffassungen ist es ja auch schwer, eine Entscheidung zu treffen! In Italien hingegen stört sich daran nur jeder Dritte. Auf dem Stiefel ist man es eben gewohnt, dass alles fließt, das Land erlebte seit 1945 ja auch über 60 Regierungen. Merke: Jede Nation enerviert sich so gut sie kann.

Kein Klischee bleibt unbedient

Doch nicht nur die nationalen Klischees bestätigt die Studie, sie erfreut uns auch mit quasi typologischen Branchenergebnissen: Das beste Betriebsklima überhaupt herrscht laut Umfrage im Öffentlichen Dienst, wo 87 Prozent der Befragten in Harmonie leben. Wer völlig losgelöst vom Ergebnis jeden Monat sein Schärflein abbekommt, kann ja auch großzügig sein – laut Studie herrscht in den Amtsstuben der geringste Stress und sensationelle 13 Prozent der Befragten klagen gar über Unterforderung. Am spannungsreichsten geht es dem gegenüber in der Energiewirtschaft zu: Da stehen die Leute so unter Strom, dass 28 Prozent das soziale Klima als GAU bewerten. Gebeutelt ist auch die Finanzwirtschaft: 23 Prozent fühlen sich da gemobbt – das sind vermutlich diejenigen, die auf den toxischen Papieren sitzen, die jüngst die Krise mit auslösten – wenn nicht die, die diese Papiere überhaupt erst erfunden haben. 

Insgesamt glauben fast sechs von zehn Befragten, dass ihr Job gesundheitsschädlich sei. Und je größer die Firma, desto schlechter fallen die Bewertungen aus. Aber was lehrt uns das? Nichts Neues: Global wächst der Leistungsdruck in vielen Branchen, es gibt viel zu viele schlechte Chefs, nicht nur in Deutschland, und im Familienbetrieb geht’s einfach persönlicher zu. Diese Studie erinnert uns daran, dass hart arbeitende Leute auf der ganzen Welt ein Ventil brauchen und daher gerne meckern. Dabei variieren die Themen nach Branche und Nationalcharakter, attackiert wird jedoch in der Regel nicht ein Unterling, sondern der Überflieger. Die Nörgelobjekte überall können sich also mit dem Bonmot von Norman Mailer trösten: „Erfolg ist nur halb so schön, wenn es keinen gibt, der einen beneidet.“

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