Führungs-Spitzen: Vom Umgang mit Untergebenen

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Kann man einen Mann als Vorstandsvorsitzenden einstellen, der in seinem bisherigen Job in zwei Jahren zwölf Assistentinnen verschlissen hat? Die Risiken sind hoch – auch wenn der Kandidat ansonsten noch so profiliert und charismatisch zu sein scheint.

Ein Aufsichtsrat eines britischen Unternehmens schreibt an Lucy Kellaway, die Management-Redakteurin der „Financial Times“: „Wir suchen einen neuen Vorstandschef und haben einen vielversprechenden Kandidaten: Er hat eine tolle Erfolgsgeschichte, ein gutes Profil, ist dynamisch und charismatisch.“ Kurz vor Vertragsunterzeichnung habe man aber erfahren, dass „seine persönlichen Assistentinnen ihn unmöglich finden“, er habe in zwei Jahren zwölf Damen verschlissen. Nun frage sich der Aufsichtsrat, ob das ein k.-o.-Kriterium sei.

Was Lucy Kellaway diesem Aufsichtsrat antworten wird, steht erst am Mittwoch in der „FT“, doch eigentlich kann es nur eine Reaktion geben: Finger weg von diesem Mann! Wenn zwölf verschiedene Persönlichkeiten im Schnitt nach acht Wochen erkennen, dass sie lieber ihren Job an den Nagel hängen, als weiter für diesen Menschen zu arbeiten, handelt es sich wohl um einen extrem unbeherrschten Chef. Entweder sieht er in den Damen im Vorzimmer sexuelles Freiwild oder aber er ist despotisch.

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Gift fürs Geschäft

Wer vermeintlich unwichtige Untergebene respektlos behandelt, hat von Menschenführung und Motivation nichts begriffen. Und da die Fähigkeit, Mitarbeiter um sich zu scharen und für Projekte zu begeistern, in einer Wissensgesellschaft erfolgsentscheidend ist, muss dieser Mann als Top-Führungskraft ungeeignet sein, selbst wenn er im Kreis der Kollegen noch so jovial auftritt. Eine Firma ist schließlich wie ein Auto: Das funktioniert auf Dauer auch nur, wenn man auch die kleinen Rädchen pflegt. Ein Fahrer, der sich nur auf den Motor konzentriert und die Funktionsfähigkeit von Getriebe, Karosse und Bremsen für vernachlässigbar hält, provoziert Pannen.

Menschenverachtendes Verhalten gegenüber Untergebenen ist  geschäftsschädigend – beim neuen Arbeitgeber genauso wie beim alten. Deswegen stecken in diesem vermeintlichen Einzelfall zwei Botschaften für alle Personalentscheider: Natürlich ist es wichtig, die Referenzen von Vorgesetzten und Kollegen zu prüfen. Doch gerade im Zweifelsfall sollten wir häufiger auch den Umgang eines Chefs mit den Dienstleistern im Unternehmen hinterfragen. Mit dem Aufsichtsratschef charmant sein kann nämlich fast jeder, wer jedoch Empfangsdamen oder Fahrer mies behandelt, zeigt als Führungskraft sein wahres Gesicht.

Ehrlichere Referenzen

Auch die Referenzgeber sollten, wenn es sich um Top-Führungskräfte und Organe handelt, ungeschminkte Auskünfte geben. Natürlich sind viele froh, einen Schinder loszuwerden und die meisten Entscheider wollen dem Ex-Kollegen lieber nicht schaden, aber Despoten und Frauenverachter sollten nicht auch noch nach oben weg gelobt werden. Falsche Fürsorge für Leute, die das Thema Führung nicht kapieren, muss nämlich nicht nur die nächste Runde an Assistentinnen ausbaden, sondern der ganze Betrieb beim neuen Arbeitgeber. Gute Unternehmenskultur fängt nämlich oben an, nicht unten.

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