Führungs-Spitzen: Wirtschaftswunder in der Provinz

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Im Herz des deutschen Erfolges stehen vor allem kleine und mittlere Unternehmen. Von den vermeintlich biederen Firmen in der Provinz kann das Ausland viel lernen, auch im Hinblick auf ihre Personalpolitik.

Für uns Deutsche ist Mittelstand was ganz Normales, schließlich sind 99 Prozent der umsatzsteuerpflichtigen deutschen Unternehmen Betriebe mit maximal 500 Mitarbeitern und 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Dort sind auch 66 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Jobs und 83 Prozent aller Ausbildungsplätze zu finden.

Die Verblüffung im Ausland darüber, dass nicht Konzerne die deutsche Wirtschaft treiben, sondern hochspezialisierte Betriebe in ländlichen Regionen, ist jedoch kaum zu überhören. Beispielsweise schreibt der renommierte britische "Economist": "90 Prozent der deutschen Mittelständler arbeitet im Business-to-Business-Geschäft, 70 Prozent sind in der Provinz angesiedelt. Geführt werden sie von unbekannten Führungskräften und nicht von hippen Jungstars in T-Shirts und Flipflops."

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Die Rede ist von den auch hier wenig bekannten deutschen Weltmarktführern in verschiedenen Nischengeschäften: Druckerpressen (Koenig & Bauer), Nummernschildern (Utsch), Schnupftabak (Pöschl), Rasierpinseln (Mühle), Fliegenfängern (Aeroxon), Ketten (RUD), Türen (Dorma), Rollen für Krankenbetten (Tente), Öfen für Profiküchen (Rational) und Hochdruckreiniger (Kärcher). Der Unternehmensberater Hermann Simon hat Betriebe wie diese "hidden champions" getauft und es ist kein Wunder, dass seine Bücher unter den wenigen Managementfibeln aus deutscher Feder sind, die auch ins Englische übersetzt werden.

Die von ihm beschriebenen Unternehmen sind eher im traditionellen Maschinenbau zu finden als in der modischen Softwareindustrie und oft in kleinen Feldern, wo sie ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Großunternehmen vermeiden können. Außerdem haben sie die vergangenen 30 Jahre intensiv genutzt, um über ihre Dominanz auf dem deutschen Markt hinaus zu wachen und zu internationalisieren. Sie haben die Chancen in Osteuropa und Russland erkannt und rechtzeitig China als die Fabrikhalle der Welt identifiziert. Ein typischer Vertreter von Simons Theorie hat Niederlassungen in 24 Ländern, ist hoch innovativ und serviceorientiert.

Börsenfremd und kundennah

Diese Mittelständler werden oft dafür kritisiert, dass sie nicht an die Börse gehen und den Erfolg nicht genug kapitalisieren - und überhaupt seien diese Betriebe viel zu konservativ. Tatsächlich kann es auch ein Vorteil sein, nicht jeder Schwankung der Finanzmärkte zu unterliegen, nicht ständig mit Analysten reden zu müssen und nicht so leicht zum Übernahmekandidaten zu verkommen. Und das mit dem konservativ ist einfach Quatsch, laut einer Studie von Intes haben deutsche Familienunternehmen beispielsweise deutlich mehr Frauen in der Geschäftsführung als Konzerne. Und bekanntlich sind gemischte Teams erfolgreicher als homogene.

Welche Lehren also zieht das Ausland aus den Erfolgen des deutschen Mittelstands? Man muss kein neues Silicon Valley aufbauen, um Erfolg zu haben. Die Besinnung auf traditionelle Branchen ist oft gesünder. Selbst winzig wirkende Nischen können - global gesehen - zu großen Märkten werden. Jobs können auch in den westlichen Industriegesellschaften verbleiben und es können sogar neue Stellen entstehen, wenn die Unternehmen fokussiert und innovativ bleiben.

Haltet eure Leute an Bord!

Doch die wichtigste Lektion ist aus meiner Sicht: Setzt auf gut ausgebildetes Personal, trainiert es ständig weiter und haltet an euren Leuten fest – selbst wenn das in globalen Finanzkrisen auch mal weh tut. Viele deutsche Unternehmer tun alles, um ihre sorgfältig qualifizierten Fachkräfte an Bord zu behalten. Nicht umsonst gelingt es diesen Betrieben auch, begabtes Führungspotenzial aufs platte Land zu locken. Vielen Menschen fällt es eben leichter, sich mit einem kleineren, kundenorientierten, hoch innovativen Mittelständler zu identifizieren, wo es persönlich zugeht, als mit hunderttausend Kollegen im Konzern. So gesehen ist das neue deutsche Wirtschaftswunder im wesentlichen intelligente Personalarbeit. Das sollte auch hippen Jungstars zu denken geben.  

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