Fusionshunger an der Börse: Optische Täuschung

KommentarFusionshunger an der Börse: Optische Täuschung

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Es kommentiert WirtschaftsWoche-Redakteur Mark Böschen

Das neue Jahr brachte eine Großfusion in Europa, die alle Übernahmen 2009 übertrifft. Schub für die Börse erzeugt das aber nicht, denn der Übernahmemarkt bleibt trotzdem schwach.

Da tränen einem die Augen: Der Pharmakonzern Novartis zahlt 39 Milliarden Dollar für den Hersteller von Kontaktlinsenreinigern Alcon. Ein schöner Geldsegen für die Aktionäre, vor allem für Haupteigner Nestlé. Und ein sicherer Platz unter den größten Übernahmen 2010 in Europa für Novartis. 2009 wäre der Alcon-Kauf die größte Übernahme des Jahres gewesen, noch vor dem Rettungseinstieg des britischen Staats bei der Royal Bank of Scotland. Novartis-Alcon liegt auch weit vor dem Gebot von 17 Milliarden Dollar, das US-Nahrungsmittelanbieter Kraft für den britischen Schokoladenhersteller Cadbury abgibt.

Weiter schwaches Übernahmevolumen

Treibt der Fusionshunger die Aktienrally weiter? Steigen die Indizes, weil andere Konzerne für Rivalen Aufschläge zum Börsenkurs bieten, Aktien einsammeln und dann von der Börse nehmen?

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Wohl kaum. Selbst berufsmäßig optimistische Fusionsberater erwarten 2010 ein Übernahmevolumen wie im Vorjahr, als das Geschäft auf das Niveau von 2004 geschrumpft war. Vor allem aber ist für den Aktienmarkt nicht nur das Übernahmevolumen wichtig. Was zählt, ist der Netto-Effekt: Bei Übernahmen und Aktienrückkäufen vom Markt genommene Aktien verknappen, neue Papiere aus Emissionen vergrößern das Angebot. Daten vom US-Analysehaus Trimtabs zeigen, dass Aktien nicht knapp werden: US-Unternehmen brachten im Dezember neue Aktien im Volumen von 76 Milliarden Dollar an die Börse, nahmen aber nur welche für 18 Milliarden vom Markt. Das neue Angebot war viermal so groß wie das aufgesaugte Volumen. Ginge es nur danach, müssten die Kurse fallen.

Trend hält

2010 sollte der Trend anhalten. "Bei deutschen Aktienemissionen erwarte ich ein doppelt so hohes Volumen wie im Vorjahr", sagt Armin Heuberger, der bei UBS für das deutsche Emissionsgeschäft zuständig ist. 2009 kamen bis November deutsche Aktien für 18 Milliarden Dollar an den Markt.

Für ein großes Aktienangebot spricht auch die erste Handelswoche des Jahres: Da sammelte Autozulieferer Continental 1,1 Milliarden Euro per Kapitalerhöhung ein. Conti will die beim Kauf der Siemens-Tochter VDO aufgetürmten Schulden reduzieren. Der Megadeal – Conti zahlte damals elf Milliarden Euro für VDO – ruft in Erinnerung, dass die vorerst letzte Übernahmewelle erst 2007 endete. Viele Käufer haben die in dieser Zeit verschlungenen Brocken immer noch nicht verdaut. Die Banken, die damals allzu leichtfertig Kredite vergaben, werden ihr Geld mit Sicherheit nicht komplett wiedersehen. Ihre Lust auf neue Megadeals ist begrenzt.

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