Gbureks Geld-Geklimper: Die große Lust am Börsenspiel

kolumneGbureks Geld-Geklimper: Die große Lust am Börsenspiel

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Manfred Gburek

Kolumne

Trading lässt die Herzen von Bankern höher schlagen und die Chancen von Anlegern tief sinken. Der Neue Markt ist längst tot, das Image der Zertifikate durch Lehman schwer beschädigt, es lebe das Spiel mit CFDs.

Seifenblasen, wohin man schaut. Kinderbelustigung? Nein, das Aufmacherfoto zu "VDAX-NEW", einer Broschüre der Deutschen Börse, in der sie ihren Volatilitätsindex beschreibt. Treffender hätte sie diese Kreation wahrlich nicht bebildern können, bietet sie mit dem Index nach ihren eigenen Worten doch "einen standardisierten Zugang zu der erwarteten Schwankungsbreite des DAX in den kommenden 30 Tagen". Also eine Anleitung zum Spielen, symbolisiert durch Seifenblasen? Die Deutsche Börse verwendet lieber den Begriff "separate Assetklasse", basierend auf DAX-Optionen, die an der Terminbörse Eurex gehandelt werden. Die Volatilität (Schwankungsstärke) gilt ihr als Risikomaßstab.

Die Diskussion darüber, ob es sich hier um Seifenblasen handelt oder nicht, müsste eigentlich spätestens mit den Erkenntnissen von Benoit B. Mandelbrot ("Fraktale und Finanzen") oder Nassim Nicholas Taleb ("Der Schwarze Schwan") abgeschlossen sein: Volatilität und Risiko sind zweierlei. Doch das zuzugeben, würde bedeuten, jahrzehntelang praktizierte Regeln der Geldanlage ad absurdum zu führen und den Nobelpreisträgern, die sie aufgestellt haben, ihren Preis wieder abzunehmen. Folglich tut man so, als sei die Volatilität für die Geldanlage immer noch der Risikomaßstab schlechthin - schließlich beruht ja das eine oder andere Geschäftsmodell der Banken auf ihr, etwa wenn der VDAX diversifizierten Portfolios beigemischt wird oder wenn er Börsenspieler zu häufigen Umschichtungen animiert.  

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Banken lieben Trader

Kurs- bzw. Preisschwankungen regen nicht nur Spieler an, sondern auch Spekulanten. Die Grenze zwischen beiden ist zwar fließend, lässt sich aber grob so ziehen: Die einen schalten vor lauter Gier ihren Denkapparat aus, die anderen wägen vor jeder Entscheidung wenigstens Pro und Kontra ab. Oder so: Die einen betreiben Trading - im engeren Sinn: schwunghaften Handel - um des Tradings willen und haben Lust am Spiel, die anderen begreifen die Spekulation eher als intellektuelle Herausforderung und haben Lust am Gewinn. Daraus ergibt sich schlüssig, welcher der beiden Typen den Banken lieber ist: Wer ein Depot häufig umschichtet, generiert hohe Provisionen; wer dagegen nur auf den eigenen Gewinn abzielt, ist für Banken uninteressant.

Es gibt Börsianer, die behaupten, zehn Mal zehn Prozent Gewinn zu erzielen sei leichter ein Mal hundert Prozent. Dieser Unsinn ergibt auch dann keinen Sinn, wenn Banken ihre Kunden zu möglichst viel Trading animieren. Wer zehn Mal einen Gewinn erzielen will, zum Beispiel mit Aktien, hat die zehnfache Arbeit dessen, der nur einen einzigen Gewinn anstrebt. Es sei denn, er oder sie hat keine Lust auf umfangreiche Recherchen und lässt sich stattdessen lieber von fremden Meinungen beeinflussen - für Banken eine ideale Konstellation, ihn oder sie zum Trading zu animieren: mit eigenen oder fremden Analysen, mit Gewinnwarnungen oder Enthüllungen der Medien, mit dem Hinweis auf den gestiegenen Ölpreis heute oder auf den drohenden Dollarverfall morgen. Und weil das Ganze unter dem Vorbehalt vonstatten gehen muss, dass Banken auf keinen Fall in die Beraterhaftung geraten dürfen, machen sie ihren Kunden das Trading mit der Aussicht auf hohe Gewinne schmackhaft, überlassen ihnen jedoch die Entscheidung.

Neues Spiel mit CFDs

Als vor einem Jahrzehnt die Sumpfblüten am Neuen Markt so richtig ausschlugen, hatten die Daytrader ihren Spaß. Als aus dem Spaß etwas später Ernst wurde, verloren sie ihr ganzes Geld. Der Neue Markt ist längst tot. Doch was ein richtiger Spieler ist, hat inzwischen einen adäquaten Ersatz gefunden: in Zertifikaten und, zumal die Lehman-Pleite diese Spezies zunehmend anrüchig erscheinen lässt, mehr und mehr in CFDs (Contracts for difference). Hierbei handelt es sich um Differenzgeschäfte ohne Laufzeitbegrenzung, um Wetten auf Kurs- bzw. Preisänderungen von Aktien, Indizes, Zinsen, Währungen, Rohstoffen usw., ohne dass die Spieler diese zu besitzen brauchen. Wie Zertifkate gehören sie zu den Derivaten, also abgeleiteten Finanzprodukten.

Ironie der Geschichte. Wer bis Ende 2008 zum Beispiel Aktien kaufte, kann sie - falls es dazu in Zukunft keine neuen Gesetze gibt - nach einem Jahr Wartezeit beliebig lange halten, ohne Abgeltungsteuer auf Kursgewinne berappen zu müssen. Wer dagegen Aktien (oder andere Wertpapiere) seit Anfang 2009 gekauft hat oder kauft, ist der Abgeltungsteuer unterworfen. Daraus ergibt sich jetzt ein relativer Vorteil für kurzfristige Trader: Bis Ende 2008 waren sie im Vergleich zu langfristig orientierten Anlegern, die ihre Aktien mindestens ein Jahr hielten, benachteiligt, weil sie ihre innerhalb Jahresfrist erzielten Gewinne versteuern mussten. Seit Anfang 2009 sind sie dagegen mit den neuen Langfristanlegern steuerlich gleichgestellt.

Die Banker freut es. Und die Spieler? Ihnen dürfte es ziemlich schnuppe sein, dass nun auch ein Teil der Langfristanleger zur Kasse gebeten wird - Hauptsache, sie haben weiter Spaß am Spielen. Im Übrigen ist eines sicher: Nach VDAX und Neuem Markt, nach Zertifikaten und CFDs werden Banken und Börsen weitere Instrumente erfinden, um die Spieler bei Laune zu halten.

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