
Li Xiaochao, Vertreter des chinesischen Statistikamtes, hatte im Juli ausschließlich Positives zu verkünden: Um 7,9 Prozent, stärker als von den meisten Analysten erwartet, war Chinas Wirtschaft im zweiten Quartal gewachsen. Im Vergleich zum Vorquartal bedeutete dies ein stolzes Plus von 17 Prozent.
In den ersten drei Monaten des Jahres hatte das Wachstum im Jahresvergleich noch bei für chinesische Verhältnisse mageren 6,1 Prozent gelegen. Li glaubt, China sei nun auf dem richtigen Weg, um das Regierungsziel von acht Prozent Wachstum für das Gesamtjahr zu erreichen. „Der Zuwachs im ersten Halbjahr hat für den nötigen Schwung gesorgt.“
Die guten Nachrichten treiben Chinas Aktienmärkte wieder schnell in vorkrisenhafte Höhen. Um 85 Prozent hat der Index der Börse Shanghai seit Anfang des Jahres zugelegt. Der Hang Seng in Hongkong liegt seit Januar immerhin um 40 Prozent im Plus. Vor allem institutionelle Investoren machen derzeit Jagd auf Aktien, hat Sam Hilton, Analyst bei Fox-Pitt Kelton in Hongkong, beobachtet, „und die greifen sich vor allem H-Aktien und Red-Chips, weil sie an die chinesische Wachstumsstory glauben“.
H-Aktien sind Papiere von Unternehmen aus der Volksrepublik China, die in Hongkong gelistet sind. Red Chips sind Aktien von Gesellschaften, die ihr Hauptgeschäft in China abwickeln, den Firmensitz aber außerhalb des Landes haben, wie etwa China Mobile, Chinas größter Mobilfunkanbieter.
Das Kreditgeschäft boomt
Dagegen sind es an den chinesischen Inlandsbörsen vor allem Privatanleger, die nun ihr Geld in die Märkte pumpen. Dank des streng kontrollierten Kapitalmarktes und niedriger Einlagezinsen haben chinesische Investoren kaum Alternativen zur Aktienanlage. Rund 500.000 neue Konten werden in China zurzeit jede Woche bei Banken und Investmenthäusern eröffnet. Studenten, Dienstmädchen, Rentner: Jeder will bei der aktuellen Rally dabei sein.
Geld ist reichlich vorhanden und billig: Fünfmal hat Chinas Zentralbank seit dem vergangenen Jahr, als das Land die Auswirkungen der Krise zu spüren bekam, die Zinsen gesenkt. Hinzu kommt: Ende 2008 wies die Regierung die großen Staatsbanken an, die Kreditvergabe zu lockern, damit Firmen und Behörden in neue Fabriken, Straßen, Wohnsiedlungen investieren können.
Die Banken ließen sich nicht lange bitten: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres gaben sie etwa 760 Milliarden Euro an neuen Krediten aus, dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum. „Die Summe entspricht etwa einem Viertel der prognostizierten chinesischen Wirtschaftsleistung für 2009“, so Wang Tao, China-Chefökonomin bei UBS in Peking.
Verwildertes Banksystem
Etwa 20 Prozent der Neukredite, die größtenteils an staatliche Unternehmen und Behörden gingen, flossen chinesischen Schätzungen zufolge in die Aktienmärkte statt in Infrastruktur und Fabriken. Mit weiteren 30 Prozent, hat der China-Chefökonom einer europäischen Großbank aus Hongkong errechnet, spekulierten die Staatsfirmen an den Immobilien- und Rohstoffmärkten.
So kaufte der Manager eines Staatsunternehmens 40.000 Tonnen Nickel, die er wenige Tage später, als der Preis gestiegen war, wieder losschlug. „Chinas wirtschaftliche Erholung findet auf dem Rücken eines verwilderten Bankensystems statt“, kritisiert Derek Scissors, China-Experte bei der Washingtoner Heritage Foundation, die mangelhafte Finanzaufsicht.
Vor allem die Darlehensvergabe der Staatsbanken hat mit dazu beigetragen, dass die jüngsten Börsengänge (IPOs) in China Riesenerfolge wurden. Das Papier des Mautstraßenbetreibers Sichuan Expressway legte am ersten Handelstag Ende Juli um 203 Prozent zu. Zwei Tage später ging die staatliche Baufirma China State Construction an die Börse und verbuchte am Ende des ersten Handelstages immerhin noch ein Plus von 56 Prozent. Nach einer neunmonatigen Sperre im Gefolge des starken Einbruchs des Aktienmarktes im vergangenen Jahr hat Chinas Regierung im Juli wieder die ersten IPOs zugelassen.









